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Super Mario und Luigi fahren zusammen Kart

Foto: Ravi Palwe / Unsplash.com

Online Gaming: Mit Computerspielen gegen die soziale Isolation in Zeiten von Corona

14 Oktober 2021

Lesezeit 7 Minuten

Dass bei vielen Menschen während der Lockdowns die Bildschirmzeiten gestiegen sind, ist nicht nur logisch, sondern auch vollkommen verständlich, ja teilweise sogar hilfreich gewesen. Denn mithilfe digitaler Medien konnten wir mit unseren geliebten Mitmenschen in Kontakt bleiben – trotz Social Distancing. Soziale Isolation und Einsamkeit waren für einige Menschen in der Pandemie eine große Herausforderung.

Gleichzeitig zeugt die sogenannte Zoom Fatigue davon, dass unsere Lust auf Videochats – ob beruflich oder privat – mit jedem Tag der Pandemie weiter abnimmt. Digitale Spiele sind da eine abwechslungsreiche Möglichkeit, gemeinsam Zeit zu verbringen. Wir haben das Team von Behind the Screens interviewt, wie Games gegen soziale Isolation helfen können.

Online-Kommunikation als Ressource gegen soziale Isolation

Saskia Rößner: Im Frühjahr 2020 kam das öffentliche Leben mehr oder weniger zum Erliegen: Lockdown, Home Office, Home Schooling, Social Distancing. Für manche bedeutete das auch soziale Isolation. Was macht so eine Situation mit uns Menschen als soziale Wesen? 

Behind the Screens: Jeder Mensch hat selbstverständlich ein Nähe- und Bindungsbedürfnis, allerdings ist das von Person zu Person unterschiedlich stark ausgeprägt. Auch darin, wie jemand diese Bedürfnisse befriedigt, unterscheiden sich Menschen. Für manche ist der Online-Kontakt im Großen und Ganzen ausreichend, um diese Bedürfnisse zu befriedigen, andere können dieser Form des Kontakthaltens wenig abgewinnen und brauchen Face-to-Face-Erlebnisse, um sich im Kontakt wirklich zu spüren. Für letztere ist die Pandemie-Situation natürlich besonders schwer, während sich erstere teilweise gar nicht stark umstellen mussten. Der Zugang zu Online-Kommunikation hat sich besonders in der Pandemie als Ressource herausgestellt.

Neon-Reklame Hello

Foto: Drew Beamer / Unsplash.com

Betrachtet man dezidiert Kinder und Jugendliche, erleben laut einer repräsentativen Studie zwei Drittel der Befragten die Pandemie als große Belastung. Beinahe 40 Prozent gaben an, Freundschaften seien dadurch beeinträchtigt worden (Ravens-Sieberer et al. 2021). Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass mehr als 60 Prozent der Teilnehmenden genügend (vermutlich digitale) Möglichkeiten gefunden haben, ihre Beziehungen weiterhin zu pflegen und diese Mittel zumindest vorübergehend als ausreichend erlebt haben.

Soziale Kontakte über Multiplayer-Online-Spiele

Saskia Rößner: Digitale Medien haben uns in der Pandemie geholfen, Kontakt mit unseren Mitmenschen zu halten – ob Familie, Freundinnen oder beispielsweise auch Therapeutinnen. Welche Rolle haben eurer Einschätzung nach digitale Spiele dabei gespielt? Können Games soziale Isolation verhindern?

Behind the Screens: Digitale Spiele haben zweifelsohne vielen Menschen während der Pandemie geholfen, soziale Beziehungen zu pflegen.

Hierzu eine Anekdote aus dem therapeutischen Kontext über einen autistischen Jungen: In der sozialen Interaktion ist er für gewöhnlich sehr schwierig und zurückhaltend; Antworten von ihm fallen buchstäblich ein- bis zweisilbig aus; Ähnliches berichtete auch sein Vater im Elterngespräch. Gleichzeitig sei er, wenn er mit Freunden Dead by Daylight gespielt habe, wie ausgewechselt: Er habe sich laut Vater rege unterhalten, habe gelacht, sei förmlich aufgeblüht.

