Information: Das hier ist das Transkript zu einer Podcastfolge. Wenn du die Podcastfolge stattdessen lieber anhören oder ansehen möchtest, findest du die Links dazu am Ende des Textes.
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Saskia Rößner: Herzlich willkommen zu „Social-Media-Sucht verstehen“, der dritten Staffel von „Mediensucht verstehen“, einem Podcast der Hessischen Landestelle für Suchtfragen, gefördert durch die Techniker Krankenkasse in Hessen. Mein Name ist Saskia Rößner und mit mir heute im Studio ist wieder Christian Montag. Hallo Christian.
Christian Montag: Hi Saskia.
Saskia Rößner: Wir haben letzte Folge schon damit begonnen, uns Psychotricks und Designelemente anzugucken, die uns auf die Plattform ziehen wollen, auch wenn wir das vielleicht gerade selbst gar nicht wollen oder gar keine Zeit dafür haben. Heute wollen wir weitermachen und uns die Designelemente angucken, die uns auf der Plattform halten, wenn wir erst mal da sind. Welche gibt es denn da, Christian?
Christian Montag: Ja, tatsächlich gibt es eine Gruppe von Designelementen, die darauf abzielt, die Onlinezeiten zu verlängern. Ein Designelement, das wirklich jeder kennt, aber wo es sich lohnt, das noch mal historisch anzuschauen, weil es auch für die Industrie so wichtig ist, ist der Like-Button. Also der „Daumen hoch“. Ich glaube, das war so um 2009, als der Like-Button im Hause Facebook entwickelt worden ist. Der ist deswegen so wichtig für die Industrie, weil er eigentlich mehrere Funktionen hat.
Like: Belohnung fürs Gehirn
Christian Montag: Wir sprechen ja gerade davon, die Onlinezeiten zu verlängern, dass wir ein Designelement haben, was als soziale Währung funktioniert. Wir vergleichen uns häufig – nicht alle Nutzenden, aber viele machen durchaus einen sozialen Aufwärtsvergleich. Das heißt, man guckt z.B., wie viele Likes andere haben oder wie es denen eigentlich geht. Die müssen ja ein tolles Leben haben, wenn die so mit Lob zugeschüttet werden.
Von uns selbst wissen wir auch, dass wenn ich etwas poste und dann einen schönen „Daumen hoch“ bekomme, dass sich das positiv anfühlt. Das wird tatsächlich auch durch die Neurowissenschaften, also durch die Hirnforschung, bestätigt. Da gibt es eine tolle Studie aus den USA von Lauren Sherman. Sie hat die Studienteilnehmenden gebeten, Bilder vom eigenen Instagram Account mitzubringen. Die Studienteilnehmenden wurden im Hirnscanner angeschaut, während die Hirnaktivität aufgezeichnet worden ist, so dass man gucken konnte, was passiert eigentlich, wenn diese Bilder manipuliert worden sind? Also die Nutzenden haben ihre eigenen Bilder mit vielen Likes gesehen oder mit wenigen Likes gesehen. Das war eine der Versuchsbedingungen.
Wenig überraschend, wenn ich viele Likes bekomme, wird das Belohnungssystem des Gehirns aktiviert. Das erklärt natürlich ein Stück weit auch, warum es mir danach gut geht. Ich denke kurz „Hach, schön“, und dann „Was muss ich eigentlich tun, damit ich wieder so eine soziale Belohnung bekomme? Ich muss wohl was posten“. Das heißt, ich bin auf der Plattform und kreiere Content erstmal in der Hoffnung, dass dann wieder was Schönes passiert.
Social Media oder Glücksspiel?
Christian Montag: Jetzt kommen wir zum nächsten Begriff: Intermittierende Verstärkung.
Saskia Rößner: Das kenne ich aus der Glücksspielforschung.
