Information: Das hier ist das Transkript zu einer Podcastfolge. Wenn du die Podcastfolge stattdessen lieber anhören oder ansehen möchtest, findest du die Links dazu am Ende des Textes.
–
Saskia Rößner: Herzlich willkommen zu „Social-Media-Sucht verstehen“, der dritten Staffel von „Mediensucht verstehen“, dem Podcast der Hessischen Landestelle für Suchtfragen, gefördert durch die Techniker Krankenkasse in Hessen. Mein Name ist Saskia Rößner und heute mit mir im Studio ist wieder Christian Montag. Hallo Christian.
Christian Montag: Hi Saskia.
Saskia Rößner: Es ist leider schon so weit, wir haben heute schon die letzte Folge der aktuellen Staffel. Wir haben uns jetzt acht Folgen lang damit beschäftigt, welche negativen Folgen Social Media auf uns, auf unser Wohlbefinden und auf unsere Gesundheit haben könnte. Heute drehen wir den Spieß mal um. Heute wollen wir uns fragen: Könnte Social Media nicht auch anders gehen? Könnte Social Media nicht auch gesund funktionieren? Und wenn ja, wie würde das Ganze aussehen? Und Christian, du hast dir dazu viele Gedanken gemacht und an denen möchtest du uns heute teilhaben lassen. Dann leg mal los!
Christian Montag: Ja, das ist irgendwie die 1-Million-Dollar-Frage. Was müssen wir tun, damit wir die ganzen Probleme, die wir auf den sozialen Medien haben, wegbekommen? Dreh- und Angelpunkt ist sicherlich das Daten-Geschäftsmodell. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Daten-Geschäftsmodell dafür verantwortlich ist, dass wir keine Privatsphäre mehr haben, dass die Onlinezeiten verlängert werden, dass aber dann auch Dinge wie sehr emotionale Botschaften – was dann häufig Desinformationskampagnen sind – extreme Reichweite bekommen, weil das durchaus auch Teil des Geschäftsmodells ist.
Saskia Rößner: Also alles, was Angst, Empörung, Wut oder Ärger auslöst.
Soziale Medien: Das Design muss sich ändern – aber wie?
Christian Montag: Genau. Das heißt, die eine Stoßrichtung ist dahingehend: Müssen wir die Dinge nicht eigentlich anders finanzieren? Das ist die eine Fragestellung. Ich würde aber erst mal mit einer anderen anfangen, nämlich die Frage: Wie müssen wir soziale Medien konkret designen? Das heißt auch, welche Designelemente wären okay, welche wären nicht okay, dort verbaut zu werden, um natürlich diese ganzen Schattenseiten in den Griff zu bekommen?
Saskia Rößner: Und hast du darauf eine Antwort?
Christian Montag: Ja, ich hätte gerne eine. Aber ich sage, warum ich keine finale Antwort habe. Wir sprechen bei uns im Forschungsfeld von der sogenannten API-kalypse.
Saskia Rößner: Das musst du uns erklären.
Christian Montag: Nicht Apokalypse, sondern APIkalypse. API steht im Englischen für „Application Programming Interfaces“. Man muss sich ein bisschen vorstellen, das ist eine Schnittstelle zwischen sozialen Medien und dann zum Beispiel einer Person wie mir, die es mir erlaubt, auf den sozialen Medien Forschung zu machen – zum Beispiel zu gucken, was die Industrie mit AB-Testing gemacht hat. Wie wirkt die Plattform, wenn ich Personalisierung habe versus keine Personalisierung?
Oder was passiert eigentlich, wenn die Likes nicht mehr nach außen gezeigt werden? Das war auch eine Kampagne, die die Industrie mal gefahren hat. Die haben gesagt, „Komm, wir blenden das jetzt mal aus. Wir wissen ja, sozialer Vergleich ist nicht so gut, aber man kann intern noch gucken, wie viel ich bekommen habe“. Wie verändert sich durch so einen Umbau der Plattform das Wohlbefinden der Nutzenden? Diese Art von Studien würde ich gerne machen.
Saskia Rößner: Aber?
Christian Montag: APIs sind geschlossen.
Saskia Rößner: Das heißt, die gab es mal?
Schnittstellen für unabhängige Forschung sind geschlossen
Christian Montag: Die gab‘s mal. Es gab den Cambridge-Analytica-Datenskandal. Da erinnern sich vielleicht viele dran.