Auch wenn es sich hier um einen Sonderfall handelt, zeigt das, welche Ressource Online-Spiele sein können. Multiplayer- und Online-Spiele sind tatsächlich auch eine Möglichkeit für sozialen Kontakt. Das wird natürlich insbesondere in kooperativen Games mit gemeinsamen Zielen deutlich, wie etwa dem Aufbauen einer Basis in Minecraft.

Geburtstags- und Hochzeitsfeiern in Animal Crossing

Behind the Screens: Online-Spiele haben paradoxerweise in dieser Pandemie-Zeit für viele dazu beigetragen, dass es sich ein bisschen weniger nach Pandemie anfühlt, eben weil viele (insbesondere junge Menschen) es bereits gewohnt sind, zusammen online zu spielen. Multiplayer-Spiele zählen damit zu den wenigen Bereichen sozialen Miteinanders, die nahezu keine Einschränkungen durch Corona erfahren haben, vielleicht sogar davon profitiert haben. Daran schließen sich auch Berichte von Geburtstags– und Hochzeitsfeiern in Animal Crossing an.

Animal Crossing auf der Switch

Foto: Sara Kurfess / Unsplash.com

Mit einem digitalen “Körper” anwesend zu sein und miteinander und mit der digitalen Welt interagieren zu können, vermittelt nämlich zumindest ein gewisses Gemeinschafts- und Selbstwirksamkeitsgefühl. Allerdings geht häufig die Gestik und insbesondere die Mimik, also wichtige zwischenmenschlich-kommunikative Signale, bei Kommunikation mittels Avataren stark bis ganz verloren. Wird nur gechattet, fällt selbstverständlich auch die modulationsreiche Sprache weg, mit der wir vieles “zwischen den Zeilen” transportieren. Auch der physische Kontakt mit entsprechenden Reaktionen auf Körperebene fehlt, beispielsweise die Ausschüttung bestimmter Hormone wie Oxytocin, das gemeinhin als Bindungs- oder Wohlfühlhormon bezeichnet wird.

Digitale Spiele können Offline-Begegnungen zweifelsohne nicht ersetzen, schaffen aber in Ausnahmesituationen wie einer Pandemie für viele Menschen Möglichkeiten, soziale Kontakte aufrecht zu erhalten.

Spielzeiten steigen: Wann wird es zu viel?

Saskia Rößner: Dass die Bildschirmzeiten vieler Menschen seit Ausbruch der Pandemie gestiegen sind, ist nachvollziehbar und erstmal nicht weiter verwerflich. Alternative Freizeitangebote sind vielfach weggefallen und finden erst langsam wieder Einzug in unseren Alltag. Was sind dagegen erste Anzeichen für einen ungesundes Spielverhalten? Ab wann sollte ich mir Sorgen machen, mit Mitmenschen anvertrauen oder professionelle Hilfeangebote aufsuchen? 

Behind the Screens: Laien machen sich meist Sorgen, wenn die Spielzeit steigt; allerdings kann man von der reinen Spieldauer für gewöhnlich nicht auf ein möglicherweise kritisches Spielverhalten schließen. In den Diagnosekriterien der bisher vorhandenen Konzeptionen von Videospielsucht als psychischer Erkrankung spielt die Spieldauer ebenfalls keine Rolle.

Lässt sich allerdings ein Kontrollverlust über das Spielverhalten beobachten, wird also viel länger und mehr gespielt als vorgenommen oder verdrängt das Spielen andere früher gewohnte Beschäftigungen wie das Treffen von Freund*innen oder dem Nachgehen von Hobbies, sollte das als Alarmzeichen gesehen werden. Dazu zählt auch, dass durch das Spielverhalten die Lebensführung beeinträchtigt wird, also Konsequenzen am Arbeitsplatz oder in der Schule drohen oder trotz empfundenem Leidensdruck weitergespielt wird.

