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TV-Bildschirm mit Netflix-Logo im hintergrund. Im Vordergrund hält jemand eine Fernbedienung.

Binge Watching: Wie uns Streaming-Angebote verführen

Lesezeit 8 Minuten

Streaming, Binge Watching, Netflix, Amazon Prime Video, YouTube – das ist Deine Welt? Dann ist dieser Blogartikel sicherlich sehr interessant für Dich. Wenn das für Dich größtenteils unbekannte Begriffe sind, brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Wir erklären sie Dir Schritt für Schritt.

Unter Streaming versteht man laut Duden ein „Daten-Übertragungsverfahren, bei dem die Daten bereits während der Übertragung angesehen oder angehört werden können“. Das heißt, Du musst einen Film, ein Video oder einen Musiktitel nicht erst aus dem Internet herunterladen, sondern kannst einfach auf „Abspielen“ klicken und los geht’s.

Netflix und Amazon Prime Video sind Online-Anbieter für Streaming von Filmen und Serien. YouTube ist eine Video-Plattform, die gleichzeitig auch ein soziales Netzwerk ist. Dort kann sich jede*r ein kostenloses Profil anlegen, selbst Videos hochladen, andere Videos bewerten, kommentieren oder in Playlisten (= Abspiel-Listen) zusammenfassen. Außer diesen drei Anbietern, die wohl die bekanntesten sind, gibt es noch viele weitere. Auch die großen Online-Mediatheken der Fernsehsender gehören dazu.

Streaming wird immer beliebter

Die letzte Studie „Jugend, Information, Medien“ (kurz JIM) hat einen großen Zuwachs bei den Video-Streaming-Diensten wie Netflix oder Amazon verzeichnet: Zwischen 2017 und 2018 ist der Anteil der Haushalte, die ein Streaming-Abonnement haben, von 54 auf 77 Prozent gestiegen (S.43).

60 Prozent der Jugendlichen nutzen laut JIM-Studie mehrmals pro Woche YouTube. Bei Netflix ist es immer noch knapp die Hälfte, bei Amazon etwa jeder fünfte Jugendliche. Zum Vergleich: Die TV-Mediatheken werden so häufig nur von acht Prozent der Jugendlichen genutzt. Der Anteil der Jugendlichen, die mindestens eine dieser Plattformen mehrmals pro Woche oder häufiger nutzen, liegt bei 82 Prozent (S. 46-47).

Balkendiagramm aus der JIM-Studie. Auf Platz 1 steht YouTube, danach folgen netflix und Amazon.

Grafik: JIM-Studie 2018, S. 47

Binge Watching: Am liebsten alles auf einmal

Binge Watching hat sich in Analogie zu Binge Eating eingebürgert, und bezeichnet eine neue Form des Fernsehens, bei dem viele Folgen einer Fernsehserie nicht nach und nach über mehrere Wochen gesehen werden, sondern ganze Staffeln auf einen Schlag“, erklärt das Stangl Psychologie-Lexikon. „Binge“ ist Englisch und bedeutet „Gelage“. „Watching“ heißt „Angucken“.

Als „Binge Eating“ versteht man übrigens krankhafte Ess-Attacken, siehe auch unseren Blogartikel zu Essstörungen im Internet.

In der jährlich erscheinenden JIM-Studie wurde 2018 zum ersten Mal auch das Phänomen Binge Watching dokumentiert: „Das Sehen von mehreren Folgen einer Serie am Stück bestätigen 65 Prozent der Jugendlichen. Mit zunehmendem Alter erhöht sich der Anteil derer, die ganze Staffeln einer Serie ansehen (12-13 Jahre: 58 Prozent, 14-15 Jahre: 62 Prozent, 16-17 Jahre: 68 Prozent, 18-19 Jahre: 71 Prozent, S. 48).

Serienjunkies: Kann man süchtig nach Videos sein?

Eine Studie hat in Untersuchungen zum Suchtpotential von Serien festgestellt, dass vor allem die Identifikation mit Serienhelden zu einer Abhängigkeit führen kann. Streaming-Angebote sind bei einer einigermaßen guten Internetverbindung immer und überall verfügbar. Dies kann, so die Autor*innen der Studie, zu einem starken sozialen Zugehörigkeitsgefühl zwischen den Zuschauer*innen und den Charakteren führen.

„Die Zuschauerinnen und Zuschauer betrachten die Figuren der Serien als vertraute Freunde, an deren Leben sie gefühlten Anteil haben, und wollen mit der Zeit immer mehr davon. Eine solche Beziehung zu fiktiven Figuren wird vor allem dann aufgebaut, wenn die Zuschauerinnen und Zuschauer Parallelen zu ihrer eigenen Person finden oder ihr Leben mit dem der Serienfigur vermischen. Die Zuschauer*innen [fühlen sich] akzeptiert und weniger alleine, sie können daher auch nicht aufhören, sich eine bestimmte Fernsehserie immer weiter anzusehen“, so Stangl. Eine Folge dieser (zu) starken Identifikation kann also Binge Watching sein.

Fernbedienung in Nahaufnahme. Im Vordergrund ist ganz groß der Play/Stop-Knopf zu sehen, dahinter noch andere Knöpfe.

Foto: blickpixel/Pixabay

Autoplay und der Zeigarnik-Effekt

Als Autoplay bezeichnet man das automatische Abspielen von Audio oder Video. Das passiert zum Beispiel in sozialen Netzwerken, wenn Du durch die Beiträge guckst und ein Video plötzlich von selbst startet. Oder bei Plattformen wie YouTube, Amazon oder Netflix, wenn das Video, dass Du Dir angesehen hast, zu Ende ist. Dann gibt es ein paar Sekunden Pause, danach beginnt oft ohne einen weiteren Klick das nächste Video.

