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Social-Media-Sucht verstehen: Gibt es „Brain Rot“ wirklich? (S03E06)

14 Oktober 2026

Lesezeit 9 Minuten

Information: Das hier ist das Transkript zu einer Podcastfolge. Wenn du die Podcastfolge stattdessen lieber anhören oder ansehen möchtest, findest du die Links dazu am Ende des Textes.

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Saskia Rößner: Herzlich willkommen zu „Social-Media-Sucht verstehen“, der dritten Staffel von „Mediensucht verstehen“, dem Podcast der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen, gefördert durch die Techniker Krankenkasse in Hessen. Mein Name ist Saskia Rößner und mit mir im Studio ist heute wieder Christian Montag. Hallo Christian!

Christian Montag: Hi Saskia!

Saskia Rößner: Wir haben uns in den letzten Folgen die Fragen gestellt: Erstens, gibt es Social-Media-Sucht überhaupt? Und darüberhinausgehend: Kann Social Media uns auch auf andere Weise krank machen? Und heute beschäftigen wir uns mit dem Oxford-Wort des Jahres 2024, nämlich „Brain Rot“, das heißt übersetzt „Gehirnverrottung“. Christian, was ist das für ein Phänomen?

Christian Montag: Ja, irgendwie ein krasser Begriff, oder? Das Gehirn verrottet.

Saskia Rößner: Das klingt ein bisschen nach Zombie-Apokalypse.

Lassen seichte Inhalte unser Gehirn „verrotten“?

Christian Montag: Da sind wir, glaube ich, auch schon wieder im Bereich der Legenden und moralischen Panik. Aber ich glaube, wir müssen mal ein bisschen näher draufschauen. So wie ich das verstanden habe, wollte man damit beschreiben, dass man sehr, sehr stark seichtes Zeug auf den sozialen Medien konsumiert und dass das jetzt irgendwie unser Gehirn beeinflusst – also möglicherweise, dass wir weniger aufmerksam werden. Tatsächlich impliziert der Begriff „Brain Rot“ aber natürlich, wenn ich das aus Sicht eines Hirnforschenden sehe, dass sich da anscheinend massiv was abbaut bei uns im Gehirn. Das heißt, wir müssten natürlich auch Strukturveränderungen sehen.

Saskia Rößner: Also geht unser Gehirn, die Hardware, wirklich kaputt, weil wir zu viele oberflächliche Inhalte in den sozialen Medien konsumieren?

Christian Montag: Ja, da muss man ganz klar sagen: In der Drastik, wie das klingt, auf gar keinen Fall. Also man muss ein bisschen vorsichtig sein. Wir haben nicht viele bildgebende Studien zum Thema Smartphonesucht oder exzessive Smartphonenutzung und Social-Media-Nutzung.

Saskia Rößner: Was heißt bildgebend?

Christian Montag: Bildgebend heißt an der Stelle, dass wir unter anderem mit Magnetresonanztomographie arbeiten.

Saskia Rößner: MRT?

Christian Montag: Genau.

Lässt Social Media unsere Gehirne schrumpfen?

Christian Montag: Das heißt, wir legen die Studienteilnehmer:innen  in einen Hirnscanner rein und können dann unterschiedliche Dinge machen. Entweder können wir die Hirnaktivität aufzeichnen, während sie zum Beispiel irgendwelche Bilder von ihren Social-Media-Accounts sehen. Das heißt, wir wollen gucken: Wie reagiert das Gehirn live, wenn ich ihnen etwas zeige oder wenn das Gehirn an irgendwas arbeitet? Und das, was jetzt für einen „Brain Rot“ aber, glaube ich, interessanter wäre, wäre ja zu sagen: Kann ich eine Veränderung in den Hirnvolumina, also der Größe des Gehirns, über den Zeitraum abbilden?

Saskia Rößner: Also schrumpft mein Gehirn?

Christian Montag: Ja, genau, könnte ich ja fragen – also in Gänze oder in Teilen. Und was wir wissen, ist, dass es teilweise durchaus Zusammenhänge gibt. Wir haben da selbst mal eine Studie gemacht, die gezeigt hat, dass kleinere Hirnareale des sogenannten Nucleus accumbens – das ist ein Teil des Belohnungssystems des Gehirns – also ein geringeres Volumen mit einer objektiv längeren Facebook-Nutzung einhergehen. Aber querschnittlich. Und wir wissen nicht, in welche Richtung die Effekte gehen. Und die Effekte sind jetzt auch nicht so – das sind alles junge, gesunde Leute, die wir untersucht haben – dass man sich jetzt vorstellen kann, dass das Gehirn da irgendwie massiv leidet.