Verwackelter Games Controller

Foto: Thandy Yung / Unsplash.com

Empfehlungen für gemeinsames Gaming

Saskia Rößner: Welche Games haltet ihr für besonders empfehlenswert, um mit Mitmenschen gemeinsame Zeit zu verbringen und sozialer Isolation vorzubeugen? Kriterien könnten beispielsweise sein: Spielspaß, Zugänglichkeit (auf technischer und menschlicher Seite), Jugend- und Spieler*innenschutz usw.

Behind the Screens: Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, da Menschen ja unterschiedliche Vorerfahrung mit (digitalen) Spielen mitbringen und auch innerhalb von Spielen unterschiedliche Interessen verfolgen können. Eine grundsätzliche Überlegung könnte sein, ob der Fokus mehr auf den Aktivitäten im Spiel liegen soll oder ob das Spiel eher als Nebenbei-Beschäftigung dienen soll, um sich währenddessen zu unterhalten.

Soll das Spiel im Fokus stehen, könnte das kürzlich erschienene “It Takes Two” lohnenswert sein: Ein rasantes Abenteuer mit viel spielerischer Abwechslung, das grafisch an Pixar-Filme erinnert. Zwar führt es einen Schritt für Schritt an die Spielmechaniken heran, ist aber für absolute Gaming-Neulinge wahrscheinlich trotzdem zu anspruchsvoll. Das Spiel ist ab 12 Jahren freigegeben.

Kochen, Bauernhof führen oder eigene Welten erschaffen

Behind the Screens: In “Overcooked!” und “Overcooked 2!” dürfen wir uns im Kochen üben und müssen aus Zutaten unter Zeitdruck Gerichte zubereiten. Die Steuerung ist dabei nicht besonders anspruchsvoll, aber der Zeitfaktor sorgt für spaßige Hektik.

Wer es etwas ruhiger mag, kann im Multiplayer-Modus von “Stardew Valley” gemeinsam einen Bauernhof führen und dabei in eine ruhige und schöne kleine Welt abtauchen.

Ein Hit bei Kindern und Jugendlichen ist das schon seit über zehn Jahren existierende Spiel “Minecraft” – die Begeisterung ebbt hier noch immer nicht ab. Wer sich auf Pixeloptik einlassen kann, kann sich beinahe unbegrenzt in einer fantastischen virtuellen Lego-Bau-Welt wiederfinden. Das Spiel kann auch im Multiplayer-Modus gespielt werden.

Ein grundsätzlicher Gedanke zum Abschluss:

Spiele eignen sich gut, um Beziehungen aufzubauen und zu verfestigen. Es lohnt sich, sich auf die Spiele einzulassen, die beispielsweise die eigenen Kinder spielen und die Themen, die darin verhandelt werden, auf dem Schirm zu haben.

Nebenbei ist es auch möglich, die Themen und Wertvorstellungen aufzugreifen, die in Spielen vermittelt werden – das gilt sowohl für den privaten, als auch für den psychotherapeutischen Kontext.

Mehr zum Thema

Dieser Blogbeitrag wurde im Rahmen unseres Themenmonats zu Mediensucht und Corona veröffentlicht. Hier kannst Du die anderen Blogbeiträge nachlesen:

  • Mediennutzung in der Covid-19-Pandemie: Zahlen, Daten, Fakten (veröffentlicht am 06.10.2021)
  • Was sollen wir denn sonst machen? Bedürfnisse, Lockdown und Medienkonsum (Webinarbericht, Veröffentlichung am 21.10.)
  • Mediensüchtig: Unsere Erfahrungen mit Pandemie, Lockdown und Social Distancing (Statements von Mediensucht-Betroffenen, Veröffentlichung am 28.10.)

Außerdem haben wir bereits diese beiden Artikel zum Thema veröffentlicht:

Mehr über die Arbeit von Behind the Screens gibt’s hier:

Emoji mit Maske auf Smartphone Was sollen wir denn sonst machen? Über Bedürfnisse, Lockdown und Mediensucht Emoji mit Maska auf Handy-Display Mediennutzung in der Covid-19-Pandemie: Zahlen, Daten, Fakten
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