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Social-Media-Sucht verstehen: Machen soziale Medien uns krank? (S03E05)

07 Oktober 2026

Information: Das hier ist das Transkript zu einer Podcastfolge. Wenn du die Podcastfolge stattdessen lieber anhören oder ansehen möchtest, findest du die Links dazu am Ende des Textes.

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Saskia Rößner: Herzlich willkommen zu „Social-Media-Sucht verstehen“, der dritten Staffel von „Mediensucht verstehen“, einem Podcast der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen, gefördert durch die Techniker Krankenkasse in Hessen. Mein Name ist Saskia Rößner und mit mir im Studio ist Christian Montag. Hallo Christian.

Christian Montag: Hallo Saskia.

Saskia Rößner: Wir haben uns letzte Woche gefragt, ob es Social-Media-Sucht überhaupt gibt. Die Antwort ist, dass es auf dem Weg ist, es ist in der Forschung, aber es ist noch nicht abgeschlossen. Deswegen existiert dieses Krankheitsbild auf dem Papier noch nicht offiziell. Aber wir alle haben manchmal das Gefühl, dass uns die Nutzung manchmal nicht guttut und es ungesund ist. Vielleicht macht uns das abseits von der Suchtthematik auch anderweitig krank. Das wollen wir uns heute ansehen: Was könnten solche negativen Folgen für unsere Gesundheit sein?

Fangen wir doch einfach mal an. Was könnten solche negativen Folgen sein, Christian?

Das Henne-Ei-Problem: Machen Soziale Medien depressiv oder andersrum?

Christian Montag: Man kann das Thema natürlich ganz groß aufziehen, so wie das Jonathan Haidt in seinem Buch „Generation Angst“ gemacht hat. Wir sehen momentan auf dem Globus, dass gerade bei Jugendlichen psychiatrische Erkrankungen auf dem Vormarsch sind. In Haidts Buch wird etwas sensationsheischend die Hypothese aufgestellt: „Wer ist schuld daran? Die sozialen Medien.“ Das klingt relativ monokausal. Wenn man sich das Buch anschaut, muss man leider sagen, dass viel Evidenz, die dagegenspricht oder zeigt, dass es komplexer ist, nicht berücksichtigt worden ist. Wir wollen hier gemeinsam erörtern, welche Probleme wirklich entstehen und was wir aktuell mit größerer Gewissheit sagen können.

Was sicherlich ein Themengebiet ist, was man beackern kann, ist, ob es belegbare Zusammenhänge zwischen Social-Media-Nutzung – besonders einer suchtähnlichen Nutzung – und depressiven Verstimmungen sowie Angsterkrankungen gibt. Da sind Zusammenhänge gezeigt worden. Es gibt auch Zusammenhänge mit Körperunzufriedenheit und Essstörungen. Bei all diesen Studien muss man sagen, dass es diese Korrelationen zwar gibt, häufig allerdings nicht klar ist, was die Wirkrichtung ist. Was ist Henne und was ist Ei? Ist es so, dass eine exzessive Social Media Nutzung zu einer Depression führt oder ist es gar andersrum? In einer neuen Übersichtsarbeit, die wir publiziert haben, in der man guckt, wo wir jetzt eigentlich stehen, haben wir festgestellt, dass wir durchaus sehr vorsichtig sein müssen, dies einfach so monokausal darzustellen. Also, dass soziale Medien oder eine bestimmte Form der Nutzung der einzige Grund für eine Depression oder Angsterkrankung sind. So einfach ist es mit Sicherheit nicht.

Langzeitstudien statt Momentaufnahmen

Saskia Rößner: Wie könnte man sowas denn messen oder untersuchen? Also diese Ursache-Wirkungsrichtung und nicht nur so einen losen Zusammenhang, dass jetzt zufällig beides gleichzeitig da ist.

Christian Montag: Ja, das ist super, dass du das nochmal fragst.