Da müsste man sagen: Wir haben jetzt über fünf Milliarden Social-Media-Nutzende rund um den Globus, wir haben über fünf Milliarden Smartphone-Nutzende rund um den Globus. Wenn das massiv „Brain Rot“ auslösen würde, dann müssten wir das in den paar Studien, die gemacht worden sind, auch mit wenigen Leuten sehen. Und das sieht man nicht.

Schädigt Social Media unsere Konzentrationsfähigkeit?

Christian Montag: Ich glaube, die interessantere Frage, die wir uns dort stellen können – um das jetzt nicht so drastisch zu formulieren – betrifft natürlich unsere Psyche, unsere kognitiven Funktionen. Also wie aufmerksam ich sein kann, wie gut ich mich konzentrieren kann. Das ist natürlich eine Funktion unseres Gehirns. Schauen wir uns mal die Funktion im Digitalzeitalter an, um zu gucken, ob sich dort was im Kontext der Social-Media-Nutzung verändert.

Saskia Rößner: Und wie sieht es da aus?

Christian Montag: Ja, da ist tatsächlich letztes Jahr ein Durchbruch gekommen, wie ich finde, durch eine Studie aus den USA, die ich gleich kurz vorstellen möchte. Bevor ich das tue, weise ich aber erstmal wieder auf viele, viele Studien hin, die tatsächlich einen Zusammenhang zwischen längerer Smartphone- und/oder Social-Media-Nutzung – oder einer suchtähnlichen Form der Social-Media-Nutzung – und einer schlechteren akademischen Performance, also schlechteren Noten bzw. dass die Leute sich schlechter konzentrieren können, gefunden haben.

Aber die Frage ist natürlich da wieder: In welche Richtung geht das? Ist das so, dass diejenigen, die zum Beispiel schlechtere Noten haben, sagen: „Och menno, meine Noten sind so schlecht, das nervt mich, ich will das einfach vergessen“, und die tauchen dann ab in die Onlinewelt, um einfach das schlechte Gefühl zu vergessen? Oder ist das eine Konsequenz des vielen Nutzens?

Was passiert, wenn wir zwei Wochen aufs Smartphone verzichten?

Und auch wenn das noch nicht final beantwortet ist, hat eine Studie aus den USA, die letztes Jahr publiziert worden ist, Folgendes vorgestellt – ganz interessant: Die Studienteilnehmer:innen wurden gebeten, eine App herunterzuladen, mit der man aus seinem Smartphone einen alten Nokia-Knochen gemacht hat. Mit anderen Worten: Das Internet ist dort für zwei Wochen komplett flachgelegt worden. Das heißt, was konnte ich mit meinem schönen Smartphone noch machen? Telefonieren?.

Saskia Rößner: Telefonieren konnte man damit, SMS schreiben und Snake spielen.

Christian Montag: Ja, das werden wahrscheinlich die Funktionen gewesen sein.

Und das Besondere an der Studie ist, dass die das sehr ausgewogen mit zwei Gruppen gemacht haben. Die erste Gruppe ist erstmal in die Intervention gegangen und danach haben die die App wieder deinstalliert und sind beobachtet worden.

Saskia Rößner: Was meinst du mit Intervention?

Christian Montag: Intervention heißt in dem Fall: Ich lade die App runter und blockiere mein Telefon, sodass ich keinen Internetempfang mehr drauf habe und logischerweise soziale Medien nicht mehr nutzen kann. Und das Besondere an der Studie ist, dass man die Leute dann tatsächlich nicht einfach suggestiv gefragt hat: „Sag mal, bist du jetzt aufmerksamer oder so?“, sondern man hat sie eingeladen und sie mussten am Computer Aufgaben erledigen, um wirklich die Aufmerksamkeitsleistung vorher und nachher zu messen.

