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Emoji Luftballons

Foto: Lidya Nada / Unsplash.com

Influencer*innen in der Suchthilfe: Chance oder Herausforderung?

29 Oktober 2020

Lesezeit 8 Minuten

Themenmonat Influencer*innen

Im Oktober 2020 hat webcare+ einen Themenmonat zu Influencer*innen durchgeführt. Inhalt dieses Themenmonats war neben drei Blogbeiträgen, einschlägiger Social Media Arbeit und einer Messenger-Beratung in Kooperation mit Juuuport, auch ein Webinar zu Influencer*innen. Dieses fand am 26. Oktober 2020 statt. Zu Gast waren Prof. Dr. Judith Ackermann (FH Potsdam), Markus Gerstmann (ServiceBureau Jugendinfo) und – ganz spontan – Niko Blug (blu:prevent).

Influencer*innen als Teil des jugendlichen Alltags

Markus Gerstmann ist Medienpädagoge und außerschulischer Bildungsreferent. Er arbeitet im ServiceBureau Jugendinformation Bremen, das jährlich im Oktober einen Mediensucht-Fachtag veranstaltet. Markus Gerstmann kennt sich mit jugendlicher Mediennutzung aus. Dazu gehören neben den bei Jugendlichen angesagten Netzwerken auch Themen wie Influencer*innen, Hass im Netz, Cybermobbing, Mediensucht, Selbstdarstellung und mehr. Im Webinar hat Markus Gerstmann uns eine Einleitung und Übersicht zum Thema Influencer*innen gegeben.

Faszination und Erfolg von TikTok

Judith Ackermann ist Forschungsprofessorin für Digitale und vernetzte Medien in der Sozialen Arbeit an der FH Potsdam. Seit August 2020 betreibt sie als @dieprofessorin Wissenschaftskommunikation auf TikTok, hat dort zum Zeitpunkt des Webinars bereits 8.600 Follower und kann somit selbst als Influencerin bezeichnet werden. Warum das Netzwerk für junge Menschen so reizvoll ist, hat Judith Ackermann uns im Webinar erklärt.

Influencer*innen und Suchtprävention auf Instagram

Niko Blug arbeitet beim Suchtpräventionsprojekt blu:prevent, das sich gezielt an junge Menschen richtet. Auf Instagram ist das Projekt als @vollfrei mit rund 4.300 Followern vertreten. Das Projektteam von blu:prevent steht dort in Kontakt mit vielen anderen Kanälen, die zum Thema Sucht arbeiten. Darunter auch solche, die von ihrem Format und ihrer Followerzahl durchaus als Influencer*innen gelten können. Im Webinar nennt er einige Beispiele und hebt die Chancen dieser modernen Kommunikationsform für die traditionelle Suchtprävention hervor.

TikTok Logo auf Smartphone

Foto: Kon Karampelas / Unsplash.com

Kontakt mit Influencer*innen aufnehmen

Influencer*innen, denen das Thema Suchtprävention persönlich wichtig ist und dazu auch immer wieder Inhalte veröffentlichen, könnten eine Ergänzung für die professionelle Suchthilfe sein. Aber: Das bringt auch Hindernisse und Risiken mit sich. So ist es beispielsweise oft schwierig, überhaupt erst einmal Kontakt zu Influencer*innen aufzunehmen. Schnell geht eine Anfrage in der Flut der Nachrichten unter. Hinter manchen Social Media Stars stehen inzwischen auch Agenturen, die die Kommunikation für diese komplett übernehmen und nicht-gewinnbringende Anfragen einfach abblocken. Eine Antwort bleibt nicht selten ganz aus.

Mit Influencer*innen kooperieren

Markus Gerstmann hat zurecht die Frage aufgeworfen: Wollen wir denn überhaupt mit Influencer*innen zusammenarbeiten? Wie können wir beispielsweise garantieren, dass ein*e Influencer*in nicht an einem Tag unsere Kampagne unterstützt und am nächsten Tag abends loszieht, Party macht und Fotos mit Alkohol postet? Wir können Menschen, die so stark in der Öffentlichkeit stehen und einen großen Teil ihres Lebens online teilen nicht rund um die Uhr überwachen und ihnen Verhaltensvorschriften machen. Eine Kooperation kann also schnell nach hinten losgehen.

Markus Gerstmann hält etwas anderes für zielführender: Wir müssen auf Social Media vertreten sein, auf bestimmte Verhaltensweisen von Influencer*innen hinweisen und sie und ihre Follower zum kritischen Nachdenken anregen.

Social Media Stars vs. Mediennutzung?

Beim Arbeitsbereich von webcare+ kommt noch ein weiteres Hindernis hinzu, das geradezu in einem Widerspruch mündet. Warum sollten Influencer*innen ihre Follower dazu auffordern, ihre Mediennutzung zu überdenken? Egal ob Instagrammer*innen, TikToker*innen oder Let’s Player bei Twitch – Diese Menschen leben teilweise davon, dass ihre Follower viel Zeit in sozialen Netzwerken verbringen, sich ihre Inhalte ansehen und damit interagieren. Was sollte Influencer*innen veranlassen, das in irgendeiner Weise zu gefährden? Verständlich, dass die Agenturen im Hintergrund da abblocken. Vor allem, wenn aus anderen Richtungen große Werbeaufträge der Privatwirtschaft locken. Und anders herum:

Wollen wir wirklich, dass Menschen für uns und unsere Themen Werbung machen, wenn sie selbst womöglich (jetzt oder zu einem späteren Zeitpunkt) ein schlechtes Vorbild in Sachen Mediennutzung(szeiten) sind?

Influencer*innen: Professionelle Standards und Wirksamkeit?