Christian Montag: Exakt. Das heißt, wir haben einen Verstärker-Plan, nach dem nicht jeder meiner Posts total gut läuft. Aber ab und zu gibt es mal so einen Ausreißer, bei dem ich denke „Wow, der hat aber echt viel Bestätigung bekommen. Da reden die Leute viel drüber. Da hagelt es bei mir Likes rein.“ Das ist natürlich besonders belohnend.
Und wir wissen tatsächlich aus der Suchtforschung, dass gerade diese Art der Verstärkung zu einem Verhalten führt, was sich sehr, sehr schwer verlernen lässt. Das heißt, wenn ich ein paar Mal diese Likes bekommen habe, dann bin ich wohl sehr, sehr häufig in dem Modus, mal wieder was zu posten, in der Hoffnung natürlich, dass da was Schönes passiert.
Likes: Für die Plattformen wertvolle Daten
Ich hatte eben gesagt, dass das ein Designelement ist, was nicht nur wichtig ist, um die Leute bei der Stange zu halten, sondern dass es tatsächlich auch psycho-diagnostisch ein Designelement ist, was für die Industrie sehr, sehr wichtig ist. Was meine ich damit? Wenn ich irgendwo etwas like, verrät, dass der Industrie schon sehr, sehr viel darüber, was ich gut finde.
Und dann sind wir eigentlich schon wieder bei diesem Daten-Geschäftsmodell. Wir sprachen in der ersten Folge von Überwachungskapitalismus. Die Industrie spioniert uns aus, will verstehen, wie ich ticke, was ich gut finde. Und aus Sicht der Industrie ist dieser Like-Button genial.
Saskia Rößner: Das heißt, ich erzähle ihnen ganz bereitwillig – ganz naiv, ohne darüber nachzudenken – „Ach, ich mag das und ich mag das und ich mag das. Das nicht so, da möchte ich keine Werbeanzeige zu gezeigt bekommen, aber vielleicht zu dem und zu dem und zu dem“.
150 Likes reichen für ein Persönlichkeits-Profil
Christian Montag: Dieser Like-Button ist tatsächlich so bedeutsam. Es gab 2013 eine bahnbrechende Studie von Michael Kosinski, der versucht hat, anhand von Likes beispielsweise auch die Persönlichkeitseigenschaften von Personen zu schätzen oder Vorhersagen zu machen, ob sich hinter der Person, die jetzt ein Like vergibt, zum Beispiel ein Mann oder eine Frau verbirgt. Die haben eine Schätzung gemacht – das ist jetzt eine ganz grobe Richtung – dass man wohl 150 Likes von einer Person braucht, um einige Vorhersagen schon ganz gut zu treffen.
Saskia Rößner: Das ist gar nicht so viel.
Christian Montag: Das ist gar nicht so viel, wenn wir mal überlegen, wie häufig wir Likes im Alltag setzen.
Saskia Rößner: Das schaffen manche Leute, glaube ich, an einem Tag.
Christian Montag: Da sieht man, dass wir hier ein Design-Element haben, was wie gesagt die Leute bei der Stange hält, aber auch sehr, sehr viel über sie verrät.
Saskia Rößner: Auch irgendwie wieder ein bisschen gruselig, finde ich.
Christian Montag: Ein bisschen schon, ja.
Saskia Rößner: Jetzt können wir direkt schon super zu deinem nächsten Punkt überleiten, nämlich von den Likes und dem Tracking meines Selbst zur Personalisierung.
Personalisierung: Jede*r bekommt ein eigenes Social Media
Christian Montag: Ja, machen wir noch eine kurze Zeitreise. Wenn ich online nachgucke, wie die ersten Anfänge der Facebook-Plattform aussahen, da gab es keine Personalisierung. Da wurde einfach alles Mögliche aus dem sozialen Netzwerk untereinander geklatscht, irgendwie präsentiert. Das ist für die Nutzenden natürlich häufig nicht so richtig erbaulich. Dann denkt man, was man da liest, ist nicht so wirklich interessant.
