Blog

Im Hintergrund ein Smartphone mit vielen bunten App-Symbolen. Im Vordergrund ein Smily, der sich die Hände an den Kopf hält, weil im schwindelig ist.

Bild: Collaga aus Sara Kurfess/Unsplash (Smartphone) und Conmongt/Pixabay (Emoji)

App-hängig: Wie uns Apps mit ihrem Design verführen wollen

06 Februar 2020

Lesezeit 8 Minuten

Kennst Du das? Du wolltest nur kurz die Uhrzeit checken, da fällt dir eine Push-Nachricht ins Auge. Schnell draufklicken und überfliegen, könnte ja etwas wichtiges sein. Da – plötzlich – ein roter Punkt über der Instagram App. Was gibt’s denn da neues? Direkt mal nachgucken, ist ja nur ein Klick. Dann das Handy wieder weglegen. Moment mal, war da nicht was? Ach ja, die Uhrzeit… das hast Du ganz vergessen. Doch warum eigentlich?

Warum tippen wir oft auf Apps, die wir gerade gar nicht brauchen?

Prof. Dr. Christian Montag hat darauf eine Antwort: „Tatsächlich verfolgen viele Betreiber*innen hinter den beliebtesten Apps auf dem Smartphone das Ziel, die Nutzer möglichst lange an die eigene Plattform zu ketten. Längere Verweilzeiten bedeuten am Ende des Tages auch mehr Daten, die an die Werbeindustrie verkauft werden können. Unter anderem helfen Push-Notifikationen dabei, die Nutzer*innen immer wieder daran ‚zu erinnern‘, dass gerade eine Nachricht eingegangen ist oder jemand das eigene Profil besucht hat.”

In unserem Blogartikel „Medial, sozial, individuell – Ursachen von Mediensucht“ sind wir den Risikofaktoren einer Onlinesucht auf die Spur gegangen. Dafür haben wir das Suchtdreieck nach Bert te Wildt herangezogen. Unser Fokus lag dabei auf den medialen Faktoren: Sozialer Zusammenhalt, Spielerische Elemente, Sexuelle Anregung, Belohnungsreize, Unendlichkeitserleben, Spiel mit Identität und Beziehungsformen in Avataren und Accounts. Doch wie sieht das nun konkret bei den Apps aus, die wir täglich nutzen?

Handysucht als Ziel? Welchen psychologischen Tricks bedienen sich App-Entwickler*innen?

Prof. Dr. Montag betont, „dass einige Tech-Plattformen durch ihr Systemdesign darauf abzielen, den psychischen Fear of Missing Out (FOMO) Prozess auszulösen. Die Nutzer haben dann ständig das Gefühl, online etwas zu verpassen. FOMO wird beispielsweise dadurch ausgelöst, wenn Inhalte nur zeitlich begrenzt verfügbar sind. Entweder ich schaue dann sofort auf der Plattform vorbei oder kann gegebenenfalls in meiner Peer-Group nicht mitsprechen.“

Es ist also kein Zufall, dass Du häufiger auf Dein Smartphone tippst als geplant. Die Unternehmen, die Apps entwickeln, nutzen gezielt psychologisches Wissen, um Dich möglichst fest an ihr Produkt zu binden. Diese psychologischen Tricks haben auch einen Namen: Captology, Persuasive Design oder Desire Engine. Ok, das sind zwar drei Namen, aber ihr Ziel ist dasselbe: Nutzer*innen möglichst lange zu fesseln. Diese Techniken kommen übrigens nicht nur in Apps, sondern auch in sozialen Medien zum Einsatz. Da wir soziale Medien heutzutage aber immer häufiger über Apps nutzen, schauen wir uns in diesem Artikel beides mal genauer an.

„Plattformen zielen auch darauf ab, dass die einzelnen Online-Aufenthalte möglichst lange ausfallen. Auf einem Angebot wie YouTube kann man dies beobachten, da nach dem Abspielen eines Videos sofort ein neues Video mit ähnlichem Inhalt kommt. So bleiben die Nutzer*innen länger auf der Plattform“, erklärt Prof. Dr. Christian Montag.

Frau hat eine Brille auf, deren Gläser aus Instagram-Logos bestehen. Sie hält sich erschrocken die Hand vor den Mund.

Bild: geralt/Pixabay

Handysucht? Diese App-Elemente könnten Abhängigkeit fördern

Ein paar Beispiele hat uns Prof. Dr. Montag schon genannt. Unsere Projektkoordinatorin hat diese Woche einen Vortrag darüber gehalten, ob Social Media (Apps) süchtig machen können. Dabei hat sie weitere Aspekte (insgesamt elf) beleuchtet, die eine App-hängigkeit oder Social Media Sucht fördern könnten.

