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Social-Media-Sucht verstehen: Wer ist besonders gefährdet? (S03E07)

21 Oktober 2026

Lesezeit 9 Minuten

Information: Das hier ist das Transkript zu einer Podcastfolge. Wenn du die Podcastfolge stattdessen lieber anhören oder ansehen möchtest, findest du die Links dazu am Ende des Textes.

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Saskia Rößner: Herzlich willkommen zu „Social-Media-Sucht verstehen“, der dritten Staffel von „Mediensucht verstehen“, dem Podcast der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen, gefördert durch die Techniker Krankenkasse in Hessen. Mein Name ist Saskia Rößner und mit mir hier im Studio ist Christian Montag. Hallo Christian!

Christian Montag: Grüß dich Saskia!

Saskia Rößner: Wir haben uns die letzten Folgen ganz viel darüber unterhalten, ob Social Media süchtig machen kann, ob es auf andere Weise krank machen kann oder ob es unser Gehirn verrotten lässt. Heute wollen wir uns damit beschäftigen, welche Personen denn besonders gefährdet, besonders anfällig sind für negative Auswirkungen von Social-Media-Nutzung. Wir haben ja schon darüber geredet, dass das sehr individuell ist. Wieso ist das so?

Wer? Wie? Warum?

Christian Montag: Um unsere Episode heute ein bisschen zu strukturieren, würde ich mal drei Fragen in den Raum stellen: Wer? Wie? Warum? Die können uns ein bisschen leiten, um genauer zu verstehen, wer denn besonders anfällig dafür ist, ein problematisches Verhalten zu entwickeln.

Ich würde mal mit der Wer-Frage beginnen, die eigentlich aus dem Bereich der Persönlichkeitspsychologie kommt. Ich bin ja ein Kölsche und hier in Köln sagt man, „Jeder Jeck ist anders“. Das zielt natürlich darauf ab, dass Menschen sich unterscheiden. Das kennen wir alle. Im Freundeskreis beschreiben wir uns oder unsere Freunde direkt mit bestimmten Attributen. Und die Persönlichkeitspsychologie hat so vor knapp hundert Jahren angefangen, einen lexikalischen Ansatz zu wählen, um globale Persönlichkeitseigenschaften herauszuarbeiten.

Saskia Rößner: Was heißt das?

Christian Montag: Das heißt – ich mache jetzt mal ein Beispiel: Wenn ich dich beschreibe, dann sage ich, die Saskia, die ist ja lebendig, die ist gesellig usw. Das Interessante ist, wenn man eine andere Person beschreibt, die gesellig ist, dann ist die häufig auch lebendig. Das heißt mit anderen Worten „clustern“. Also bestimmte Eigenschaftsbegriffe sind „überzufällig“ häufig beieinander, was die moderne Psychologie dazu veranlasst hat, diese Beschreibung statistisch zu untersuchen. Das kann man mit statistischen Verfahren machen. Da hat man gesehen, dass bestimmte Eigenschaften sehr häufig miteinander auftauchen. Dann gehen wir davon aus, dass dahinter ein unsichtbarer Faktor ist – ein latenter Faktor, wie wir sagen. Das wäre dann eine Persönlichkeitseigenschaft, in dem Fall, wie Extraversion. Also eine Person, die aus sich heraus geht, die lebendig, gesellig ist.

Persönlichkeit und die „Big Five“

Christian Montag: Die moderne Persönlichkeitspsychologie hat durch diese Art der Sprachanalysen fünf globale Persönlichkeitseigenschaften herausgearbeitet, die auch als das sogenannte „OCEAN-Modell“  – „Ozean Modell“ – bekannt geworden sind.

Saskia Rößner: Welche fünf sind das?

Christian Montag: Das ist einmal „Openness“, also Offenheit für Erfahrungen. Dann wäre im Englischen Ocean mit C, also „Conscientiousness“ – übersetzt Gewissenhaftigkeit. Dann haben wir das E für „Extraversion“. Das A für „Agreeableness“, das wäre Verträglichkeit und N wie Neurotizismus. Das sind die großen Fünf.