Saskia Rößner: Ja.
Christian Montag: Das war dieses Unternehmen von Alex Nix, was sehr in Verruf geraten ist, was wohl sowohl beim Brexit eine Rolle gespielt hat, als auch beim Wahlkampf Trump versus Hillary Clinton, wo es um dieses Micro-Targeting ging. Wir sprachen in der ersten Folge drüber: Personalisierung, Manipulation von Wähler:innen über die Plattform. Es ist bis heute sehr, sehr schwer zu sagen, wie stark der Einfluss war, aber zweifelsohne ist da was passiert. Und als Konsequenz hat die Industrie gesagt, wir schließen jetzt diese Schnittstellen, die es erlaubt haben, für externe Parteien wie für Cambridge Analytica ein Profiling dann herauszuarbeiten. Was die Industrie von innen tut, haben die dann von außen getan.
Das heißt aber, wir haben eine Situation, wo ich als unabhängiger Forschender meine Social-Media-Forschung mit zwei Händen am Rücken verbunden machen muss. Ich bin wirklich sehr, sehr limitiert. Ich kann den Leuten zwar sagen, „Ja, wie geht‘s dir denn auf der Plattform? Glaubst du, dass ein Like deine Onlinezeit verlängert? Aber das sind ja nicht die Daten, die wir haben wollen. Wir brauchen auch jenseits des Selbstberichts – der sicherlich wichtig ist – eine objektive Datenlage über das, was Jugendliche online tatsächlich gezeigt bekommen, wie sie sich durch den Raum bewegen, wenn bestimmte Designelemente eingesetzt werden und und und.
Wie gesagt, diese Art von Studien kann man gerade so gut wie gar nicht umsetzen. Das ist ein Riesenproblem. Und dann muss man sich aber auch die Frage stellen: Müssen wir das überhaupt tun? Weil das unglaublich viel Geld kostet, wenn wir diese Studien durchführen. Man muss sich noch mal vor Augen führen, dass wir dann Wissen kreieren, was schon existiert.
Saskia Rößner: Aber Wissen, was wir nicht in unserer Schublade haben, sondern was in den Schubladen der Industrie ist.
Plattformen halten Forschungsergebnisse zurück
Christian Montag: Muss man da nicht sagen „Heraus mit dem Wissen!“? Warum sollten wir da noch mal Geld ausgeben, wenn das Wissen schon da ist? Das finde ich zutiefst befremdlich. Da geht es ja auch um Steuergelder am Ende des Tages, die wir investieren müssen, um sehr aufwendige Forschung zu machen, obwohl wir damit nur Wissen generieren, was eigentlich schon da ist. Und dann sagen viele, „Aber die Industrie würde sich wahrscheinlich wehren und sagen sagt, Das ist ja unser Know-how, das haben wir uns selbst aufgebaut. Warum sollten wir das teilen? Wir sind ein privatwirtschaftliches Unternehmen‘“.
Saskia Rößner: Firmengeheimnis.
Christian Montag: Ja, genau. „Firmengeheimnis.“ Da würde ich entgegnen, ihr seid supranational agierende Konzerne, die mehr Macht haben als manche Regierungen auf der Welt. Ihr seid nicht irgendwelche Unternehmen. Ihr müsst natürlich anders angefasst werden, was diese Fragestellung betrifft. Deswegen sehen wir auch zurzeit diese ganzen Regulierungsinitiativen, wie gerade von der Europäischen Kommission.
Die Politik muss die Plattformen stärker regulieren
Christian Montag: Du weißt, ich arbeite in Macau SAR in China, und was ich durchaus bemerkenswert finde, wenn man sich mal TikTok anschaut – das ist eine chinesische Plattform – und dann die chinesische Schwesterplattform Douyin: Dort wird Jugendschutz tatsächlich auch so gelebt, dass man die Plattform, das Design, verändert. Ich habe jetzt die Altersgrenze nicht, aber da gibt es bis zu einem gewissen Alter kein Endless Scrolling, das heißt, nach 20 Minuten oder irgendeiner gesetzten Zeit gibt es keine neuen Inhalte mehr oder es werden mehr Bildungsinhalte ausgestrahlt. Das heißt, offenkundig geht man in China in den Maschinenraum der Plattformen rein, was ich an der Stelle für einen richtigen Gedanken halte.