Die meisten Studien im Feld sind querschnittlich. Das heißt, wenn du mitmachen würdest, dann wirst du zu einem Zeitpunkt – zum Beispiel heute – sagen, „meine Social Media Nutzung ist aktuell wie folgt in Form von Stunden oder Kontrollverlust oder wie auch immer“. Und dann „Wie geht es mir denn sonst so gerade?“ Dann weiß ich natürlich nicht, dass wenn jetzt rauskommt, dass du es gerade viel nutzt und es dir gerade schlecht geht, in welche Richtung dieser Zusammenhang beeinflusst wird.

Was wir eigentlich brauchen, ist ein Längsschnitt. Das heißt, wir laden dich zu dieser Studie nicht einmal ein, sondern zweimal oder vielleicht sogar drei- oder viermal. Und das idealerweise jetzt nicht über eine Woche, sondern über einen längeren Zeitraum. Oder wir arbeiten experimentell, um sowas zu untersuchen. Aber diese reinen querschnittlichen Studien sind nicht so richtig hilfreich, um diese Wirkung zwischen den Variablen herauszuarbeiten.

Saskia Rößner: Das heißt, so eine Längsschnittstudie kann abbilden, wie ich mich im Verlauf von mehreren Monaten oder vielleicht sogar mehreren Jahren entwickele oder wie sich meine psychische Gesundheit, mein Verhalten entwickelt. Und deswegen kann man in Längsschnittstudien auch besser beurteilen, ob erst das eine – zum Beispiel die hohe Social Media Nutzung – oder erst das andere – zum Beispiel die depressive Verstimmung – da war.

Nur zufällige oder lose Zusammenhänge?

Christian Montag: Ja. Man würde natürlich zu jedem dieser Zeitpunkte immer beide Variablen erfassen wollen. Also jedes Mal fragt man nach der Social Media Nutzung und jedes Mal zum Beispiel nach deiner aktuellen Befindlichkeit. Dann könnte es sein, dass zum Zeitpunkt eins die Social Media Nutzung total hoch ist und sie zum Zeitpunkt zwei immer hochgegangen ist, zeitgleich aber auch die depressiven Verstimmungen. Dass man irgendwie versucht, Muster zu entdecken, die Einblicke in eine Kausalität geben. Aber natürlich sind auch Längsschnittstudien nicht perfekt. Wir brauchen auch noch experimentelle Ansätze. Aber zumindest der reine Querschnitt – also alles zu einem Zeitpunkt zu erfassen – ist sicherlich ein Problem.

Saskia Rößner: Also in Querschnittstudien mit nur einem Messzeitpunkt können es auch einfach zufällige Zusammenhänge sein.

Christian Montag: Genau. Was total spannend ist: Es gibt nicht viele, aber es gibt ein paar längsschnittliche Studien, in denen man zum Beispiel in puncto Zusammenhang zwischen depressiven Verstimmungen und exzessiver Social Media Nutzung beobachtet hat, dass es scheinbar so ist, das eher die depressiven Verstimmungen zu einer exzessiven Nutzung führen als andersrum.

Dann sagen viele warum denn? Wenn es mir gerade schlecht geht, dann nutzen viel sozialen Medien als Ventil, so als Eskapismus. „Ich will den Alltag vergessen. Mir geht es gerade nicht gut.“ Dann lenkt man sich dort ab und dann lenkt man sich immer häufiger dort ab und dann entsteht dadurch zum Beispiel ein suchtähnliches Verhalten. Das heißt, es ist nicht immer so, wie man denken würde. „Ja klar, die sozialen Medien machen depressiv.“ Sondern wir sehen gerade im Kontext der Depressionsforschung, dass es scheinbar aufgrund von ersten Ergebnissen eher so ist, dass depressive Verstimmungen die suchtähnliche Nutzung begünstigen.

Wie misst man Bildschirmzeit, Mediensucht oder Gesunheit?

Saskia Rößner: Okay, und dieses Problem mit den fehlenden Längsschnittstudien ist das das einzige was wir haben? Oder gibt es noch weitere Probleme in der Forschung?

Christian Montag: Ja, auch wenn das so ein bisschen trocken für die Zuschauenden ist, aber es gibt tatsächlich noch ein paar andere Themen, die ich zumindest kurz erläutern möchte. Wir haben ein riesiges Messproblem, muss man sagen. Wenn ich dich jetzt fragen würde, „Du, Saskia, letzte Woche Mittwoch, wie lange hast du da die sozialen Medien genutzt?“, was würdest du da sagen?