Kein Smartphone, bessere Aufmerksamkeit und besseres Wohlbefinden

Christian Montag: Und was man gesehen hat: Nach zwei Wochen ohne Internet auf dem Telefon geht die objektiv gemessene Aufmerksamkeitsleistung nach oben. Das heißt, die kognitiven Funktionen werden hier an der Stelle besser. Man hat zusätzlich in der Studie auch noch das Wohlbefinden abgefragt. Auch das ist interessanterweise gestiegen. Und ich erkläre mir das so, dass diese Fragmentierung des Alltags, über die wir schon sprachen – also diese Dauerunterbrechungen – dafür sorgt, dass die Zeiteinheiten, in denen ich mich mit irgendwas auseinandersetzen kann, mittlerweile natürlich sehr, sehr kurz sind.

Wir haben da eine Zahl – bitte jetzt nur mal so als Zahl nehmen, ohne dass sie repräsentativ ist – aber das war noch zu meiner Ulmer Zeit, bevor ich an die Uni Macau gewechselt bin. Da hatten wir Apps auf den Telefonen der Studierenden installiert, natürlich mit deren Einverständnis, und wollten wissen: Wie häufig unterbrechen sich die Leute eigentlich im Alltag? Also nur mal kurz die Uhrzeit checken. Und wenn man davon ausgeht, dass wir vielleicht acht Stunden schlafen, und wenn wir dann davon ausgehen würden, dass diese Unterbrechungen – nur mal kurz draufgucken – ungefähr gleich verteilt über den Tag wären, was nicht der Fall ist, dann wäre die längste Einheit, in der man sich konzentrieren kann, laut unseren Daten zehn Minuten.

Wechselkosten bei jeder Unterbrechung

Saskia Rößner: Also alle zehn Minuten checke ich das Handy und unterbreche damit irgendwas, was ich gerade sonst mache. Das Arbeiten oder das Kochen, oder ich kümmere mich um meine Kinder, oder ich fahre Auto oder, oder, oder.

Christian Montag: Das sind natürlich Dinge, da entstehen Wechselkosten. Ich versuche gerade, mich hier in irgendwas reinzuarbeiten, dann kommt wieder eine Nachricht rein, dann bin ich wieder auf dem Telefon drauf, fange da was an und komme dann zurück.

Saskia Rößner: Das heißt, mit Wechselkosten meinst du, es braucht einfach dann wieder eine bestimmte Zeit, um wieder in das, was ich eigentlich gemacht habe, reinzukommen.

Christian Montag: Genau. Und die Kosten, die durch dieses Hin- und Her-Switchen zwischen den unterschiedlichen Aufgaben entstehen. Ich glaube, das ist ein Problem. Da hilft es uns schon, wenn wir wieder mehr Zeit haben, in der wir wenig Unterbrechungen haben. Das gesagt, glaube ich, ist das eine nuanciertere Form der Debatte, als irgendwie von „Brain Rot“ zu sprechen.

Neuroplastizität statt „Brain Rot“

Christian Montag: Unser Gehirn ist hoch neuroplastisch, das heißt, alles, was wir erleben – hier wir zwei: Dein Gehirn ist nach diesem Podcast ein anderes als vorher.

Saskia Rößner: Das heißt, unser Gehirn verändert sich dauernd?

Christian Montag: Dauernd, ja. Da gibt es auch interessante Studien, die nahelegen, dass das ständige Tippen auf dem Smartphone den Bereich, wo zum Beispiel Motorik von unserem Gehirn gesteuert wird, dahingehend verändert, dass die Finger stärker repräsentiert sind, weil wir natürlich den ganzen Tag feingliedrig auf dem Telefon tippen. Also so ein bisschen wie Gitarre oder Geige spielen zu lernen, ohne dass ich jetzt die Analogie eins zu eins so stehen lassen will. Aber unser Gehirn lernt natürlich auch neue Fähigkeiten und all das, was wir erleben, legt sich irgendwo im Gehirn ab.

Wir haben heutzutage allerdings mit den gängigen bildgebenden Verfahren noch nicht die Möglichkeit, diese Mikroveränderungen direkt zu messen, sondern wir brauchen dann häufig längere Beobachtungszeiträume, um zu zeigen – wie in berühmten Studien, wenn jemand jonglieren lernt – dass sich Hirnareale nach einer gewissen Zeit eben besonders herausbilden oder mehr Volumen zeigen, die dann für visuell-räumliches Verarbeiten besonders wichtig sind.

