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Schreibtisch mit einer Tastatur, einem Notizbuch und einer Tasse Kaffee

Foto: Lukas Blazek/Unsplash

Digitaler Minimalismus – Ein Selbstversuch

13 Juni 2019

Lesezeit 8 Minuten

Wenn ich über digitalen Minimalismus laut nachdenke, dann kannst Du mir – völlig zurecht – erst mal den Vogel zeigen! Wie kann das sein? Und dann vom Ben, der auf digikids.online stets proklamiert „Online geht man nicht – online ist man.“ Aber Leute, ich sag Euch, wie es ist: Online sein nervt! Also mich. Also manchmal. Dann aber richtig.

Jetzt bin ich auch nicht der Minimalismus-Super-Experte. Ich habe im analogen Leben eine Begrenzung (Kleidung, Konsum, …) als wohltuend und fokussierend erlebt. Wenn ich hier also über digitalen Minimalismus schreibe, dann meine ich damit nicht, mit möglichst wenig Apps und Gadgets deine digitale Präsenz am Laufen zu halten, sondern vielmehr sich von unnötigen Dingen zu trennen. Von den Dingen, die dich eben nicht effizienter werden lassen (ob man das immer so sein muss, ist ein anderes Thema). Im Gegenteil geht’s mir eher darum, Dinge wegzulassen, die mir  Zeit, Fokus und am Ende Kreativität nehmen.

Wie bin ich vorgegangen? Bei jeder Anwendung habe ich mich gefragt:

  • Brauche ich das wirklich?
  • Macht das mein Tun qualitativ besser?
  • Wozu verwende ich es tatsächlich?
  • Tut mir das gut?

Social Media: Fokus zurück auf Inhalte statt auf Klicks

Das Ganze hatte mit Sicherheit auch mit meinen Eindrücken der diesjährigen re;publica zu tun. „tl;dr“ war dort das Motto, also „too long, didn`t read“ (= zu lang, habe ich nicht gelesen). Das steht für mich für viele Inhalte, besonders in Social Media.

Digital sollte es nicht mehr um höher – weiter – bunter gehen, sondern mehr um Inhalte, für die ich mir dann auch einmal Zeit nehme, mich mit ihnen zu beschäftigen.

Mehr und mehr (mein Job bringt es nunmal mit sich, Social Media Plattformen zu nutzen) bemerkte ich bei mir aber, dass nicht mehr der Inhalt im Fokus stand, sondern ehrlich gesagt, wie oft  mein Beitrag geklickt wurde. Das wiederrum hat mich dazu gebracht, mehr Zeit auf den einschlägigen Plattformen zu verbringen. Eben um dort stattzufinden und mit mehr Aufwand Beiträge zu erstellen. Alles in allem hatte ich mein Smartphone also viel zu häufig in der Hand und war, im Prinzip, dauerhaft mit einem Gedanken bei den Social-Media-Aktivitäten.

Schreibtisch mit Laptop, Notizbuch und Handy. Person am Schreibtisch nimmt gerade das Handy in die Hand.

Foto: Free-Photos/Pixabay

Facebook und Instagram vom Handy deinstalliert

Das konnte nicht so weitergehen. Ein Umdenken war für mich dringend notwendig. Ich nutze nun (meine) sozialen Medien, als das, was sie (für mich) auf den großen Plattformen nun mal ist: Eine digitale Presseschau und stark limitierte Austauschplattform. Mein erster Schritt war also, Facebook und Instagram vom Smartphone zu schmeißen. Twitter habe ich nicht geschafft, weil ich da immer noch einen Funken Resthoffnung für diese Plattform übrig habe.

Damit ich beruflich die Social Media Aktivitäten im Blick behalte, habe ich mir die App Friendly installiert. Eine sog. Sandwich-Anwendung, mit der ihr eure Social-Media-Kanäle einfach steuern könnt. Mit dem angenehmen Effekt „Save battery – save storage – save data“ (Batterie sparen, Speicherplatz sparen, Daten sparen). Für mich persönlich ein sehr wichtiger Effekt: Die App ist nicht so „toll“ durchdesigned wie die Originale aus dem Hause Facebook un Co. Das brachte mich recht schnell dazu, die Apps nur dann zu nutzen, wenn es wirklich nötig war.