  1. Offenheit
  2. Gewissenhaftigkeit
  3. Extraversion
  4. Verträglichkeit
  5. Neurotizismus

Und jetzt muss man sich vorstellen, dass jede dieser großen Fünf der Persönlichkeit eine Dimension darstellt. Das heißt, der Gegenspieler von Extraversion wäre Introversion der Gegenspieler von Gewissenhaftigkeit wäre jemand, der sehr schludrig oder chaotisch ist. Der Gegenspieler von jemandem, der besonders verträglich ist, wäre eine Person, die wenig empathisch wäre, wenig kooperativ. Und jetzt ist die große Frage, jeder Mensch kann so einen Fragebogen ausfüllen, kann irgendeinen Wert auf diesen fünf Persönlichkeitseigenschaften haben, aber die spannendste Frage ist—

Saskia Rößner: Was hat das mit Social Media zu tun?

Christian Montag: Genau! Wie hängt das mit einer – wir sprechen in unseren Sitzungen über Social-Media-Sucht – mit einer Sucht zusammen? Das heißt, welche dieser großen Fünf hängt mit einer suchtähnlichen Nutzung zusammen? Und das sind im Wesentlichen zwei, wie sich aus ganz, ganz viel Forschung herausgestellt hat. Das haben so viele Forschende mittlerweile beobachtet, dass das sicherlich als abgesichertes Wissen gelten kann.

Saskia Rößner: Welche zwei sind das?

Neurotizismus und geringe Gewissenhaftigkeit begünstigen problematische Social-Media-Nutzung

Christian Montag: Das ist einmal Neurotizismus, das heißt eine besonders hohe Ausprägung des Neurotizismus.

Saskia Rößner: Was heißt Neurotizismus?

Christian Montag: Das sind Leute, die eher gestresst, eher ängstlich sind, eher zu depressiven Verstimmungen neigen. Die haben häufig Schuldgefühle. Also es hat mit negativen Emotionen zu tun. Das sind Personen, die tatsächlich auch besonders häufig über eine suchtähnliche Form der Social-Media-Nutzung berichten.

Gleiches gilt für Personen, die eine geringe Gewissenhaftigkeit haben. Geringe Gewissenhaftigkeit wäre, wenig pünktlich zu sein. Das sind die Personen, auf die man sich nicht so richtig gut verlassen kann, bei denen man denkt, dass sie immer ein bisschen chaotisch unterwegs sind.

Christian Montag: Ich glaube, diese Befunde lassen sich ganz gut verstehen. Wir haben hier zwar auch das Problem, dass wir häufig nur diese Daten zu einem Zeitpunkt erfassen, das heißt, dass die Persönlichkeit zu einem Zeitpunkt erfasst wird und die suchtähnliche Social-Media-Nutzung. Wir wissen aber, dass Persönlichkeit relativ stabil ist. Das heißt, wenn du heute so einen Big Five Fragebogen mit dem OCEAN-Modell ausfüllst und in fünf Jahren, sind die Werte ziemlich ähnlich. Das heißt, wir verändern uns eher subtil und es dauert relativ lange. Natürlich in Abwesenheit von einem Unfall des Gehirns. Von daher gehen wir tatsächlich von der Wirkrichtung aus, dass die Persönlichkeit die Nutzung beeinflusst.

Das ließe sich dann so erklären, dass wahrscheinlich neurotische Personen eher die sozialen Medien suchen, um ihren negativen Affekt abzuschütteln, um zu sagen, „Mir geht es gerade so schlecht. Ich bin so gestresst. Aber wenn ich darauf gehe, kann ich das mal kurz ausblenden und mich ablenken“. Und bei der geringen Gewissenhaftigkeit ist es wohl zu erklären, dass das Leute sind, die eher Selbstregulationsprobleme haben. Also die dann das Problem haben, dass sie am Tisch sitzen und das Telefon daliegt und sie wissen, sie sollten jetzt eigentlich was für einen Job machen…

Saskia Rößner: Ich kann meine Impulse nicht so gut kontrollieren und ich schiebe gerne Sachen auf. Da haben wir in der letzten Staffel auch schon drüber gesprochen.