Also lange Rede kurzer Sinn: „Brain Rot“ ist sicherlich überzogen, schon von der Erwartungshaltung her. Da verrottet nichts. Weil „verrotten“ hört sich ja so irreversibel an. Unser Gehirn ist neuroplastisch, das kann sich bis ins hohe Alter verändern und auch wieder Volumen aufbauen. Ich glaube, wir müssen aktuell eher stärker auf die psychologischen Funktionen gucken, und da sehen wir sehr wohl, dass diese Dauerbeschallung möglicherweise zu schlechterer Aufmerksamkeit führt.

Hirnforschung, Künstliche Intelligenz und Sucht

Saskia Rößner: Das finde ich hochfaszinierend, unser Gehirn. Dagegen sieht KI alt aus.

Christian Montag: Ja, das Spannende ist natürlich, dass gerade jetzt viele KI-Forschende daran arbeiten, Anleihen an den Neurowissenschaften zu nehmen, an der Hirnforschung, um die KI-Systeme potenter zu machen. Das klappt nur bedingt. Und spannend ist natürlich auch, ob wir durch die aktuelle KI-Forschung anfangen, unser Gehirn besser zu verstehen. Da haben wir nochmal eine andere Richtung, die sicherlich jetzt in den nächsten Jahren von zentraler Bedeutung sein wird, um die Mensch-Maschine-Interaktion besser abzubilden.

Saskia Rößner: Da habe ich auch nochmal einen kleinen Tipp für euch, denn unser Podcast-Projekt hier geht ja über mehrere Jahre und auch über mehrere Staffeln. Wir haben uns bisher damit beschäftigt, wie man Mediensucht erkennt, haben einen fokussierten Blick auf Videospielsucht geworfen und jetzt beschäftigen wir uns eben mit Social Media oder Social-Media-Sucht. Und nächstes Jahr wird es auch noch eine Staffel speziell zu „KI und Sucht“ geben. Also wenn euch das Thema KI interessiert, dann bleibt auf jeden Fall dran. Abonniert den Podcast, damit ihr die Staffel nicht verpasst.

Handystrahlung und Elektrosmog

Saskia Rößner: Christian, jetzt haben wir „Brain Rot“ geklärt. Jetzt hört man ja immer mal wieder auch solche Sachen wie Elektrosmog, Strahlung: Man soll nicht neben einem Handy schlafen, das gerade geladen wird, oder dass beim Telefonieren die Strahlung irgendwas kaputt macht. Was weißt du als Hirnforscher dazu?

Christian Montag: Also ich will fairerweise sagen, das ist gar nicht so mein Steckenpferd, wo ich mich besonders gut mit auskenne, auch nicht, was die Literatur betrifft. Aber was ich dort so ein bisschen am Rande mitbekommen habe, ist, dass wir vor allen Dingen Evidenz, also wissenschaftliche Befunde, aus dem Tierreich haben, wo dann irgendwelche Mäuse mit extrem hohen Strahlungswerten beschallt worden sind und wo man dann teilweise Effekte gefunden hat. Ich glaube, momentan kann man für den Humanbereich mit aller Vorsicht wohl eher Entwarnung geben, d enn ansonsten würde ich eigentlich erwarten… Wie lange haben wir jetzt zum Beispiel Smartphones, auch mit steigenden G-Frequenzen?

Saskia Rößner: 20 Jahre?

Christian Montag: 2007 wurde das iPhone eingeführt. Dann würde ich doch erwarten, wenn dieser ganze Elektrosmog massiv was macht, dass ich das ja längst in vielen, vielen Gehirnen beobachtet hätte. Oder es wird auch gesagt – wenn das zum Beispiel mit Krebsarten im Zusammenhang stehen würde, würde ich ja auch erwarten, dass man das, wenn die Zusammenhänge stark wären, mittlerweile längst hätte abbilden können. Aber wie gesagt, an der Stelle bin ich nicht der Fachmann dafür, aber das sind meine 50 Cent zu dem Thema.

Saskia Rößner: Okay, also wenn wir solche Schlagzeilen hören, vorsichtig sein und vielleicht nochmal genauer recherchieren, was denn gerade so die allgemein anerkannte Position ist, und nicht irgendwelchen Panikmachereien hinterherlaufen.

Christian Montag: Trotzdem ist es natürlich richtig, dass auch diese Netze, mit denen wir telefonieren, über die nächsten Jahre stärker werden. Und das soll jetzt auch keine Panikmache sein, dass man diese Fragen natürlich nicht aus dem Auge verliert. Es geht um die Gesundheit von Milliarden von Menschen, die jetzt alle digital unterwegs sind und diese Geräte nutzen. Aber man muss sagen, bis jetzt, was ich gesehen habe, gibt es, glaube ich, keinen Grund zu übermäßiger Sorge.

