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Gesicht einer Frau, darüber verschwommen eine Uhr und die Worte Stress und Zeitmanagement.

Zerstückelter Alltag: Wie das Smartphone Deine Konzentration beeinflusst

Lesezeit 6 Minuten

Wir gucken durchschnittlich 88 Mal am Tag auf unser Handy. Wenn wir davon ausgehen, dass wir acht Stunden schlafen, dann bleiben noch 16 Stunden. Schauen wir in diesen 16 Stunden die genannten 88 Mal auf unseren Smartphone-Bildschirm, tun wir das etwa alle 18 Minuten. Alle 18 Minuten unterbrechen wir, was auch immer wir gerade getan haben, um unseren digitalen Begleiter auf Neuigkeiten zu checken. Na und?

Ununterbrochen unterbrochen werden

In der Arbeitswelt gehören Unterbrechungen zu den größten Stressfaktoren für die Beschäftigten. Das ergaben sowohl der Stressreport 2012 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin als auch die Stressstudie 2016 der Techniker Krankenkasse. Und im Privatleben?

E-Mails, SMS, Messenger, Online News, Online Shopping, soziale Netzwerke und Mobile Games oder einfach nur ein bisschen im Internet surfen? Unterbrechungen können von außen (durch eine andere Person) kommen oder durch uns selbst. Das Internet bietet uns unendlich viele Zerstreuungsmöglichkeiten, schreibt Dr. Alexander Markowetz in seinem Buch „Digitaler Burnout“.

Dr. Markowetz gehört zu einem Team von Forscher*innen der Uni Bonn, die unsere Smartphone-Nutzung und ihre Folgen auf unsere Psyche untersuchen. Einen „digitalen Burnout“ gibt es als Krankheitsdiagnose nicht. Oder noch nicht? Dennoch beleuchtet Dr. Markowetz in seinem Buch viele Forschungsergebnisse, die darauf hindeuten, dass wir unsere Mediennutzung vielleicht einmal überdenken sollten.

Graffitti an einer Wand, unter anderem das Wort Stress in bunten Großbuchstaben

„Um in absoluter Ruhe zu arbeiten, bräuchte man einen Ort ohne Festnetzanschluss, Mobilfunkempfang und WiFi-Verbindung und müsste sich dann von Desktop-PC, Laptop, Tablet und Smartphone trennen“, mutmaßt Dr. Markowetz. Dass dies in unserer digitalen (Arbeits-) Welt nicht so einfach machbar ist, sieht er allerdings ein: „Wir können nicht mehr so einfach den Stecker ziehen und uns komplett abkapseln.“

Warum es trotzdem sinnvoll sein kann, vor allem unsere Smartphone-Nutzung kritisch zu hinterfragen, erklärt er in seinem Buch an mehreren Beispielen. Zwei davon, Flow und Multitasking (beide hängen eng zusammen), wollen wir Dir hier vorstellen.

Höchste Konzentration: 15 Minuten bis zum Flow

Hochkonzentriertes Arbeiten – ob an einem beruflichen Projekt oder beim privaten Hobby – ist gar nicht so einfach. „Ich bin gerade so schön im Flow.“ Kennst Du diesen Ausdruck? Das ist nicht etwa nur Umgangssprache, sondern dahinter steckt eine ganze Theorie: Die Flow-Theorie des Psychologen Mihály Csíkszentmihályi. Dr. Markowetz fasst sie in seinem Buch zusammen. In den Flow-Zustand kommst Du demnach nur unter folgenden Voraussetzungen:

  • Du hast eine klare Zielsetzung
  • Du konzentrierst Dich voll auf Deine Aufgabe
  • Du hast das Gefühl der Kontrolle über Deine Tätigkeit
  • Die Anforderung steht in Einklang mit Deinen Fähigkeiten, das heißt Du fühlst Dich nicht über- oder unterfordert

Im Flow bist Du dann nicht nur zu geistigen und kreativen Höchstleistungen fähig, sondern kannst auch ein tiefes Glücksgefühl verspüren, so Dr. Markowetz. Allerdings braucht unser Gehirn 15 Minuten, um überhaupt in diesen Zustand zu kommen – selbst wenn alle anderen Voraussetzungen erfüllt sind.

Was bedeutet es also, wenn wir alle 18 Minuten auf unser Handy gucken? Haben wir dann nur drei produktive Minuten? Ja, sagt Dr. Markowetz und erklärt: „Jede Unterbrechung zerstört den Flow oder verhindert den Aufbau der dazu benötigten Konzentration. Die Uhr wird praktisch wieder auf null zurückgesetzt.“

Sieben analoge Uhren an einer roten Wand

Ist Multitasking nur ein Mythos?

Du bist Meister*in im Multitasking? Gleichzeitig Handy-Benachrichtigungen checken, eine berufliche E-Mail schreiben, sich mit Deinen Kolleg*innen über das Wochenende austauschen und Dir ein Butterbrot in den Mund schieben – das ist für Dich ganz leicht? Das kann eigentlich nicht sein. „Neurobiologisch ist Multitasking nicht möglich“, schreibt Dr. Markowetz. Er erklärt, der Begriff beschreibe eigentlich die Fähigkeit eines Computers, mehrere Programme parallel zueinander auszuführen.

Das menschliche Gehirn hingegen habe nur zwei Hälften und könne sich daher maximal um zwei Aufgaben gleichzeitig kümmern. Unser Gehirn hat – verglichen mit einem Computer – also auch so etwas wie einen Arbeitsspeicher. Und da ist nicht ganz so viel Platz drin, wie wir es uns vielleicht wünschen oder zumuten.

Willst Du mehr als zwei Dinge auf einmal erledigen, wechselt Dein Gehirn in Wahrheit nur besonders schnell zwischen den einzelnen Aufgaben. Also Task-Switching (Aufgaben-Wechsel) statt Multi-Tasking (mehrere Aufgaben parallel).

Wenn Du aber immer wieder hin und her wechselst, hat Dein Gehirn gar nicht die Zeit, um in den Flow-Zustand zu kommen. Muten wir ihm mehr als zwei Aufgaben zu, sinkt unsere Produktivität dramatisch, warnt Dr. Markowetz. Das kann man sich in etwa so vorstellen, wie wenn ein (älterer) Computer zu viele Programme gleichzeitig ausführt und er dann nur noch extrem langsam reagiert. Der Arbeitsspeicher reicht nicht aus. Die einzelnen Aufgaben behindern sich gegenseitig. Es geht nicht wirklich voran.

Ein Smartphone liegt auf der Tastatur eines Laptops

Weniger Ablenkung, mehr Konzentration

Wenn Du also eine bestimmte Aufgabe erledigen willst, kann es hilfereich sein, das Handy einfach mal beiseite zu legen – und wenn es nur eine halbe Stunde ist. Du musst nicht immer erreichbar sein. Egal ob Du einen Text schreiben, ein Bild malen, ein Musikstück üben, ein Rezept nachkochen, Unkraut jäten oder mit Deinen Kindern spielen willst. Lass Dich nicht so einfach ablenken! Bleib im Hier und Jetzt! Genieße die Kreativität, das leckere Essen, die frische Luft oder die Zeit mit Deinen Liebsten! Das Handy kann warten, es läuft ja nicht weg.

Quellen

  • Stressstudie, Techniker Krankenkasse, 2016
  • Stressreport, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2012
  • Digitaler Burnout, Alexander Markowetz, 2015
  • Fotos: tweetyspics/Pixabay, George Pagan/Unsplash, Karim Manjra/Unsplash, Tirza van Dijk/Unsplash
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