Christian Montag: Genau. Prokrastination.

Saskia Rößner: Wenn euch das interessiert, schaut gerne noch mal in die letzte Staffel (Folge S02E02) rein.

Junge Menschen sind anfälliger, weil ihr Gehirn noch nicht voll ausgebildet ist

Christian Montag: Jetzt muss man nur eins auch sagen, was es natürlich immer auch irgendwie komplexer zu verstehen macht. So etwas wie eine „Sucht Persönlichkeit“ gibt es nicht. Das ist nicht so zu verstehen, dass jeder, der eine geringe Gewissenhaftigkeit hat, ein suchtähnliches Phänomen entwickelt. Das sind Wahrscheinlichkeiten.

Das heißt, wir müssen mehrere Faktoren betrachten, die zusammenkommen. Wir wissen, dass die Soziodemografie eine gewisse Rolle spielt. Das heißt, wir wissen, dass vor allen Dingen jüngeres Alter mit einer exzessiven Nutzung der sozialen Medien assoziiert ist. Die Logik dahinter sind häufig neurobiologische Erklärungen. Wir wissen nämlich, dass es relativ lange dauert, bis der präfrontale Kortex ausreicht, um genau die Impulse zu kontrollieren. Also die Struktur im Gehirn, die uns dabei hilft, uns auf die Finger zu klopfen und zu sagen „Nee, nee, ich lasse das jetzt mal und kümmere mich um wichtigere Dinge“.

Saskia Rößner: Wie lange dauert das, bis das voll ausgereift ist?

Christian Montag: Da gibt es unterschiedliche Angaben der Literatur. Aber wir gehen schon davon aus, dass es relativ lange dauert, bis Anfang der 20er Jahre. Da sieht man schon, dass es relativ lange dauert, bis wir wirklich Selbstregulationsfähigkeiten auf einem ordentlichen Niveau zeigen können.

Saskia Rößner: Und vor allem ist es dann auch nicht nur ein Problem von Kindern und Jugendlichen, sondern auch von jungen Erwachsenen.

Christian Montag: Absolut, junge Erwachsene müssen wir hier mitbedenken.

Kaum bzw. kein Unterschied zwischen den Geschlechtern

Christian Montag: Was auch immer gefragt wird, wer ist denn anfälliger? Sind das die Mädchen oder die Jungs? Das ist natürlich auch eine interessante Frage. Da gibt es durchaus Studien, die nahelegen, dass gerade Gaming eher so ein Jungs-Thema ist und Social Media mehr ein Mädchen-Thema. Da gibt es aber auch wieder neuere Studien, zum Beispiel aus Deutschland, die kaum Unterschiede finden. Wir haben zum Beispiel zu Fear of Missing Out (FoMO, Angst etwas zu verpassen) eine große Studie mit fast 3.000 Leuten gemacht. Wir wissen, dass Fear of Missing Out durchaus ein Prozess ist, der mit Social-Media-Abhängigkeit einhergeht und vor allen Dingen eben auch stark mit hohem Neurotizismus und geringerer Gewissenhaftigkeit in Zusammenhang steht.

Saskia Rößner: Also Fear of Missing Out, die Angst, etwas zu verpassen. Und du sagtest eben auch schon, dass zu Neurotizismus auch eine gewisse Ängstlichkeit gehört.

Christian Montag: Genau. Deswegen ist es gar nicht verwunderlich, dass wir in Studien gesehen haben, dass Personen, die zum Neurotizismus neigen, auch über eine exzessive Social-Media-Nutzung berichten. Durch die Fear of Missing Out wird dann der Zusammenhang erklärt. Weil Personen, die eher ängstlich sind, dieses Fear of Missing Out zum Beispiel an der Stelle stärker empfinden.