Social Media war nicht mein einziges Problem

Auch mit meinen Terminen und Aufgaben kam ich verstärkt in Konflikte. Warum? Naja, ich nutzte super tolle Apps, die super toll synchronisiert auf all meinen digitalen Geräten liefen. Screenshots, Links und Co. alles ließ sich ganz bequem in die Apps eintragen, bearbeiten und und und…

Und genau hier lag mein Problem! Ich hatte quasi keinen Kontakt mehr zu meinen Terminen und Aufgaben. Ich habe gewischt und geklickt, geschoben und markiert. Alles toll, aber diese ganzen Aktionen waren viel zu weit von mir weg. Trotz Erinnerungsfunktion, wurde ich immer mal wieder (je nachdem, wie viel in meinem Job los war) regelrecht überrascht von den anstehenden Aufgaben. Gewischt war alles schnell und bequem, aber genau diese Komfortzone war das Problem. Irgendwann merkte ich, dass ich trotz toller Technik mit meinen Terminen und Aufgaben gar nicht mehr im Kontakt war.

Also Rolle rückwärts und wieder analog die Aufgabenverwaltung regeln? Ja, auf jeden Fall. Wirklich (wirklich) begeistert bin ich vom Bullet Journal. Motto ist hier: Die analoge Methode für das digitale Zeitalter. Ich würde jetzt nicht von mir behaupten, ein Experte auf dem Gebiet zu sein, aber der Fakt, dass ich wieder fokussiert(er) wurde, weil ich nun einmal die gezielte Aufgabe konkret und unüberschreibbar zu Papier bringen musste, hat mir enorm geholfen. Auch werden Aufgaben, die nicht in der geplanten Zeit geschafft wurden, händisch verschoben. Für mich eine geniale Methode mit meinen Aufgaben in Kontakt zu bleiben.

Ein Mann sitzt am Schreibtisch, eine Hand auf der Tastatur, in der anderen Hand einen Stift. Er schreibt etwas in ein Notizheft.

Foto: StartupStockPhotos/Pixabay

Mein Digitaler Minimalismus in 7 Schritten

Schritt 1: Notifciation ausschalten

Das hat mir enorm geholfen nicht so schnell abgelenkt zu werden. Ich entscheide nun, wann in eine App öffne. Ich weiß, ich weiß, theoretisch liegt die Entscheidung auch schon vorher bei mir, in der Praxis ließ ich mich von dem berühmten roten Punkt dann doch fast immer ablenken. Gepaart ist diese technische Einstellung mit meiner neuen Arbeitsphilosophie. Eine Aufgabe nach der anderen zu erledigen. Nicht drei oder mehr Sachen parallel. Das hilft mir echt enorm.

Schritt 2: Brauche ich diese App?

Auf Youtube findet ihr diverse Anleitungen, wie ihr euer Smartphone minimalistischer gestalten könnt. Digitaler Minimalismus ist für mich Digitaler Fokus, deswegen weg mit allen Apps, die mich ablenken. Allen voran, Facebook und Instagram. Diese habe ich auf dem Smartphone in der oben genannten Sandwich App „entschärft“ und nutze sie hauptsächlich auf dem Desktop und auf dem Tablet. Für mich sind das schon ganz andere Trigger, als die Dinger direkt auf dem Smartphone zu haben.

Dazu kommt, dass ich die nötigen, aber störenden Apps auf die zweite oder dritte Seite meines Homescreens gepackt habe, so war ich nicht dem visuellen Reiz ausgesetzt, als ich das Gerät entsperrte.

Schritt 3: Schluss mit dem E-Mail Chaos!

Jede Inbox-Mail war für mich früher eine (in)direkte Bearbeitungsaufforderung. So ein Quatsch! Mails bearbeite ich an 2, 3 Zeitfenstern am Tag. Fertig. In der Zwischenzeit möchte ich fokussiert arbeiten und mich nicht ständig herausreißen (lassen). Gleiches gilt für alle Messaging Dienste … ähm, naja also meistens.