In Brüssel haben wir das ein Stück weit mit dem DSA auch, da hat man gesagt, wir wollen nicht, dass suchterzeugende Designelemente eingesetzt werden.
Saskia Rößner: DSA, also der Digital Services Act, ein Gesetz auf EU-Ebene.
Christian Montag: Genau. Aber leider mussten wir in den letzten Jahren feststellen, dass die USA natürlich alles dafür getan haben, dass der DSA für ihre Plattformen erstmal nicht greift. Ansonsten muss man sich auch vorstellen, warum es so lange gedauert hat, bis X – ehemals Twitter – dieses Jahr reguliert worden ist. Offenkundig hat sich die Plattform unter Elon Musk nicht zum Besseren verändert. Dann gab es irgendwelche Tweets, und es wurde gesagt, wenn ihr unsere Plattformen reguliert, gibt es kein Geld mehr für die Ukraine. Das heißt, da wird auf einer hohen politischen Ebene Kuhhandel betrieben, wo man versucht hat, die Regulierungsbemühungen kaputt zu machen. Das ist schwer bedenklich.
Saskia Rößner: Also siehst du für die Forschung aktuell eher schwarz?
Christian Montag: Ja und nein. Im DSA Gesetzestext steht klar drin, dass die Plattformen geöffnet werden sollen – also die APIs, diese Schnittstellen. Die sollen für unabhängige Forschende geöffnet werden, wenn sie in ihrer Forschung tatsächlich Studien durchführen, die dem DSA zuarbeiten, also quasi den Gesetzestext mit empirischen Daten zu untermauern, zu zeigen, ob sich die Industrie an das, was wir wollen, hält. Das ist dort angelegt. Im Alltag bleibt es momentan schwer.
Unabhängige Forschung muss finanziert werden
Christian Montag: Man muss auch sagen, dass die finanzielle Ausstattung von der Europäischen Kommission, um diese Studien zu machen, in der Vergangenheit einfach unzureichend war. Da ist die Erwartungshaltung „Macht die Arbeit mal“, aber wir haben keine Mitarbeitende, um das zu machen. Da geht es nicht darum, dass sich privat jemand bereichert, sondern darum, dass wir natürlich auch Gelder brauchen, um als David gegen Goliath überhaupt irgendwie was ausrichten zu können.
Das heißt, wir – das waren Ben Becker und ich – hatten in der Nature Correspondence einen kurzen Vorschlag gemacht. Und zwar, dass man einen Teil der Strafzahlungen von der Industrie an die Europäische Kommission, die sicherlich irgendwann kommen, nutzen könnte, um eine Art Fonds aufzulegen, sodass unabhängige Forschung sehr, sehr schnell die Arbeit aufnehmen kann. Ich glaube, dass das eine Möglichkeit wäre.
Saskia Rößner: Also bestehende Plattformen zu erforschen und mithilfe der Forschungsergebnisse nutzerfreundlicher oder gesünder zu machen, ist der eine Weg. Der andere Weg wäre, uns eigene Plattformen zu bauen, die besonders oder vermeintlich besonders gesund oder nutzerfreundlich sind. Wie stehst du denn dazu?
Eigene europäische Plattformen bauen?
Christian Montag: Ich glaube, es wäre extrem wichtig, das zu tun, weil ich glaube, dass wir nicht darauf hoffen können, nicht darauf warten können, dass sich diese Plattformen radikal ändern. Dafür sind sie zu erfolgreich mit ihrem Geschäftsmodell. Das heißt, die werden sich wehren. Sie haben ja nicht umsonst extrem viele Jurist*innen angestellt, die Lobbyarbeit machen und versuchen, Schlupfwinkel in den Gesetzestexten zu finden.
Regulierung ist wichtig, aber ich glaube, ein erfolgreiches Gegenprodukt wäre tatsächlich etwas, was hilfreich ist. Das würde sicherlich nicht auf deutscher Ebene allein reichen. Ich glaube, wir bräuchten eine europäische Antwort, damit wir ein Netzwerk haben, was groß genug ist. Dieses Netzwerk sollte meines Erachtens durchlässig für andere Plattformen sein.
Saskia Rößner: Was meinst du damit?