Saskia Rößner: Ja, klingt logisch.

Christian Montag: So, ich wollte nur sagen, dass ist interessant, dass wir bei FoMO keine Geschlechtseffekte gefunden haben. Bei der Social-Media-Abhängigkeit bzw. der problematischen Social-Media-Nutzung gibt es Studien, die das nahelegen, andere nicht. Das ist nach wie vor so. Es kommt auch, glaube ich, auf die Plattformen und die Inhalte an, wenn man ehrlich ist. Auch das muss man berücksichtigen.

Doomscrollen, Chatten oder Content produzieren – wieso das einen Unterschied macht

Christian Montag: So, jetzt haben wir über die Wer-Frage gesprochen. Aber wir wollten ja noch über zwei weitere Fragen sprechen.

Saskia Rößner: Genau. „Wie“ und „warum“.

Christian Montag: Genau. Die Wie-Frage zielt auf die Art und Weise der Nutzung ab. Also bin ich jetzt eher die Person, die sich online einfach nur berieseln lässt oder bin ich die Person, die aktiv in den Austausch geht? Ich weiß, dass jetzt viele zu Hause sitzen und sagen, kann man das so genau trennen? Weil das ist ja auch phasenweise. Manchmal lasse ich mich berieseln, manchmal gehe ich in den aktiven Austausch.

Saskia Rößner: Also entweder ich sitze da und scrolle die ganze Zeit nur durch und mache sonst nichts. Vielleicht für Stunden. Vielleicht rutsche ich auch ab ins Doomscrolling, dass ich dann irgendwann nur noch negative Inhalte angezeigt bekomme. Oder ich nutze das wirklich aktiv, schreibe mit meinen Liebsten oder tobe mich kreativ aus. Mache Musikvideos, Tanzvideos, was auch immer. Und das macht tatsächlich einen Unterschied?

Christian Montag: Das macht einen Unterschied. Wir sehen bzw. wir gehen davon aus – auch wenn das ein bisschen vereinfacht dargestellt ist, weil es auch Mischformen zwischen diesen Nutzungen gibt – dass die passive Form der Nutzung die schlechtere Form der Nutzung ist, weil die in sozialen Aufwärtsvergleichen münden kann. Das heißt, ich bin da nur passiv unterwegs und stolpere über so viele Konten, die alle ein fantastisches Leben haben, wodurch ich dann sofort in diesem Vergleichsmodus denke: „Ja, aber wie ist das denn bei mir?“ Das ist eine der Erklärungen.

Saskia Rößner: Aber das ist ja auch total fies, weil wenn ich negative Sachen angezeigt bekomme, mache ich Doomscrolling, was nicht gut für mich ist. Und wenn ich ganz viele positive Sachen angezeigt bekomme, dann tut mir das auch nicht gut.

Christian Montag: Ja und wir sind natürlich irgendwie Vergleichsmaschinen. Wir wollen uns immer auch verorten. Das liegt in uns drin. In einer früheren Folge sprachen wir schon drüber. Wir sind soziale Wesen. Wir haben das Grundbedürfnis nach sozialem Austausch, nach sozialen Interaktionen. Und evolutionär gesehen waren wir in der Gruppe immer stärker als alleine. Das heißt, natürlich wollen wir uns verorten und gucken, wo wir gerade stehen in der Gruppe. Insofern wird das Ganze ein Stück weit auch durch die sozialen Medien mit befeuert und kann dann in einer schlechteren Form der Nutzung landen.

Motiv erkennen: Soziale Verbundenheit, Spaß oder Werkzeug?

Christian Montag: Damit im Zusammenhang steht eigentlich noch eine andere Form der Nutzung. Da sind wir jetzt bei der Warum-Frage, nämlich die Motivlage. Also warum nutze ich die sozialen Medien? Da gehen wir jetzt in eine uralte medienpsychologische Theorie rein, die von Herta Herzog in den – ich glaube so ungefähr – 40er/50er Jahren begründet worden ist.