Saskia Rößner: Ein bisschen wie Fernsehen?
Christian Montag: Ja, wir sind ein bisschen wieder bei dem Gedanken, dass eine Werbung vor den Nachrichten für alle ausgestrahlt wird, was aber nur einen kleinen Teil interessiert.
Und dann hatte die Industrie bzw. in dem Fall Facebook – ich glaube, das war wie gesagt 2011 –intern diskutiert, dass es irgendwie anders gehen muss, weil die Industrie das natürlich nicht gut findet, wenn man auf die Plattform geht und sagt, dass man sie langweilig findet, dass das nicht relevant für einen ist.
Saskia Rößner: Dann schließe ich die Plattform oder die App wieder?
Christian Montag: Dann schließe ich die Plattform. Wenn ich Langeweile auf der Plattform habe, dann gehe ich. Wir sind ja gerade bei Designelementen. Uns geht es darum, zu verstehen, wie es eigentlich der Industrie gelingt, die Online-Zeiten zu verlängern. Und Personalisierung spielt dort eine große Rolle. Man hat sich damals überlegt, dass sie den Leuten die New York Times for you of you anbieten müssen.
Saskia Rößner: Also einmal die Zeitung in einzelne Artikel auseinanderschneiden und den Personen nur das geben, wofür sie sich wirklich interessieren?
Christian Montag: Genau.
Maximale Unterhaltung für maximale Bildschirmzeit
Saskia Rößner: Eigentlich ist das erstmal ein ganz netter Servicegedanke.
Christian Montag: Eigentlich erst mal gar kein schlechter Gedanke, weil – sind wir mal ganz ehrlich – jeden Tag zig Millionen Botschaften gepostet werden und wir können dort aus dieser Menge natürlich überhaupt keine Auswahl mehr treffen, was für uns relevant ist. Da würden wir unglaublich viel Zeit mit verlieren. Also auf der einen Seite kann man schon sagen „Ja, es ist in dem Sinne kuratiert“. Eine Social-Media-Plattform sucht also für uns schon Botschaften aus, die für uns interessant sein mögen. Wie macht die Industrie das? Überwachungskapitalismus. Sie hat natürlich schon einen langen Erfahrungsschatz mit uns, also weiß genau, was wir über Jahre gut finden.
Saskia Rößner: Alle meine Likes, jede Minute oder Sekunde, die ich auf Plattformen verbringe…
Christian Montag: Genau. Was Themen sind, die mich interessieren, mit welchen Botschaften ich besonders in Interaktion trete. Und das verlängert natürlich dann die Online-Zeiten, weil ich jetzt erstmal Dinge sehe, die ich interessant finde. Dann denke ich „erster Post ist interessant, das nächste ist auch interessant, das nächste hat meine Freundin gepostet, ist auch super interessant“. Oder von einem Freund „Ja mega, genau mein Sport Thema. Genau mein Musikthema“. Also auf der einen Seite ist es gut, weil ich häufig die Dinge bekomme, die mich interessieren. Schlecht aber auch, weil es natürlich Online-Zeiten verlängert. Gerade wenn man dieses Designelement mit einem nächsten Designelement in Kontakt setzt und im Zusammenhang bringt, nämlich Endless Scrolling.
Endless Scrolling: Inhalte ohne Ende
Saskia Rößner: Endless heißt „ohne Ende“. Und Scrolling ist das Durchwischen. Das heißt also das Wischen ohne Ende, dass die Seite einfach kein Ende hat. Von früher bei den Internetseiten wissen wir noch, dass man da runter gescrollt hat und an ein Ende der Webseite gestoßen ist.
Wenn wir uns heute Tiktok, Instagram und Co angucken, da kann man wischen so viel man will, aber an ein Ende kommt man eigentlich nie. Höchstens mal die Internetverbindung, die jetzt gerade nicht mehr so gut ist und mitspielt und keine neuen Inhalte mehr laden will. Dann schließt man die App einmal, öffnet sie wieder neu und kann den ganzen Prozess wieder von vorne starten.