Christian Montag: Wir können ja im Alltag zum Beispiel von Telekom zu Vodafone telefonieren. Ich kann aber nicht von WhatsApp zu Signal eine Nachricht schicken. Und das ist ein Problem. Gerade wenn wir zwei uns jetzt überlegen würden, wir bauen eine neue Plattform und sagen, die ist gerade was den Datenschutz betrifft, besser, wir teilen weniger Daten, wir nutzen Daten wirklich nur, um den Service besser zu machen. Und wir würden auch, wenn wir wüssten, welche Designelemente besonders kritisch sind, auf diese verzichten. Dann würden wir beide da sein, aber die anderen würden sagen, da ist ja sonst keiner.
Saskia Rößner: Das wäre unser eigenes soziales Netzwerk, ohne dass unser Netzwerk wirklich groß ist.
Herausforderungen eines neuen sozialen Netzwerks
Christian Montag: Aber die sozialen Medien leben davon, dass dort eine kritische Masse an Menschen unterwegs ist, mit dem man sich verbandeln kann. Deswegen glaube ich, brauchen wir hier auch die Möglichkeit, dass man über die Plattformen hinweg kommunizieren könnte. Mit Datenformaten wäre alles möglich, aber das ist nicht im Sinne der Industrie. Da sieht man auch wieder, an der Stelle bräuchten wir eine Form der Regulierung, die diese Art der Kommunikation ermöglicht.
Denn dann könnte ich mir selbst sagen, mir ist es wert, im Monat 4€ zu zahlen. Meine Daten sind deutlich sicherer dort und ich weiß, mein digitaler Fußabdruck ist überschaubar und ich weiß, dass mit den Daten dort eben weniger Schindluder getrieben wird, kann aber trotzdem mit der Außenwelt kommunizieren. Ich glaube, das sind Dinge, wo auch Regulierung wichtig ist.
Aber viele sagen auch, ein öffentlich-rechtliches Social Media, echt jetzt? Das wird doch nichts. Das sehen sehr viele mittlerweile skeptisch, auch was Öffentlich-Rechtliche in Deutschland betrifft und sagen, mit GEZ bin ich auch nicht zufrieden. Das heißt, da haben viele Menschen erstmal eine Grundhaltung dagegen und sagen, jetzt noch von den Rundfunkgebühren soziale Medien bauen?
Saskia Rößner: Die kennen das Produkt eigentlich noch gar nicht, aber weil sie Rundfunkgebühren doof finden, finden sie auch das, was da vielleicht noch kommen würde, doof?
Christian Montag: Mir schwebt da sowas vor, wie die Erfahrung, die wir mit Wikipedia gemacht haben. Das ist eine interessante Plattform. Wikipedia ist eine Plattform, die nach wie vor ohne kommerziellen Hintergrund betrieben wird.
Saskia Rößner: Rein aus Spenden, glaube ich.
Christian Montag: Interessant ist, dass Wikipedia es geschafft hat, keine komplette Missinformationsschleuder zu werden. Das ist schon sehr interessant. Das heißt es wird kuratiert. Da ist sicherlich nicht alles perfekt, aber es ist ein interessantes Digitalprodukt, was sich schon sehr, sehr lange als öffentlich-rechtlicher Gedanke hält. Als „public good“ – so würde ich es mal formulieren.
Öffentlich-rechtliches Social Media?
Christian Montag: Ich glaube, es ist illusorisch zu sagen, dass die Leute – auch in Deutschland – sagen, TikTok und alles sofort weg und ich gehe jetzt nur noch auf das eine öffentlich-rechtliche Modell. Aber wir könnten natürlich dafür Sorge tragen, dass diese öffentlich-rechtlichen Plattformen attraktiver werden, sie zu nutzen.
Stellen wir uns mal vor, ich mache abends einen Fernseher an, da läuft „Hart aber fair“, und dann wird auf einmal Facebook eingeblendet und ich kann über die amerikanische Plattform mit den Studiogästen in Interaktion treten, um eine Frage zu stellen, über deutsche Politik zu sprechen. Ist eigentlich schon echt verrückt. Warum? Wenn wir öffentlich-rechtliches Social Media hätten, könnten wir auch sagen, dass im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nur das öffentlich-rechtliche Produkt verwendet werden darf, um diese Art der Kommunikation zu ermöglichen.