Saskia Rößner: Da gab’s noch kein Social Media.

Christian Montag: Da ging‘s um das Radio. Frau Herzog hat sich damals die Frage gestellt: Warum hören die Menschen eigentlich Radio? Diese Theorie wurde dann ein bisschen weiter erarbeitet und kann heute noch genutzt werden, um zu verstehen, warum Menschen die sozialen Medien nutzen.

Das ist die sogenannte „Nutzen- und Gratifikationstheorie“ (Uses and Gratifications Theory). Schwieriges Wort, ist aber eigentlich relativ einfach zu verstehen. Die Idee hinter dieser Theorie ist, dass egal welche Technologie auf den Markt kommt, nur Technologien erfolgreich sein können, wenn sie Grundbedürfnisse des Menschen befriedigen. Wir sprachen schon über die sozialen Aspekte der Social-Media-Nutzung, die es durchaus gibt. Und dann wäre die Gratifikation die Belohnung, die ich durch die sozialen Medien bekomme, dass ich denke, dass mein Grundbedürfnis nach Sozialem dadurch abgedeckt ist.

Jetzt gibt es aber noch weitere Grundbedürfnisse, einmal eine hedonische Form der Nutzung.

Saskia Rößner: Was ist das?

Christian Montag: Banal gesagt, dass wir einfach nur Spaß haben. Warum Katzenvideos viral gehen. Das kann ja auch mal nett sein. Aber ich glaube, jeder würde wahrscheinlich zustimmen, dass ich sehr, sehr viel Zeit auf den Plattformen verplempere, wenn ich das nur noch mache.

Dann haben wir noch eine utilitäre Form der Nutzung. Damit ist gemeint, dass wir die sozialen Medien aktiv als Werkzeug einsetzen. Daraus ist auch eine ganze Industrie entstanden – die Influencer:innen, die das als Werkzeug nutzen, um Outreach zu haben, Produkte zu verkaufen, Dinge zu bewerben.

Saskia Rößner: Geld zu verdienen.

Christian Montag: Was natürlich auch eine Form der Nutzung ist.

Ich glaube, wenn man diese Wer-, Wie- und Warum-Fragen im Hinterkopf hat und miteinander verknüpft, dann kriegt man schon die erste davon, also wer jetzt besonders anfällig ist, raus. Jüngeres Alter, eher neurotisch, eher wenig gewissenhaft, eher zum passiven Konsum neigend, vielleicht eher zu einer reinen hedonistischen Form der Nutzung neigend. Ich glaube so kriegt man ein Bündel an Faktoren zusammen, die eine exzessive Form der Social Media Nutzung begünstigen kann.

Tipp zur Selbsthilfe: Smartphone in den Graustufen-Modus schalten

Saskia Rößner: Und kannst du uns, wenn wir das jetzt als Grundlage nehmen, auch einen Tipp zur Selbsthilfe geben?

Christian Montag: Ja, ich glaube, auch hier kann man über mehrere Dinge nachdenken. Zunächst erstmal, wenn wir über Plattform-Design nachdenken, haben wir noch gar nicht über Farbwelten gesprochen. Die sozialen Medien sind so gestaltet, dass sie besonders ansprechend rüberkommen wollen. Wenn man eine Plattform wie Instagram und Tiktok sieht – die sind extrem bunt und gespickt mit Inhalten, die oft auf emotionale Sensation abzielen.

Tipp zur Selbsthilfe: Inhalte hinterfragen

Christian Montag: Wir wissen außerdem, dass die Algorithmen hinter den sozialen Medien gerade emotionale Botschaften sehr, sehr stark mit Reichweite belohnen.

Saskia Rößner: Also Wut, Angst, Empörung.

Christian Montag: Exakt das. Und ich glaube, dass es wichtig ist – also wenn ich die sozialen Medien nutze und zum Beispiel dazu neige, irgendwie passiv zu konsumieren – dass ich erst mal darüber nachdenke, was mir nicht guttut. Stichwort Doomscrolling oder Fake News.