Christian Montag: So, und dadurch ist es der Industrie gelungen, unsere Zeit Wahrnehmung zu beeinflussen. Weil ich jetzt die ganze Zeit irgendwie Dinge sehe, die ich interessant finde und es auch nicht mehr aufhört. Ich komme dann im wahrsten Sinne in einen Flow Zustand, der sich per se erst mal gut anfühlt, wenn die Botschaften auch positiv sind. Ich kann aber auch in einen Sog geraten, dann sind wir beim Doom-Scrolling, dass ich die ganze Zeit nur negative Botschaften sehe.
Designt, um süchtig zu machen?
Da sieht man diese Wirkung des A/B-Testens. Also erst mal zu testen, was macht die Plattform mit Personalisierung versus ohne Personalisierung und dann steht die Industrie dahinter mit einer Stoppuhr und guckt, wie lange die Leute ihre Zeit verbringen oder wie viel sie reposten und und und.
Dann haben sie bemerkt, dass es vielleicht besonders gut mit Personalisierung funktioniert und dann kommt noch Endless Scrolling. Dann wird so ein richtiger Strom draus, aus dem die Nutzenden Probleme haben, auszubrechen.
Wenn wir über Personalisierung sprechen, kann man sagen, dass es auch Vorteile hat. Dafür hat es in anderen Bereichen auch noch mal besondere Nachteile, nämlich wenn wir über Filterblasen nachdenken. Wenn ich nur noch das online gezeigt bekomme, was auch meiner politischen Weltanschauung entspricht, weil ich mich dann von der Logik her eigentlich gar nicht mehr mit anderen Weltanschauungen auseinandersetze. Das ist gerade durchaus eine große Kontroverse in der Wissenschaft, inwieweit so was auch zu Radikalisierung führen kann.
Saskia Rößner: Es ist in unseren heutigen Zeiten auch ein großes Thema.
Christian Montag: Ja, stimmt.
Saskia Rößner: Aber nicht Thema heute bei uns hier am Tisch,
Christian Montag: Exakt.
Saskia Rößner: Also Likes, Personalisierung und Endless Scrolling. Gibt es noch weitere Faktoren?
KI-ChatBots: Bildschirmzeit, auch wenn sonst nichts los ist
Christian Montag: Ja, wir sehen gerade in den Nachwehen von ChatGPT – als es November 2022 auf den Markt gekommen ist – dass diese ganzen KI Chatbots zunehmend mehr an Relevanz gewinnen. Es mögen sich viele fragen: „Was hat das denn mit sozialen Medien zu tun?“ Wir sehen jetzt, dass diese Produkte miteinander verschmelzen. Wir haben zum Beispiel auf Snapchat „My AI“ oder „Grok“ auf der Plattform X, früher Twitter.
Das ist natürlich eine nächste Möglichkeit, die Nutzenden bei der Stange zu halten, indem man sagt „Wir sind jetzt nicht nur die klassischen sozialen Medien, sondern wir sehen, dass wir hier ein Produkt haben, was wir noch mal verbauen, weil wir sehen, dass viele Menschen nicht nur die Large Language Modelle – also diese KI-Chatbots – nutzen, um produktiver zu werden, um ihren Job vielleicht noch besser machen zu können, sondern sie nutzen sie tatsächlich auch als Alltagsbegleiter.
Saskia Rößner: Also wenn sonst gerade niemand Zeit zum Schreiben hat, mir niemand sagen kann, ob dieses Modestück passt oder ob in dem Gericht vielleicht das Gewürz oder das Gewürz besser passt oder wie ich jetzt die Glühbirne an meinem Auto wechsle, dann frage ich halt bei WhatsApp einfach die eingebaute KI–
Christian Montag: Ja, unterhalte mich mit ihr.