Saskia Rößner: Weiß ich nicht mehr.

Christian Montag: So geht‘s den meisten. Da gibt es irgendeine Hausnummer. Dann habe ich nach den sozialen Medien gefragt, und vielleicht wäre es ja wichtiger zu fragen, wie viel warst du auf Tiktok, wie viel auf Instagram und auf LinkedIn, auf Researchgate. Das macht ja auch noch mal einen Unterschied. Und dann macht es auch einen Unterschied, ob ich nach Stunden frage oder ob ich nach Symptomen frage, die vielleicht eine suchtähnliche Nutzung darstellen wie Kontrollverlust oder „ich mache weiter mit meinem Verhalten, obwohl es schlecht an dem Tag war“, und und und. Das ist noch mal eine ganz andere Art der Fragestellung.

Wir sind dazu hingegangen, zu sagen „der Selbstbericht ist das eine“, aber idealerweise wollen wir in unserer Forschung das Ganze durch sogenannte Mobile Sensing Daten ergänzen. Das sind echt getrackte Daten auf dem Telefon. Also dass die Leute uns zum Beispiel eine Datenspende machen in Form eines Screenshots mit der Bildschirmzeit drauf. Oder dass wir direkt eine App entwickeln, die das Verhalten auf dem Telefon abbildet, sodass wir von diesem Subjektiven rausgehen und wirklich gucken können, wie war die tatsächliche Nutzung.

Saskia Rößner: Und schummeln kann man dann auch nicht mehr.

Social Media ist kein Einheitsbrei

Christian Montag: Dann kann man nicht schummeln, und wir sehen tatsächlich, wenn man diese aufgezeichneten Daten mit den Selbstberichten vergleicht, dass die logischerweise auseinander gehen. Die Messgenauigkeit ist in dem Bereich natürlich wichtig. Das heißt, wir müssen genauer hingucken und uns auch viel mehr die Frage stellen: Was ist das eigentlich für eine Form der Nutzung? Welche Plattform ist das?

Und es geht eigentlich noch darüber hinaus, nämlich, dass man die Frage stellt, ob es zum Beispiel eine aktive Form der Social Media Nutzung ist. Also, dass ich mich mit jemandem austauschen möchte und vielleicht meinem Grundbedürfnis nach sozialer Interaktion nachgehe, oder ob es so ein passives berieseln lassen ist. Ich komme irgendwie in so einen sozialen Aufwärtsvergleich rein, dass ich immer denke, „Die anderen haben ein tolles Leben. Die Wiese ist woanders immer grüner. Denen geht es allen besser. Mein armes Leben hier.“ Das kann natürlich zur Folge haben, dass es mir dann schlechter geht, weil ich mich dadurch immer kleiner mache und denke, den anderen geht es eigentlich viel besser.

Saskia Rößner: Das klingt ein bisschen so, als wenn da noch ganz viele blinde Flecken in der Forschung wären. Gibt es denn überhaupt irgendwas, wo wir sagen können „Ja, da haben wir auf jeden Fall ein Ergebnis, das können wir sicher sagen“.

Kausaler Zusammenhang mit Körperunzufriedenheit und Essstörungen wahrscheinlich

Christian Montag: Was ich sagen will, von diesen ganzen Störungsbildern oder psychiatrischen Erkrankungen, die ich eben genannt habe, wie zum Beispiel Depressionen, Angsterkrankungen, Essstörungen, ist der Bereich zum Thema Zusammenhang mit Körperunzufriedenheit und Essstörungen schon ganz gut dokumentiert. Man kann schon mit einiger Vorsicht sagen, dass gerade die jungen weiblichen Nutzenden der Plattformen dadurch beeinträchtigt werden können – also mit ihrem Körper unzufriedener zu werden, wenn man die ganze Zeit mit geschöntem Bildmaterial konfrontiert wird. Das kann im Extremfall vielleicht auch eine Essstörung begünstigen.