Das heißt Inhalte hinterfragen und auch im sozialen Aufwärtsvergleich hinterfragen, dass ich doch eigentlich weiß, dass die meisten eine Woche nichts posten und dann nur einmal was posten, wenn es denen gerade gut geht und sie gerade eine tolle Zeit haben. Das heißt auch immer zu hinterfragen oder sich vor Augen zu führen, dass zwischen den Postings bei den anderen Menschen Durststrecken sind. Das hilft auch dabei, zu reflektieren, dass mein Leben eigentlich gar nicht so schlecht ist. Dass man sich das immer wieder vergegenwärtigt. Das heißt durchaus die Nutzungsmotive der anderen hinterfragen, das ist wichtig. Und was sie wie posten. Dass das Leben von anderen nicht perfekt ist.

Und dass man gerade bei vielen Dingen, die ich online sehe, immer wieder auch sagt, „Na ja, ich weiß, die Algorithmen belohnen buntes Zeug. Die belohnen Dinge, die sehr auf Sensation abzielen“. Dass ich mir da immer die Frage stelle: Ist das, was ich hier sehe, die Realität oder ist das nicht eigentlich offenkundig etwas, was hier eingesetzt wird, um mich zu manipulieren?

Tipp zur Selbsthilfe: Fragwürdige Inhalte mit Freund*innen besprechen

Saskia Rößner: Da schließt auch wieder der Tipp an, den wir vom Verein „Aktiv gegen Mediensucht“ erhalten haben. Der rät nämlich dazu, sich über diese Themen, über diese Fragen auch mit Freundinnen und Vertrauenspersonen auszutauschen.

Vielleicht postet da jemand ständig Fotos vom tollen Urlaub, den man vielleicht aber nur eine Woche im Jahr gemacht hat und die restlichen 51 Wochen im Jahr hat man sich die Butter vom Brot abgespart. Oder vielleicht postet jemand ein Foto von der Familienfeier mit der tollen Deko, aber dass an der Familienfeier Onkel Herbert wieder viel zu viel getrunken hat und es einen Streit gab und alle danach mit schlechter Laune nach Hause gegangen sind, das wird eben nicht gepostet.

Also einfach mal mit Leuten, die man im Real Life kennt, darüber austauschen, was gepostet wird und was vielleicht auch nicht gepostet wird, um so wieder ein bisschen mehr Gefühl für die Realität zu bekommen.

Mehr Infos zum Thema Social-Media-Sucht

Saskia Rößner: Wenn ihr weitere Tipps zur Selbsthilfe haben wollt, schaut doch mal auf unserer Website vorbei: www.webcare.plus. Dort findet ihr außer allerlei Selbsthilfe Tipps auch noch professionelle Hilfe-Angebote, falls ihr alleine nicht weiterkommt.

Wenn ihr Fragen an unseren Gast Christian habt, dann kommt am 05. November 2026 in unser Webinar. Anmelden könnt ihr euch über die eben genannte Website.

Und wenn ihr jemanden kennt, der viele dieser Faktoren, die eine Person anfällig für negative Folgen von Social Media Nutzung machen, dann schickt ihr doch gerne mal den Link zu dieser Folge, damit die Person vielleicht vorgewarnt wird und noch mal ganz besonders darauf achtet, dass sie ein gesundes Social-Media-Verhalten beibehält oder sich antrainiert.

Lasst gerne eine gute Bewertung da und abonniert den Podcast, damit ihr die nächste Folge nicht verpasst. Nächste Woche wird es nämlich noch mal besonders spannend mit einer hochaktuellen Diskussion. Wir stellen uns die Frage: Altersbeschränkung für Social Media, ja oder nein? Wie sinnvoll ist das wirklich?

Also, bis nächste Woche!


Online-Veranstaltung mit Prof. Dr. Christian Montag

Link zur Online-Veranstaltung am 5. November 2026

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