Tipp zur Selbsthilfe: Kleine Schritte statt radikaler Entzug

Saskia Rößner: Okay, das ist ja schon mal beruhigend. Wir wollen mit noch was Gutem hier aus der Folge rausgehen: Hast du uns auch heute wieder Tipps zur Selbsthilfe mitgebracht?

Christian Montag: Ja, die Frage ist natürlich schon… Wir haben hier die Folge über „Brain Rot“ gesprochen und wir haben das so ein bisschen ausgemerzt und gesagt, dass es übertrieben ist. Aber wir sehen durchaus, dass uns eine exzessive Form der Nutzung ablenken kann und dass wir manchmal nicht so in einer Zone drin sind, wie wir sein sollten. Und da gibt es durchaus die Diskussion über Digital Detox

Saskia Rößner: Digitaler Entzug.

Christian Montag: Also am besten gar nicht nutzen, komplett runterfahren. Meine Kollegin Julia Brailovskaia aus Bochum hat dort eine Studie gemacht, um so ein bisschen den Sweet Spot zu finden. Sie hat ein Experiment gemacht, was nahelegt, dass es besser ist, die Smartphone-Nutzungszeit um eine Stunde zu reduzieren, als komplett in den Detox zu gehen. Ich glaube, das macht durchaus Sinn, weil wir hier in der Staffel ja schon darüber gesprochen haben, wie die Industrie zum Beispiel auch „Fear of Missing Out“ auslöst.

Saskia Rößner: Also die Angst, etwas zu verpassen.

Warum kann Digital Detox Fear of Missing Out (FoMO) auslösen?

Christian Montag: Ein Stück weit ist das ja auch menschlich und gab‘s auch schon vor dem Internetzeitalter. Wir sind soziale Wesen. Wir wollen natürlich immer wissen, was bei uns los ist.

Saskia Rößner: Ja, Klatsch und Tratsch am Gartenzaun.

Christian Montag: Und heutzutage findet es über Technologie statt. Ich glaube, komplett zu detoxen heißt auch, auf einmal dieses ungute, starke FOMO-Gefühl über einen längeren Zeitraum ertragen zu müssen.

Saskia Rößner: Das heißt, man tut sich zwar was Gutes, aber auf andere Weise auch wieder nicht.

Christian Montag: Das sind aus der Sozialpsychologie so ein bisschen diese In-Group-Out-Group-Phänomene, die ja dann auch Kinder häufig mit ihren Eltern haben, wenn sie sagen: „Alle haben ein Smartphone, nur ich nicht.“ Und bei Erwachsenen haben wir irgendwann alle das Gerät und brauchen Smartphone und Co. teilweise auch im beruflichen Alltag, sodass man sich die Frage stellen muss: Ist Detox in diesem Bereich wirklich ein sinnvolles Ziel? Ich sage mal, na ja, wenn man das mal übers Wochenende macht, um für sich selbst nochmal zu sehen, wie diese Geräte den Alltag dominieren – okay, kann man machen. Aber ich glaube nicht, dass das eine nachhaltige Lösung ist. Das heißt, ich glaube, es ist besser, ein bisschen zu reduzieren, auch in kleineren Schritten, als jetzt direkt zu sagen, ich lasse da generell die Pfoten von.

Langsame Verhaltens-Änderungen sind nachhaltiger

Saskia Rößner: Also es fällt uns leichter, es ist nicht so unangenehm und dann vielleicht ja auch nachhaltiger. Alles, was wir leichter durchhalten können, bleibt ja vielleicht auch länger so. Ich kann mir vorstellen, dass so eine komplette Abstinenz sein Leben lang durchzuhalten, schwierig ist, vor allem, wenn wir in so einer digitalisierten Gesellschaft leben – auch wenn wir noch in Deutschland sind und in Sachen Digitalisierung keine Spitzenleistung bringen. Aber es ist vielleicht einfacher, in kleinen Schritten voranzugehen, als direkt einen großen Sprung zu wagen und bei der Landung dann hinzufallen.