Aber: Psychische Erkrankungen sind komplex und haben meist mehrere Ursachen

Christian Montag: Wobei mir eins ganz wichtig ist zu sagen und da reden wir jetzt nicht über Forschung, die fünf Jahre alt ist, sondern Forschung, die sich über viele, viele Jahrzehnte in der Psychiatrie und Psychologie heraus kristallisiert hat: Wenn wir grundsätzlich über mentale Gesundheit sprechen, wenn wir über psychiatrische Erkrankungen sprechen, dann wissen wir, dass das Störungsbilder sind, die sind komplex. Das heißt, dass es da nicht nur den einen Faktor gibt, der das beeinflusst.

Aus der Zwillingsforschung wissen wir, dass Genetik und Umwelt beides Variablen sind, das heißt genetische Komponenten. Da sagen viele, „Aber wie kann denn jetzt Social Media Nutzung oder eine exzessive Nutzung was Genetisches haben?“ Das muss man so verstehen, dass das wahrscheinlich genetische Cluster sind, die was mit Selbstregulation zu tun haben. Das heißt, das sind Vulnerabilitätsfaktoren – also Faktoren, die jemanden anfälliger machen, die dann zum Beispiel was damit zu tun haben, dass ich eine Person bin, die eher ein bisschen weniger gewissenhaft ist oder ein Problem hat, eher mal von Dingen die Finger zu lassen.

Saskia Rößner: Man sagt ja auch, „der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“. Das heißt, ich bin vielleicht meinen Eltern – auch wenn ich das vielleicht nicht unbedingt will – ähnlicher, als mir das lieb ist. Ich übernehme dann vielleicht auch, obwohl ich das gar nicht so merke, unbewusst Verhaltensweisen bzw. werde damit schon auf die Welt gebracht, ähnliche Veranlagungen zu haben.

Eltern spielen eine wichtige Vorbildrolle

Christian Montag: Beides. Genau, was du gesagt hast. Das eine ist die Verhaltensgenetik, dass man natürlich von Mama und Papa eben auch Genetik mit vererbt bekommt, die sich dann in diesen Verhaltensmustern widerspiegeln kann. Dann spielt auch noch soziales Lernen eine große Rolle. Gerade wenn wir heutzutage auch über Technologienutzung sprechen. Auch bei sozialen Medien, wenn wir über Jugendliche sprechen – die machen häufig das Verhalten der Eltern nach.

Das sind alles Faktoren. Welche Rollenmodelle habe ich? Was machen meine Peers, meine Freunde? Bei psychiatrischen Erkrankungen spielt immer das eigene Stresserleben und die Persönlichkeitsstruktur eine Rolle. Ich erwähne das alles, weil man diese ganzen Faktoren wie in einem großen Konzert sehen muss, die dann mit der Technologienutzung – hier die sozialen Medien – interagieren.

Nicht alle haben das gleiche Risiko

Ich mache mal eine vereinfachte Rechnung auf: Wenn eine Person dazu neigt, eher wenig gewissenhaft zu sein, wenn die Person eher stressanfällig ist, wenn die Person dann auch tatsächlich eine Menge Stress erlebt und keine guten Vorbilder im Alltag hat, dann wird sie vielleicht vulnerabler für das Design der Plattform und anfangen zu versuchen, ihren Alltag zu vergessen, indem sie auf die Plattform drauf geht. Dann ist sie besonders anfällig, irgendwann natürlich auch die negativen Schattenseiten der sozialen Medien zu erfahren, weil sie eben sehr, sehr viel Zeit darauf verbringt etc. Dann kommen wir einem Verständnis näher und müssen die Motivlage genau berücksichtigen.

Schauen sich die Leute da Katzenvideos an, um sich unterhalten zu lassen oder ist das ein Grundbedürfnis, um sich sozial auszutauschen? Ist das eine aktive oder passive Form der Nutzung? Um es jetzt mal runter zu kochen, heißt das, diese einfache Annahme, dass man die sozialen Medien viel nutzt und dann depressiv wird, ist falsch. Es sind viele Faktoren, die wir berücksichtigen müssen. Und viele Zusammenhänge, die wir sehen, sind dann tatsächlich korrelativer Natur. Das heißt, wir können momentan gar nicht abschätzen, in welche Richtung die Kausalität geht.