1. Likes

Ob Daumen hoch oder Herzchen – sie aktivieren Dein Belohnungssystem und schütten das Glückshormon Dopamin aus. Sie geben Dir das Gefühl von sozialer Anerkennung. Der soziale Vergleich mit anderen kann aber tückisch sein, denn unsere Selbstdarstellung in sozialen Medien ist oft beschönigt. Keine Lust mehr auf den Social Media Wettstreit? Dann probiere doch mal den Demetricator aus!

2. Notifications

Sie sind wie Glücksspiel. Versteckt sich hinter dem roten Punkt eine spannende Neuigkeit oder ein schönes Foto? Oder doch nur langweiliger Unsinn? Das nennt man intermittierende Verstärkung, oder etwas einfacher willkürliche Belohnung. Hier kommt auch der von Prof. Dr. Montag angesprochene Fear of Missing Out Effekt zum Tragen.

3. Push-Nachrichten

Wie war das? Nur mal kurz die Uhrzeit… Sich von unwichtigen Kleinigkeiten ablenken zu lassen, die scheinbar nicht viel Zeit in Anspruch nehmen, nennt man hyperbolisches Diskontinieren. Passiert das immer wieder, kann man von Prokrastination sprechen, oder umgangssprachlich Aufschieberitis.

4. Reaktionszeit

Wer eine Facebook-Seite hat, kann einen Banner freischalten lassen, der die kurze Reaktionszeit der Seitenbetreiber*in feiert. Um diesen Banner sichtbar machen zu können, muss man aber immer sehr schnell reagieren. Schaffst Du das nicht, fordert Facebook Dich auf: „Reagiere schneller, um den Banner zu aktivieren!“ Soll heißen: Gucke hier noch öfter vorbei und antworte möglichst sofort auf Nachrichten. Ziemlich stressig, oder nicht?

5. Sende- und Lesebestätigungen

Wer kennst sie nicht, die nervigen kleinen Häkchen im Messenger? Ein Häkchen heißt „gesendet“, zwei Häkchen heißen „gelesen“. Und warum antwortet die andere Person jetzt nicht sofort? Hier wird ebenfalls mit sozialem Druck gespielt. Du checkst dadurch alle paar Minuten Dein Handy, um Antworten zu lesen und selbst zeitnah auf Fragen antworten zu können.

Frau mit bunten Fingernägeln tippt auf ein Smartphone, das auf einem Tishc liegt.

Foto: Rob Hampson/Unsplash

6. Streaks

Mal einen Tag Digital Detox machen, um sich von dem ganzen Kommunikationsstress zu erholen? Bei Snapchat Fehlanzeige. Hier wird der soziale Druck auf die Spitze getrieben. Streaks sind Highscores: Wie viele Tage am Stück hast Du es geschafft, mit einer Person täglich zu kommunizieren. Auch wenn es gar nichts zu erzählen/zeigen gab… 30 Tage? 300 Tage? 3.000? Und diesen Highscore will natürlich keiner von beiden verfallen lassen. Ein Tag ohne Snaps und er wäre dahin. Hier wird zusätzlich mit Verlust-Aversion (= Verlust-Ängsten) gespielt.

7. Snapchat-Filter

Snapchat kann noch mehr: Öffnest Du Deine Selfie-Kamera, aktivieren sich automatisch Foto-Filter. Das verführt schnell zu mehr Fotos als geplant und die sind dann vielleicht auch noch besonders toll oder witzig (also ästhetische Belohnung) und dann willst Du sie natürlich auch teilen (für soziale Anerkennung). Und plötzlich erwischt Du Dich dabei, wie Du eifrig Snaps verschickt.

8. Story

Bei Instagram, Facebook und Snapchat gibt es Posts, die nur 24 Stunden sichtbar sind. Die Stories Deiner besten Freund*innen und liebsten Influencer*innen willst Du auf keinen Fall verpassen? Vorsichtshalber mehrmals täglich alle Apps checken? Wenn Du oben aufmerksam mitgelesen hast, sollte bei Dir jetzt der Begriff „Fear of Missing Out“ in Deinem Kopf klingeln.

9. Autoplay

Prof. Dr. Montag hat es schon erwähnt. Das automatische Abspielen von Videos soll Dich länger auf den Plattformen halten. Egal ob im Anschluss an ein YouTube-Video oder Videos in den Newsfeeds von Twitter, Facebook und Instagram. Dahinter steckt der Zeigarnik-Effekt, der davon ausgeht, dass das Anfangen einer Handlung Dich dazu motiviert, die Handlung auch zu beenden.