Das heißt, da wäre dann schon mal der Business Case gegeben, warum Leute sagen, dann mache ich halt noch ein Konto auf. Dann habe ich noch eine App auf dem Telefon, die ich aber vielleicht mal checke und wenn sie gut gemacht ist, vielleicht sogar auch einen Mehrwert erkenne.
Saskia Rößner: Du hast vor ein paar Sätzen ein ganz wichtiges Stichwort genannt, nämlich „bezahlen“. Wenn wir nicht mit unseren Daten bezahlen oder mit unserer Gesundheit, dann müssen wir mit was anderem bezahlen. Also wahrscheinlich mit Geld. Kannst du uns dazu noch ein bisschen was sagen?
Eine neue Plattform braucht einen Mehrwert…
Christian Montag: Ja, wir haben tatsächlich Studien zur Bereitschaft, für ein alternatives Social Media zu bezahlen, gemacht. Die waren erstmal relativ ernüchternd. Es sind keine repräsentativen Forschungen, die wir gemacht haben, aber wir sehen in unseren Daten, dass ungefähr 50 % der Leute nicht bereit sind, dafür zu zahlen.
Es wird ein bisschen besser, wenn man tatsächlich noch mal aufdröselt, wie sich die sozialen Medien verbessern würden. Die Bereitschaft steigt gerade dann ein wenig mehr an, wenn man berücksichtigt, dass wir zum Beispiel die Desinformationskampagnen in den Griff bekommen würden. Das wäre laut unseren Daten der Hebel, wo die Leute eher bereit wären zu sagen, das ist eigentlich eine gute Sache, dafür würde ich zahlen.
Saskia Rößner: Also brauchen wir ein richtig gutes Produkt und vor allem Aufklärung.
Christian Montag: Aufklärung und ein gutes Produkt. Das ist sicherlich wichtig und auch einen realistischen Preis.
…und einen fairen Preis
Saskia Rößner: Was ist deiner Einschätzung nach realistisch?
Christian Montag: Wir haben eine sehr einfache Rechnung gemacht. Wir haben unser erstes Paper vor ein paar Jahren veröffentlicht und uns den Umsatz oder Gewinn von Facebook angeschaut und gesagt, die verdienen ja mittlerweile noch viel mehr Geld und das müsste ja so ein Produkt gar nicht, weil es sich ja nur selbst erwirtschaften müsste.
Saskia Rößner: Das müsste bei +-0 rauskommen.
Christian Montag: Genau. Da kamen wir bei ca. 2 Euro im Monat raus. Und ich glaube, das wäre überschaubar, wo viele sagen würden, dass 2 Euro okay sind.
Saskia Rößner: Günstiger als ein Therapieplatz.
Christian Montag: Ja, de facto. Der Gedanke ist ein zentraler. Den Leuten muss klar sein, dass es diese Produkte nicht für umsonst geben kann. Noch mal: Content Moderation, Energiekosten, die Serverfarmen dahinter, die Plattformen müssen gewartet werden, die müssen weiterentwickelt werden. Das kann es nicht für umsonst geben.
Und nun kommt die Frage, ob wir als Gesellschaft bereit sind, für eine kritische Kommunikationsinfrastruktur einen gewissen Betrag zu zahlen? Ich glaube, das ist eine fundamental wichtige Frage, und auch darüber nachzudenken, können wir dem Geschäftsmodell, was wir gerade sehen – nämlich Überwachungskapitalismus plus Aufmerksamkeitsökonomie – ein gesünderes Modell entgegenstellen?
Saskia Rößner: Wunderbare Schlusswort. Aber ganz am Ende sind wir noch nicht, denn du hast uns wie jede Folge noch einen Tipp zur Selbsthilfe mitgebracht, Christian.
Tipp zur Selbsthilfe: Gedanken wandern lassen
Christian Montag: Ja. Zum Ende der Staffel hier bin ich am Reflektieren – so als Gedankenexperiment – warum es denn eigentlich gut ist, weniger Zeit auf diesen Plattformen zu verbringen? Warum ist es gut, sich nicht dauernd berieseln zu lassen? Da kann ich einen Ausflug in die Kreativitätsforschung machen.