Schritt 4: Social Media einschränken

Ok, Coming out: Ich bin anfällig dafür, auf Social Media Plattformen kleben zu bleiben. Als das beruflich möglich war, habe ich alle Accounts gelöscht. Das ging dann irgendwann nicht mehr. Jetzt kann man über Robert Habecks Social Media Exit. denken, was man will. Ich finde, es gebührt ihm Respekt, dass er erkannt hat, was ihm nicht gut tut und im nächsten Schritt für sich sorgt. Wie ich aktuell mit Social Media umgehe, habe ich oben ja schon angerissen – ansonsten ist mein persönlicher Social Media Exit ein kleiner Traum. Na, mal sehen.

Ein Finger drückt auf einen Power-Knopf

Foto: Tumiso/Pixabay

Schritt 5: Flugzeugmodus, um am Boden zu bleiben

Auf meinem Smartphone gibt es ein paar Features die helfen können, digital minimalistischer unterwegs zu sein.

  • Nicht-Stören-Modus
  • Flugzeugmodus
  • Bildschirmzeit-Messer

Gerade die ersten beiden Einstellungen nutze ich – neben einer App zur Messung meiner Bildschirmzeit – mehrfach am Tag. Mit meiner Frau habe ich darüber hinaus einen kleinen Wettbewerb bezüglich unserer Bildschirmzeit gestartet. Wer bis Freitag die höheren Werte bei der Bildschirmzeit hat, der lädt den / die andere zum Lunch ein. Bei mir läuft‘s übrigens gar nicht so schlecht.

Schritt 6: Öfter mal telefonieren

Klingt banal und einfach. Ist es auch. Mir sind die Vorteile des geschriebenen Austauschs durchaus bewusst. Es ist da ein ganz klarer Mehrwert, sich das Geschriebene jederzeit nochmal durchlesen zu können. E-Mails oder (Kurz-)Nachrichten sind aber eben auch störungsanfällig. Meist unbeabsichtigt. Zu einer gelingenden Kommunikation gehört eben meistens mehr, als der bloße Austausch von Informationsinhalten. Meistens komme ich so, in privaten wie in beruflichen Kontexten, zielgerichteter und schneller zum Ergebnis.

Kleine Randbemerkung: Ich lebe in Bonn, mein Job ist in Frankfurt. Mit meiner Chefin haben wir nun feste Feedback-Videochat-Termine fixiert. Die Regeln: 30 Minuten (ohne Überlänge), maximal 4 Themen, ich stelle mich zudem hin. Ich erhoffe mir dadurch, dass ich so nicht in einen „Laber-Modus“ verfalle, sondern – haltungsbedingt – rasch zum Punkt komme.

Schritt 7: Digitale (Frei)Räume

Auch, wenn der digitale Klimawandel überall präsent ist, baue ich mir fixe digitale Freiräume ein. Beim Laufen, beim Essen, ab 20 Uhr, … jede:r wird da seine Maßstäbe finden und Präferenzen haben. Der Bildschirmzeit-Messer auf dem Smartphone hilft mir zudem dabei.

Probier es vielleicht einfach mal selbst aus.

Person joggt auf einer großen Brücke inmitten von Bäumen

Foto: Nidan/Pixabay

Anmerkung der Redaktion: Mehr dazu, wie Du Dein Smartphone und Deine E-Mails zeitlich (wieder) unter Kontrolle bekommst, kannst Du in unseren Blogbeiträgen (für E-Mails hier klicken | für Smartphone hier klicken) nachlesen.

Person hält ein Smartphone vor sein Gesicht. Der Bildschirm leuchtet blau. Im Hintergrund erkennt man das Facebook-Logo. Beruflich bei Facebook sein müssen? Minimale Lösungen Zwei Menschen sitzen am Strand in den Wellen und machen ein Selfie von sich. Urlaub heißt Urlaub: So geht Erholung!
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