10. Algorithmen

Video-Empfehlungen, Werbeanzeigen, Seiten-Vorschläge – Algorithmen sind gefühlt überall. Und sie sind verantwortlich für Filterblasen und Echokammern. Die Idee: Je interessanter und je angenehmer sich eine Plattform für Dich gibt, desto länger bleibst Du dort. Wie Algorithmen Deine Social Media Nutzung beeinflussen, haben wir hier untersucht.

11. Pull to Refresh + Infinite Scrolling

Und wenn Du Dich jetzt immer noch fragst, warum Deine App-Zeiten manchmal gar kein Ende nehmen, dann liegt das vielleicht daran, dass Deine Newsfeeds und Timelines gar kein Ende mehr haben. Denn durch einfaches Wischen oder Ziehen, lassen sie sich heutzutage unendlich weit nach unten scrollen.

Eine kleine Froschfigur sitzt mit dem Handy in der Hand auf dem Klo.

Foto: Alexas_Fotos/Pixabay

Smartphone als 24/7-Medium: Aber ist das schon Handysucht?

Eine interessante Frage ist zudem, welche Rolle das Smartphone in diesem Zusammenhang spielt. Denn ohne unsere internetfähigen Mini-Computer wäre unser Zugang zu den meisten Apps auf die Zeit beschränkt, die wir zuhause am Computer verbringen. Sind die Psycho-Tricks der App-Entwickler*innen also nur deshalb so erfolgreich, weil sie rund um die Uhr Einfluss auf uns haben?

Wirklich „handysüchtig“ sind übrigens die wenigsten Menschen. Für den Großteil von uns ist das Smartphone zwar zu einem unverzichtbaren Alltagsbegleiter geworden, aber süchtig im medizinischen Sinne sind wir dadurch noch nicht. Dazu gibt es zwei sehr interessante Konzepte:

  1. Der Smartphone-Reflex von Prof. Dr. Christian Montag
  2. Die Smartphone Habits von Prof. Dr. Christoph Klimmt

Was kannst Du tun, um Dich vor diesen Tricks und Handysucht zu schützen?

Prof. Dr. Christian Montag ist davon überzeugt, „dass in der nahen Zukunft gesündere Online-Plattformen entwickelt werden müssen, die das Social in Social Media betonen und nicht darauf abzielen, die Online-Zeiten zu verlängern. Dafür bedarf es neuer Geschäftsmodelle (jenseits des Daten-Geschäftsmodell). Ansonsten würde ich empfehlen, in den Systemeinstellungen der Apps Push-Notifikationen, etc. auszustellen, um zumindest so weniger in die Fänge der Aufmerksamkeitsökonomie zu kommen.“

Wenn Du wissen willst, wie viel Zeit du wirklich mit den einzelnen Apps auf Deinem Smartphone verbringst, kannst Du das messen. Dazu gibt es bei iPhones die „Bildschirmzeit“ und bei Android-Handys „Digitales Wohlbefinden“. Sollte Dein Smartphone darüber noch nicht verfügen, kannst Du auch die App Menthal Balance ausprobieren. Achtung: Diese Apps können Dir jedoch nicht sagen, ob Du an einer Handysucht leidest.

Wenn Du Deine Smartphonezeit aktiv verringern möchtest, haben wir hier sieben einfache Tipps für Dich zusammengestellt. Achtung: Sich die lästigen Smartphone-Reflexe / Smartphone Habits wieder abzugewöhnen, kann lange dauern und viele Nerven kosten. Aber es lohnt sich. Solltest Du es alleine nicht schaffen und unsicher sein, ob Handysucht für Dich ein ernstes Problem ist, dann lass Dich doch mal professionell beraten. Kostenlose Hilfeangebote (bundesweit) findest Du in unserer interaktiven Karte und eine Beratung kann anonym erfolgen.

In einem verrosteten Schloss hängt eine gelbe Blüte Sicher im Netz: Worauf sollten Selbsthilfe-Aktive achten? Gemaltes Bild. Im Vordergrund ein Mensch, der Mund und Augen weit auf- und die Arme in die Höhe reißt. Im Hintergrund verschwimmen bunte Farbfelder. FOMO - Fear of Missing Out: Hast Du Angst, etwas zu verpassen?
Diesen Artikel Teilen auf:
Interessante Beiträge

Du hast Fragen oder Anregungen?

Schreib uns gerne eine Nachricht, wir helfen Dir weiter.