Wir wissen nämlich, dass mal den Gedanken nachzuhängen, Tagträumen, die Gedanken wandern lassen, eine wichtige Voraussetzung ist, über den Alltag nachzudenken und Lösungen zu finden. Kreative Lösungen. Die Industrie hat alles dafür getan, dass jede freie Minute mit mir alleine ausreicht, um schon wieder das Gerät in der Hand zu haben.
Saskia Rößner: Bloß keine Langeweile mehr.
Christian Montag: So, und ich glaube, wir brauchen wieder mehr von den Räumen, die uns ermöglichen, tatsächlich mal über Dinge nachzudenken. Auch länger. Das gelingt unter anderem, indem wir das Gerät mal stecken lassen. Das würde natürlich auch darüber hinaus gelingen, wenn wir Produkte hätten, die nicht in jeder freien Minute nach uns schreien.
Und da sind wir bei den Inhalten der letzten Folge, nämlich, dass wir noch mal mit Freunden darüber sprechen sollten, dass es vielleicht wirklich eine gute Idee ist, Bereitschaft zu entwickeln, in Alternativmodelle zu investieren. Und zwar auch Bereitschaft zu haben, ein wenig Geld zu bezahlen.
Saskia Rößner: Und vielleicht – wenn wir so an diesen Netzwerkeffekt denken – nicht ich allein lösche jetzt mein WhatsApp-Konto und ziehe zu Signal um, sondern ich rede mit meinen Liebsten, mit meiner Familie, meinen Freund*innen und wir ziehen einfach alle gemeinsam um. Weil die Leute, die ich brauche, dann auch direkt da sind.
Selbsthilfe-Tipp: Mit Freund*innen austauschen
Saskia Rößner: Der Verein „Aktiv gegen Mediensucht“ hat uns auch geraten, sich öfter mal mit Freund*innen über die kritischen Seiten – über die Schattenseiten, wie du sie genannt hast – auszutauschen und sich zu überlegen, wie denn ein gesünderes Nutzungsverhalten in unserer Familie oder auch in unserem Freundeskreis aussehen könnte, damit man eben nicht alleine ist und vor diesen übermächtigen Plattformen steht, sondern einfach gemeinsam stark ist und gemeinsam versucht, dem Ganzen etwas entgegenzusetzen.
Ja, Christian, da sind wir auch schon am Ende der heutigen Folge und am Ende dieser Staffel angelangt. Es ging wieder so schnell vorbei. Unglaublich. Wenn ihr noch mehr Tipps zur Selbsthilfe, aber auch professionelle Hilfe-Angebote sucht, dann guckt doch mal auf unserer Website www.webcare.plus vorbei. Damit könnt ihr euch auch wunderbar die Zeit vertreiben – zum einen bis zu unserem Webinar, das am 5. November 2026 stattfindet. Da könnt ihr vorbeikommen und Christian alle eure Fragen stellen. Aber auch auf lange Sicht.
Aussicht auf Staffel 4: „Pornosucht verstehen“
Saskia Rößner: Wir machen jetzt eine Art Winterschlaf und kommen im Frühjahr mit einer neuen Staffel zurück. Und ich kann sagen, die Staffel wird heiß. Wir reden über Pornos und problematischen Pornokonsum. Schaltet dann unbedingt wieder ein. Am besten abonniert ihr einfach den Podcast jetzt schon, damit ihr den Start der nächsten Staffel nicht verpasst.
Bewertet gerne den Podcast, wenn euch die Staffel gefallen hat. Wenn ihr mit euren Freund*innen darüber reden wollt, wie ihr zu einer gesünderen Social Media Nutzung kommen wollt, teilt natürlich auch gerne diese Folge hier als Gesprächsöffner. Ich wünsche euch eine gute Zeit. Wir sehen uns im nächsten Jahr wieder.
Christian, an dich noch mal ein ganz herzliches Dankeschön für deinen ganzen Input, deine ganze Expertise. Wir kommen natürlich auch in der nächsten Staffel wieder mit ganz tollen Expert*innen hier an den Tisch. Also bis zum nächsten Mal.
Christian Montag: Macht’s gut.
Online-Veranstaltung mit Prof. Dr. Christian Montag
Link zur Online-Veranstaltung am 5. November 2026
Social-Media-Sucht verstehen: Altersgrenze für soziale Medien? (S03E08)