Christian Montag: Ja, ich glaube, hier geht es irgendwo auch um digitale Teilhabe. Wenn ich das alles sein lasse, muss man auch festhalten: Soziale Medien sind nicht nur Teufelszeug. Die Idee dahinter ist ja eine gute. Es geht darum, Leute zu verbinden. Es geht darum, idealerweise soziales Kapital aufbauen zu können, was in solchen Netzwerken auch beruflich helfen kann. Das heißt, die positiven Seiten wollen wir nicht vergessen. Und deswegen ist es, glaube ich, besser, einen Schritt näher zu schauen: Wo ist es ein bisschen zu viel? An der Stelle ist es aber auch wichtig, dass man sich vorher mal die Frage stellt: Wenn ich Zeit gewinne, wie möchte ich diese Zeit denn einsetzen? Denn viele Menschen haben das auch verlernt. Die Industrie hat uns dazu gebracht, in jeder freien Minute – es reicht der Hinweisreiz „Ich bin mit mir alleine“ – das Gerät in der Hand zu haben. Ich muss mir jetzt klar werden: Was mache ich denn jetzt mit der Zeit?

Tipp zur Selbsthilfe: Alternativen zur Social-Media-Nutzung finden

Saskia Rößner: Da knüpft wunderbar der heutige Tipp von „Aktiv gegen Mediensucht“ an. Die haben uns nämlich den Tipp gegeben, sich wirklich mal hinzusetzen und zu überlegen: Was habe ich denn für Alternativen? Was kann ich mit meiner Zeit sonst anfangen, was vielleicht in gleicher Weise oder vielleicht sogar noch besser meine Bedürfnisse, die ich gerade habe, erfüllt?

Und ein paar Beispiele, die sie uns genannt haben, waren zum Beispiel: Freunde treffen, und zwar in Real Life und nicht nur über den Bildschirm, oder sich sportlich zu betätigen – vielleicht auch, um mal so ein bisschen Aggressionen loszuwerden, wenn es einem gerade nicht so gut geht oder wenn man auf irgendwas oder irgendwen sauer ist. Ein ganz, ganz toller Tipp ist auch, raus in die Natur zu gehen. Ich glaube, da kannst du gleich noch was zu sagen, denn ich habe gehört, dass allein die Farbe Grün uns schon besser fühlen lassen soll.

Christian, was kannst du mir dazu sagen?

Christian Montag: Ja, ich kann zumindest sagen: „Shinrin-Yoku“, das ist ja dieser japanische Waldbaden-Trend. Der klingt sehr esoterisch, ist aber gar nicht esoterisch. Das heißt, ich gehe in der Mittagspause oder abends einfach mal gezielt ohne Technologie raus in einen Wald, lasse das Grün des Waldes auf mich wirken und nehme die Natur um mich herum bewusst wahr. Das reduziert tatsächlich dramatisch den Stress. Uns geht es deutlich besser, wenn wir aus dem Wald kommen, und wir können dort natürlich auch mal unseren Gedanken nachhängen und Probleme lösen – auf eine sehr einfache Art und Weise, weil wir uns einfach mal die Zeit nehmen, um über unseren Alltag zu reflektieren.

Saskia Rößner: Okay, also gehen wir nach der Podcastfolge hier noch eine Runde im Wald spazieren.

Christian Montag: Super Idee, let’s go!

Mehr Infos zum Thema Social-Media-Sucht

Saskia Rößner: Und ihr da draußen, bevor ihr jetzt alle in den Wald rennt – wozu wir euch natürlich nur ermutigen wollen – lasst bitte noch ein Like da, bewertet den Podcast, teilt die Folge mit einer Person, die euch ständig davon erzählt, dass euer Gehirn verrotten würde, und abonniert den Podcast, damit ihr die nächste Folge nicht verpasst. Wir fragen uns nächste Woche nämlich, wer besonders gefährdet oder anfällig für negative Folgen von Social-Media-Konsum ist.

Weitere Selbsthilfetipps könnt ihr auf unserer Website finden: www.webcare.plus. Außer Selbsthilfetipps gibt es da auch noch professionelle Hilfsangebote, falls ihr alleine nicht weiterkommt. Und falls ihr Fragen an Christian habt, dann könnt ihr die am 5. November 2026 in unserem Webinar stellen. Die Anmeldung ist ebenfalls über die Website möglich. In dem Sinne: Bis nächste Woche und ciao!


Online-Veranstaltung mit Prof. Dr. Christian Montag

Link zur Online-Veranstaltung am 5. November 2026

Podcast anhören oder ansehen:

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