Auch die Plattformen tragen Verantwortung

Saskia Rößner: Das heißt, so Leute, die in Talkshows sitzen und plakativ raushauen, „Social Media macht süchtig“ oder „Medien machen depressiv“ oder dies das, das ist eigentlich ein Tunnelblick. Die gucken nicht nach links und rechts, was mit den Leuten sonst noch so los ist, sondern das ist eigentlich ein Schlechtmachen von dieser einen Sache, obwohl wir gar nicht genau nachweisen können, dass dieses Medium allein für irgendwas verantwortlich ist.

Christian Montag: Ja, wobei ich glaube, dass wir hier ein bisschen aufpassen müssen. Weil da natürlich auch schnell das Narrativ entstehen kann, dass die sozialen Medien alle harmlos sind und die Industrie überhaupt nicht verantwortlich ist. Das ist natürlich Unfug.

Wir müssen erst mal festhalten – auch wenn wir den Suchtbegriff aktuell nur mit Vorsicht nutzen wollen – dass die Industrie zweifelsohne Produkte gebaut hat, die darauf abzielen, die Onlinezeiten zu verlängern. Das heißt, sie nimmt in Kauf, dass diese Zeiten für andere zum Beispiel wichtigere Entwicklungsaufgaben, die junge Menschen vielleicht zu erledigen haben, weg sind. Und das finde ich, ist per se schon mal etwas, wo man sehr wohl auf die Industrie zeigen sollte und sagen sollte, „Nein, wir brauchen andere Plattformen“.

Wenn wir über diese komplexen Störungsbilder sprechen, müssen wir trotzdem immer berücksichtigen, dass die ganze Sachlage auf viele Faktoren zurückzuführen ist. Damit soll die Industrie nicht entschuldigt werden, aber wir wollen der Komplexität eben tatsächlich auch Sorge tragen.

Wie viel Bildschirmzeit ist gesund?

Christian Montag: Eines ist auch noch wichtig, weil häufig die Frage kommt, wie viele Stunden Nutzung denn okay sind. Auch das lässt sich eigentlich nicht richtig beantworten. Wir wissen aus Meta-Analysen – Studien, die die Evidenz von vielen Studien statisch zusammenfassen – wo man zum Beispiel nur wissen wollte, ob es einen Zusammenhang zwischen der Nutzungsdauer der sozialen Medien und der berichteten Lebenszufriedenheit gibt, dass die Zusammenhänge fast im Nullbereich sind.

Warum ist das so? Meines Erachtens gibt da eine interessante Arbeit aus Holland Aufschluss. Da wurde mit einem bestimmten Verfahren immer direkt nach der Social Media Nutzung gefragt. Also wenn die Leute gerade am Telefon waren und von der Plattform runtergegangen sind, wurden sie gefragt, wie es ihnen denn direkt danach so geht. Sehr vereinfacht gesagt, hat man in der Studie gesehen, dass es eben einigen Leuten nach der Nutzung besser geht und anderen schlechter, bei vielen macht es gar nichts.

Wenn man so unterschiedliche Antworten darauf hat, was die sozialen Medien mit einem machen und die alle zusammen untersucht, dann rechnen sich diese Effekte natürlich gegenseitig raus. Man hat gar keinen Zusammenhang mehr. Das heißt, wir haben hier stark differenzielle Effekte – sehr, sehr unterschiedliche Antworten auf die sozialen Medien, und das hängt eben mit diesen ganzen Faktoren zusammen, die ich eben genannt habe.

Saskia Rößner: Sehr individuell. Wir schauen uns das in einer späteren Folge auch noch mal genauer an.