Bei einem Serien-Marathon oder Binge Watching kann das sehr praktisch sein, Du kannst einfach auf dem Sofa liegen bleiben. Aber: Es steckt auch ein psychologischer Trick dahinter, der Dich zum Weitergucken verführen will. Die Autoplay-Funktion macht sich den Zeigarnik-Effekt zu Nutze. Bluma Zeigarnik war eine Psychologin, die herausgefunden hat, dass uns der Beginn einer Tätigkeit motiviert, diese bis zum Ende durchzuführen, wird bei Stangl an mehreren Literaturbeispielen verdeutlicht. Das heißt, der Start eines Videos verleitet Dich dazu, es auch bis zum Ende anzusehen.

“Dieses Video könnte dir auch gefallen”

Übrigens gibt es noch einen weiteren Trick, um Dich möglichst lange auf den Plattformen zu halten: Der Empfehlungs-Algorithmus. Vereinfacht ausgedrückt: Ein Algorithmus ist ein verstecktes Programm, dass Informationen aufnimmt, nach einer bestimmten Vorgabe verrechnet und damit dann Entscheidungen trifft.

Beispiel Videoplattform: Du fütterst den Algorithmus mit Deinen Daten, zum Beispiel welche Videos Du schon angeklickt, welche abgebrochen, welche bis zum Ende gesehen, welche gut bewertet, welche schlecht bewertet, welche kommentiert hast und so weiter. Der Algorithmus verrechnet all diese Infos und entscheidet dann für Dich: „Dieses Video könnte Dich auch interessieren“. Der Algorithmus empfiehlt Dir also Filme, Serien und Videos, bei denen er davon ausgeht, dass Du diese auch gucken würdest und so noch mehr Zeit auf der Plattform verbringst.

Falls Du mehr darüber wissen möchtest, was ein Algorithmus ist, wo er Dir im Alltag begegnet und wie er Dein Verhalten beeinflussen kann, dann schau doch mal in diesen Blogbeitrag von uns. Und falls Dir das alles zu kompliziert sein sollte, guck doch mal bei arte vorbei. Die haben in ihrer Dopamin-Reihe das Thema Suchtpotential von Videoplattformen am Beispiel YouTube ganz anschaulich aufgearbeitet.

Kleine Anmerkung zum Video: Natürlich ist nicht jeder Mensch süchtig, der mehr Zeit als geplant auf einer Video-Plattform verbringt. Eine Sucht ist eine ernsthafte Erkrankung und unterliegt anerkannten Diagnose-Kriterien. Mehr dazu findest du in unserem Blogbeitrag „Mediensucht – gibt es das?“.

Binge Watching und unser Gedächtnis

Binge Watching kann übrigens auch unserem Gedächtnis schaden. In einer Studie mussten Testpersonen eine beliebte Serie in unterschiedlichen Zeit-Abständen ansehen. „Einen Tag nach der letzten Folge konnten sich die Binge-Watcher*innen besser erinnern als die wöchentlichen Zuschauer*innen, doch nach 140 Tagen konnten sich die wöchentlichen Konsument*innen der Serie deutlich besser an die Handlung erinnern als die Binge-Watcher*innen“, so Stangl.

Die Erklärung liefert das Psychologie-Lexikon gleich mit: Menschen lernen besser verteilt, denn zu viel Inhalt auf einmal ist nicht gut. Hinzu kommt, dass bei den Binge-Watcher*innen der Moment ausbleibt, wenn sie sich beim Start einer Folge an die Folge von letzter Woche erinnern müssen, da ihre letzte Folge erst wenige Sekunden zurückliegt. Dieses Erinnern an das letzte Mal trainiert aber das Gedächtnis und festigt die Inhalte, an die man sich erinnert, so Stangl. Wenn Du Dich also gut an die Handlung in Deiner Lieblingsserie erinnern möchtest, ist es demnach besser, nicht viele Folgen auf einmal zusehen, sondern in größeren Zeitabständen.

Einfach mal auf Stopp klicken

Natürlich haben Videoplattformen und Streaming-Dienste auch positive Seiten. Zum Beispiel kann man dort durch Dokumentationen, Reportagen oder Do It Yourself (englisch = Mach’s selbst!) – Videos sehr viel lernen. Und auch manche Filme und Serien können uns wertvolle Botschaften übermitteln. Nicht alle dienen nur der reinen Unterhaltung.

Du musst aber nicht jedes Video zu Ende gucken, dass durch Autoplay abgespielt wird. Und Du musst auch nicht jedes Video anklicken, dass Dir von einem Algorithmus empfohlen wird. Es ist OK, nicht alle Folgen einer Serie auf einmal zu schauen. Ja, es kann sogar viel spannender sein, sich dafür mehr Zeit zu nehmen.

Wir hoffen, Dir mit diesem Blogartikel die bunte Welt der Streaming-Dienste besser verständlich gemacht zu haben. Ein paar psychologische Tricks der Anbieter kennst Du jetzt jedenfalls. Vielleicht denkst Du ja das nächste Mal an uns, wenn bei Dir ein Video automatisch startet.

Eine Schatzkiste birgt oft Gold und Juwelen als Belohnung. Belohnungen im Computerspiel: Was sind die psychologischen Tricks? Gesicht von vorne, dahinter schememhaft Profilansichten nach links und rechts. Das ganze Bild ist mit Mikrotechnik überzogen. Unser Gehirn und der Smartphone-Reflex
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