Saskia Rößner: –und schon weiß Meta wieder, dass ich mich für dieses oder jenes interessiere.
Christian Montag: Ich gehe durch den Supermarkt und frage My AI, was ich denn heute Abend zum Essen machen soll. Ich sag, „Berate mich doch mal hier und da“. Wir sehen, dass Menschen dazu neigen, die Maschine – gerade KI-Chatbots – zu vermenschlichen. Wir sprechen hier von der Anthropomorphisierung – ein schwieriger Begriff, aber eigentlich ein einfaches Konzept dahinter.
Saskia Rößner: Das heißt, ich schreibe mit dem KI-Chatbot, als wäre er ein Mensch, obwohl natürlich nur eine Maschine dahintersteht.
ELIZA: Ist KI Mensch oder Maschine?
Christian Montag: Genau. Da gibt es auch eine alte Geschichte von Joseph Weizenbaum. Der hat den ersten KI-Chatbot in den 60er Jahren entwickelt.
Saskia Rößner: ELIZA?
Christian Montag: ELIZA, genau. Da gibt es wohl diese Anekdote, dass die Sekretärin von Joseph Weizenbaum gesagt hat, „Du, Joseph, kannst du mal aus dem Raum rausgehen? Ich brauche ein bisschen Privatsphäre mit meinem Chatbot“. Eine Variante davon war, dass sie tatsächlich auch ein psychotherapeutisches Modul war, im Sinne von Carl Rogers. Ich stell dir eine Frage, dann wird die Frage noch mal aufgenommen, was Eliza damals im Prinzip versucht hat, nachzubilden.
Saskia Rößner: Um ein bisschen vorzutäuschen, dass sie zuhört.
Christian Montag: Ja. Da hat man eigentlich schon in den 60er Jahren an diesem einfachen Beispiel gesehen, dass es uns sehr, sehr schwerfällt, auszublenden, dass das eine Maschine ist, mit der wir kommunizieren. Jetzt kann man sich vorstellen, wenn wir über soziale Medien sprechen, haben wir dieses sehr mächtige Tool, die KI-Chatbots, die hier auch noch mal Einzug halten und vor dem Hintergrund der Privatsphäre der Nutzenden die nächste Grenze verschieben, nämlich dessen, was an Informationen an die sozialen Medien weitergeleitet wird, die dann natürlich im Sinne der Werbung wieder ausgenutzt werden können.
Parasoziale Beziehungen: Verliebt in einen KI-Chatbot?
Saskia Rößner: Mir fällt da noch das Stichwort parasoziale Beziehungen ein. Wir haben eben gesagt, viele reden oder schreiben mit KI-Chatbots, als wären es Menschen. Es gibt inzwischen auch schon dokumentierte Fälle oder Berichterstattungen, wo Menschen wirklich der Meinung sind, dieser KI-Chatbot ist ihr bester Freund oder sie haben eine Liebesbeziehung. Ich glaube ich habe sogar irgendwo gelesen, dass jemand einen KI-Chatbot geheiratet hat. Ich glaube nicht in Deutschland, hier ist das nicht möglich. Aber erklär doch mal, was parasoziale Beziehung ist.
Christian Montag: Ja, parasoziale Beziehungen spielen auch bei den klassischen sozialen Medien, ohne dass wir über KI-Chatbots reden müssten, eine Rolle. Die Musikindustrie oder viele Stars verfahren nach dem gleichen Modell, dass sie sehr nahbar wirken wollen und indem sie direkt zu den Fans sprechen können, denken viele Fans, dass sie auch direkt angesprochen werden.