Tipp zur Selbsthilfe: Mehr Text, weniger Bilder und Videos

Saskia Rößner: Jetzt hast du eben gesagt, das einzige Feld, wo wir eigentlich so wirklich eine Richtung erkennen können, ist Körperzufriedenheit und Essstörung. Hast du für den Bereich vielleicht einen Tipp zur Selbsthilfe für uns? Wenn ich merke, ich bin eine Person, die damit viel Zeit verbringt, vielleicht auch Fitness-Influencer:innen mit „What I eat in a day“ – also was habe ich heute gegessen – oder sowas, folge. Was kann ich machen, wenn ich merke, das tut mir nicht gut? Das macht irgendwas mit mir und mit der Wahrnehmung meines Körpers. Was kann ich da machen?

Christian Montag: Auch bei Essstörungen muss man sagen, dass es viele Faktoren gibt, die eine Rolle spielen. Aber wir gehen schon auch davon aus, dass die Körperunzufriedenheit befeuert werden kann und ich sage auch noch mal, warum. Das ist direkt auch eine Intervention. Das war noch zu meiner Ulmer Zeit. Dort haben wir eine Studie gemacht, wo wir die Studienteilnehmer:innen gebeten haben, die bildgebenden Plattformen – also sowas wie Instagram, auch Videoplattformen wie TikTok vom Telefon zu verbannen. Nach zwei Wochen haben wir bereits gesehen – gerade bei den weiblichen Teilnehmerinnen der Studie – dass die Körperunzufriedenheit gesunken ist. Bereits nach zwei Wochen, ohne dass man die Apps auf dem Telefon hat.

Saskia Rößner: Unzufriedenheit gesunken heißt, ich war dann zufriedener mit meinem eigenen Körper.

Weniger Fitness-, mehr Katzenvideos?

Christian Montag: Genau das haben wir gesehen. Das impliziert natürlich, dass hier diese ständige Bombardierung mit bestimmtem Bildmaterial in den Köpfen weiterarbeitet. Von daher wäre eine Logik dahinter, darüber nachzudenken, ob ich die Exposition – also dass ich diesen Bildern ausgesetzt werde – ob das nicht in einer gewissen Form reduziert werden kann. Dann kann man sicherlich auch wieder darüber nachdenken: Muss ich all diesen Kanälen, den ich dort folge, tatsächlich folgen? Wenn ich das tue, kriege ich mehr von dem Bildmaterial. Das heißt, ich könnte auf der Plattform was ändern, damit sich meine Personalisierung dadurch auch ändert.

Das andere ist die Ebene darüber. Man sagt, ich gehe ein bisschen radikaler damit um und will einfach die ständige Verfügbarkeit weghaben. Ich habe die App gar nicht mehr auf dem Telefon und nutze die Plattform dann vielleicht von der Dosis ein bisschen gesünder, indem ich sie einfach vom Laptop checke.

Saskia Rößner: Okay, also weniger Fitness- mehr Katzenvideos. Danke für den Tipp.

Mehr Infos zum Thema Social-Media-Sucht

Wenn ihr da draußen mehr Tipps zur Selbsthilfe haben wollt, dann schaut doch mal auf unserer Website www.webcare.plus vorbei. Dort gibt es zufällig auch zwei Blogartikel zum Thema Essstörungen und Social Media und außerdem auch allerlei Angebote zur professionellen Unterstützung, falls ihr alleine mit den Selbsthilfetipps nicht weiterkommt.

Wenn ihr Fragen an Christian habt, dann kommt in unser Webinar am 05.11.2026 um 15:00 Uhr. Dort wird er euch Rede und Antwort stehen. Wenn ihr heute in der Folge irgendwas gehört habt, wo ihr denkt, das sollte sich jemand in eurem Umkreis unbedingt mal anhören oder ansehen, dann teilt die Folge gerne mit der Person. Lasst eine gute Bewertung da und abonniert unseren Podcast, damit ihr die nächste Folge nicht verpasst.

Denn nächste Woche beschäftigen wir uns mit dem Phänomen des Brain Rot. Verrottet unser Gehirn wirklich, weil wir zu viel Zeit auf Social Media verbringen? Ich bin jetzt schon gespannt, was du uns erzählen wirst, Christian. Ich freu mich drauf.

Bis nächste Woche. Ciao!


Online-Veranstaltung mit Prof. Dr. Christian Montag

Link zur Online-Veranstaltung am 5. November 2026

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