Suchtprävention gibt es bereits seit den 1990ern – nicht erst seit gestern. In jahrzehntelanger Arbeit wurden Herangehensweisen erprobt, ihre Wirksamkeit geprüft und Standards für eine wirksame Präventionsarbeit gesammelt. Beratungslehrkräfte in Schulen, Fachberater*innen für Suchtprävention an Schulämtern und außerschulische Fachkräfte, wie Fachstellen für Suchtprävention und Suchtberatungsstellen arbeiten nach diesen Qualitätsstandards. Wer in diesem Arbeitsgebiet wie die meisten Influencer*innen keine Ausbildung oder Berufserfahrung hat, kennt diese Standards in der Regel nicht.

Ehemals Drogengebrauchende bieten beispielsweise an, in Schulklassen auf lockere, coole Art von ihrem schlimmen Drogenschicksal zu erzählen. Ähnlich verhält es sich mit Influencer*innen, die auf Instagram und Co davon berichten. Sie vermitteln ihre Erfahrungen aus subjektiver Betroffenensicht, treffen die Jugendsprache und kommen bei vielen Jugendlichen erstmal besser an als professionelle Präventionsfachkräfte. Ob sie langfristig auch eine präventive Wirkung zeigen, ist nicht belegt. Die Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. hat daran erhebliche Zweifel und begründet diese wie folgt:

  • Keine qualitativ hochwertige Evaluation bekannt
  • Ansatz der Abschreckung gilt als überholt
  • Abschreckung bietet eventuell Anreiz für weiche Drogen
  • Plakative Lebensverläufe gehen nicht auf Lebensrealität der Zielgruppe ein
  • Anregung der Zielgruppe zur Selbstreflexion fraglich
  • Kein Aufzeigen von regionalen und frühzeitigen Unterstützungsmöglichkeiten

Es ist also Vorsicht geboten bei der Zusammenarbeit mit solchen Präventionsstars – ob online oder offline. Markus Gerstmann wirft zudem die Frage auf, ob Influencer*innen nicht eh eine vorübergehende Mode-Erscheinung und in 3-4 Jahren nur noch Schnee von gestern sind.

Mann mit Sonnenbrille

Foto: RyanMcGuire / Unsplash.com

Suchthilfe, Follower und Outings

Judith Ackermann bringt noch einen Gedanken ein, der erklären könnte, warum viele Suchthilfe-Einrichtungen in den sozialen Medien mit kleinen Followerzahlen zu kämpfen haben. Wer wem folgt ist auf den meisten Plattformen öffentlich einsehbar. Wer also einem Suchthilfe-Profil folgt, offenbart seinen Mitmenschen, potentiellen Arbeitgeber*innen und auch völlig Fremden, dass es einen Bezug zum Thema Sucht gibt.

Ist die Person selbst abhängig? War sie es einmal? Ist sie Angehörige*r eines Menschen mit Suchterkrankung? Das Gedankenkarussell nimmt hier schnell Fahrt auf. Vollkommen nachvollziehbar, dass nicht jeder gerne einem Profil folgt, das sich mit dem Thema Sucht beschäftigt. Eine kleine Followerzahl heißt daher nicht automatisch, dass die Inhalte nur wenige Menschen interessieren. Vielleicht werden sie von viel mehr Menschen besucht, die sich nur einfach nicht outen möchten.

Da sein, im Gedächtnis bleiben, ansprechbar sein

Markus Gerstmann betont daher, wie wichtig es ist, nicht nur das Thema Sucht anzusprechen. Eine viel größere Zielgruppe können wir mit dem Thema Gesundheit adressieren. Wie viel Mediennutzung ist gesund? Welche Medieninhalte tun dir gut? Auf welchen Netzwerken fühlst Du Dich wohl? Welche Alternativen gibt es? Welche Tipps können helfen, um die Mediennutzung zum Besseren zu verändern? Wo findest Du Hilfe, wenn Du alleine nicht weiterkommst? Wir müssen zeigen, dass wir da sind und dass wir ansprechbar sind, wenn Bedarf besteht.

Ein erhobener Zeigefinger und Schwarz-Weiß-Malerei bringen oft nichts, stimmt auch Niko Blug zu. Statt sich auf den ständigen Ausbau der Followerzahlen einzuschießen, ist Netzwerken sein Geheimtipp. Wir sollten auf Social Media mit Menschen in Kontakt kommen, für die Mediennutzung und Medienkompetenz Themen sind – egal ob sie 500, 5.000 oder 500.000 Follower haben. Wir müssen Initiativen und Projekte finden, die ein ähnliches Arbeitsfeld haben wie wir. Mit denen können wir in Kontakt und ihnen im Gedächtnis bleiben. Im Fall der Fälle – wie auch immer dieser aussehen mag – erinnern sie sich dann hoffentlich und melden sich bei uns.

Erfolgreiche Social Media Arbeit bedeutet für Einrichtungen der Suchthilfe und Suchtprävention also nicht unbedingt vierstellige Followerzahlen oder die Zusammenarbeit mit großen Influencer*innen. Netzwerken und Beziehungsarbeit können hier genauso wertvoll und zielführend sein, solange die Menschen im Bedarfsfall nur ihren Weg zu uns finden.

Zum Nachlesen, Reingucken, Reinhören

Die Blogbeiträge aus unserem Themenmonat kannst Du hier nachlesen:

Hier kannst Du Dir die Präsentationsfolien der beiden Referent*innen ansehen und herunterladen:

Das Webinar wurde aufgezeichnet. Die Tonspuren kannst Du Dir hier anhören:

Webinar-Einleitung:
Webinar-Input von Markus Gerstmann:
Webinar-Input von Dr. Judith Ackermann:
Webinar-Diskussionsrunde:
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