Taylor Swift ist ein super Beispiel. Sie ist rumgefahren und hat genau auf der Idee, sehr nahbar zu sein, auch ihre Karriere aufgebaut. Authentisch zu wirken, indem sie bei den Fans an der Tür klopft und sagt, „Guck mal, ich habe ein extra Weihnachtsgeschenk für dich gebastelt“ oder hat Hochzeiten gecrashed und zu den Fans gesagt, „Guck mal, ich bin jetzt da und spiele deinen Lieblingssong“. Das geht natürlich viral. Und alle Fans denken, sie könnten die nächste Person sein. Das heißt, natürlich kennt Taylor Swift nicht all ihre zig Millionen Follower, aber andersrum denken die Fans, dass sie Taylor sehr, sehr gut kennen.
KI, Stars, Influencer*innen – keine echten Beziehungen
Das heißt, dort werden Beziehungen aufgebaut, die natürlich keine echten Beziehungen sind. Wir sehen in Asien gerade sehr stark, dass viele Influencer tatsächlich dann auch versuchen, Geld einzusammeln. Also dass die Fans sogar direkt auf den Kanälen Geld spenden, wo diese parasozialen Beziehungen auch ausgenutzt werden.
So, und wenn wir jetzt über KI-Chatbots sprechen, haben wir sicherlich noch mal die nächste Schwelle erreicht. Also dass Menschen anfangen, in KI-Chatbots tatsächlich so etwas wie Partner und Partnerinnen zu sehen, denen sie ihre größten Geheimnisse anvertrauen. Die Maschine wird komplett vermenschlicht und das kann eben zu einer Abhängigkeit führen – auch im Beziehungsbereich – die sehr ungesund ist. Es gab eine Welt-Nachricht, über einen Jungen aus Florida, der sich sogar das Leben genommen hat. Er hat sich vorgestellt, dass er mit der Protagonistin aus Game of Thrones eine Beziehung führt und hat sich dann nach der Interaktion genötigt gefühlt, sich das Leben zu nehmen. Es wird noch darüber diskutiert, ob der Chatbot jetzt schuld war oder nicht.
Saskia Rößner: Ja, da sind echt traurige Geschichten dabei.
Damit wir nicht ganz so traurig enden, würde ich mal einen Cut bei den parasozialen Beziehungen machen. Wenn ihr da draußen euch mehr für parasoziale Beziehungen interessiert, dann schaut doch mal in unsere letzte Staffel „Videospielsucht verstehen“ rein. Da gibt es nämlich eine Folge, in der wir uns mit dem Thema, wie wir mit unserer Identität – mit Rollen – spielen können, beschäftigen. Die heißt „Avatar statt Alltag“, Staffel zwei, Folge vier. Da könnt ihr euch auch mehr zu parasozialen Beziehungen anhören.
Tipp zur Selbsthilfe Nr. 1: Zeit-Limits für Apps einrichten
Saskia Rößner: Wir machen jetzt weiter mit Tipps zur Selbsthilfe, damit wir wenigstens mit ein bisschen was Positivem hier rausgehen. Und da hat uns der Verein „Aktiv gegen Mediensucht“ den Tipp gegeben, sich Zeitlimits einzurichten, um nicht so lange online zu sein. Entweder bei den Plattformen selbst, sofern sie es denn anbieten, oder am Smartphone. Viele machen das inzwischen übers Handy in den Einstellungen, bestimmte Apps auf so und so viele Minuten am Tag zu beschränken.
Und Christian, vielleicht hast du ja auch noch einen weiteren Tipp für uns, was wir machen können, damit wir nicht so lange auf den Plattformen kleben bleiben.
Christian Montag: Richtig. Die Industrie hat vor ein paar Jahren teilweise Timer eingebaut, wo man hingehen kann und sagt „nicht länger als eine halbe Stunde“ und da geht irgendwie ein Fenster auf, wo steht „halbe Stunde ist verbraucht“. Jetzt muss man fairerweise sagen, dass es auch ein Marketinggag von der Industrie ist. Denn stückweit sorgt sie dafür, dass die Verantwortung – zumindest wirkt es so – von der Industrie weggeht. „Guck mal, wir haben doch jetzt einen tollen Wecker gebaut, nutzt den. Das ist jetzt nicht mehr unser Problem, am Daten Geschäftsmodell zu arbeiten.“
Trotzdem kann das natürlich helfen, erstmal einen Überblick zu bekommen, wie viel Zeit-Verzerrung ich habe. „Wow. Eine halbe Stunde weg.“ Vielleicht will ich es doch in Zukunft anders handhaben.
Tipp zur Selbsthilfe Nr. 2: Apps vom Smartphone löschen
Christian Montag: Das andere ist ein bisschen radikaler, aber könnte man auch mal drüber nachdenken. Und das heißt jetzt nicht komplett abstinent zu sein oder die sozialen Medien gar nicht mehr zu nutzen, sondern zu überlegen, ob man jede dieser Apps tatsächlich ständig verfügbar auf dem Smartphone braucht. Instagram zum Beispiel kann man auch über einen normalen Browser auf dem Laptop checken.
Das hat den Vorteil, dass ich vielleicht alles ein bisschen gezielter mache. Ich sitze nicht gerade alleine im Bus und gehe schon wieder drauf, um mich abzulenken. Ich könnte irgendwie auch mal meinen Gedanken nachhängen. Dass man sagt, dass man bestimmte Apps nicht immer auf dem Telefon haben möchte. Nach dem Gedanken Gelegenheit macht Diebe. Diese Apps nehme ich runter und werde sie nur noch gezielt über den Laptop nutzen.
Saskia Rößner: Also nur noch zu Hause, wenn ich gerade Zeit habe, nichts anderes zu tun habe – nicht während der Arbeitszeit, nicht, wenn ich unterwegs bin, nicht, wenn ich mich vielleicht auf den Straßenverkehr konzentrieren sollte, sondern nur noch dann, wenn wirklich die Gelegenheit günstig ist.
Christian Montag: Und das hat sicherlich auch den Vorteil, dass wir ein bisschen aus der Fragmentierung wegkommen. Das heißt, wir werden durch die sozialen Medien, durch die Botschaften, dauernd unterbrochen. Und ich sage immer so ein bisschen lapidar: Es ist besser, wenn ich einmal 15 Minuten am Stück drauf bin anstatt 15 Mal eine Minute, weil ich beim letzteren 15 Mal irgendwo rausgerissen werden, also habe ich Wechselkosten. Bei der anderen Variante, wenn ich mich da einmal 20 Minuten hinsetze, dann passiert das entsprechend weniger.
Saskia Rößner: Okay, guter Tipp. Danke Christian.
Mehr Infos zu Social-Media-Sucht
Saskia Rößner: Wenn ihr da draußen noch mehr Tipps braucht, dann schaut doch mal auf unserer Website www.webcare.plus vorbei. Dort findet ihr außer Selbsthilfetipps auch noch professionelle Hilfe Angebote. Und wenn ihr auch da nicht weiterkommt und Fragen an Christian habt, dann kommt am 5.11.2026 um 15 Uhr in unser Webinar. Ihr könnt euch über die Webseite anmelden.
Und ansonsten würde ich sagen, kommentiert, liked und bewertet gerne unseren Podcast. Teilt ihn mit einer Person, die vielleicht viel zu viel Zeit auf Social Media verbringt und abonniert den Podcast, damit ihr die nächste Folge nicht verpasst.
Denn nächste Folge wird es richtig spannend. Auch wenn unsere Staffel „Social-Media-Sucht verstehen“ heißt, fragen wir uns nämlich nächste Woche „Gibt es denn Social-Media-Sucht überhaupt?“ Also es bleibt spannend. Schaltet wieder ein. Bis nächste Woche. Ciao.
Online-Veranstaltung mit Prof. Dr. Christian Montag
Link zur Online-Veranstaltung am 5. November 2026
Social-Media-Sucht verstehen: Psychotricks der Plattformen – Teil 1 (S03E02)