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Social-Media-Sucht verstehen: Gibt es Social-Media-Sucht überhaupt? (S03E04)

30 September 2026

Lesezeit 9 Minuten

Information: Das hier ist das Transkript zu einer Podcastfolge. Wenn du die Podcastfolge stattdessen lieber anhören oder ansehen möchtest, findest du die Links dazu am Ende des Textes.

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Saskia Rößner: Herzlich willkommen zu „Social-Media-Sucht verstehen“, der dritten Staffel von „Mediensucht verstehen“, einem Podcast der Hessischen Landestelle für Suchtfragen, gefördert durch die Techniker Krankenkasse in Hessen. Mein Name ist Saskia Rößner und mit mir im Studio ist wieder Christian Montag. Hallo Christian.

Christian Montag: Hallo Saskia.

Saskia Rößner: Nachdem wir uns angeguckt haben, warum Social Media Plattformen eigentlich wollen, dass wir so viel Zeit mit ihnen verbringen und wie sie versuchen, das mit ihren Designelementen zu bewerkstelligen, stellen wir uns heute die alles entscheidende Frage: Christian, gibt es Social-Media-Sucht überhaupt?

Social-Media-Sucht noch nicht offiziell anerkannt

Christian Montag: Ja, das ist eine große Frage, und viele werden verwundert sein, dass wir die Frage überhaupt stellen, weil viele wahrscheinlich denken „Das ist doch anerkannt, oder?“ Tatsächlich ist es momentan nicht anerkannt. Wir haben ein Störungsbild, was dem ähnlich kommt oder kommen könnte: die Computerspiel-Abhängigkeit. Im Englischen sagen wir die Gaming Disorder, die 2019 von der WHO – von der Weltgesundheitsbehörde – ratifiziert worden ist. Das heißt, da hat man gesagt, dass das ein Thema ist, das man jetzt offiziell anerkennen will. Bei den sozialen Medien streiten sich die Gelehrten, wie es denn da tatsächlich aussieht.

Saskia Rößner: Falls ihr euch für die Gaming Disorder interessiert, schaut doch noch mal in unsere letzte Staffel rein. Da ist sie nämlich Schwerpunkt gewesen. Aber heute wollen wir hier mit der Social-Media-Sucht oder der vermeintlichen Social-Media-Sucht weitermachen. Warum ist es denn nicht anerkannt, Christian? Was braucht es, damit die Weltgesundheitsorganisation etwas als Krankheit anerkennt?

Christian Montag: Da müssen mehrere Dinge erfüllt sein. Und bevor wir über die einzelnen Bereiche sprechen, möchte ich auch kurz erläutern, warum es wichtig ist, dass wir da ein wenig Vorsicht walten lassen. Für mich ist eine Maxime als Forschender zu sagen, dass ich keine Alltagshandlung pathologisiere will. Ich will ja nicht Leuten Themen andichten, die sie nicht haben. Und auch wenn ich weiß, dass der Suchtbegriff im Alltag sehr, sehr häufig lapidar verwendet wird, wollen wir doch nicht vergessen, dass eine Sucht etwas ist, was Patient*innen wirklich stark belastet und ich nur von einer Sucht sprechen möchte, wenn wir entsprechend auch etwas haben, was so exzessiv ist – so problematisch – dass es eben tatsächlich Menschen aus der Bahn wirft.

Weltgesundheitsorganisation prüft genau

Christian Montag: So, und diese Aufgabe hat die Weltgesundheitsbehörde natürlich auch – zu belegen, haben wir hier eigentlich nur eine Alltagshandlung, wo viele Leute vielleicht ein bisschen zu viel online sind.

Saskia Rößner: Oder ist es vielleicht auch eine Generationenfrage, wo dann alle Omis und Opis oder Mamas und Papas da draußen über die jungen Leute schimpfen, die ja nur noch am Handy hängen.

Christian Montag: Es müssen ein paar Dinge natürlich erfüllt werden, „Hausaufgaben“ gemacht werden, um dann sagen zu können „Okay, wir sprechen hier über eine Psychopathologie“.

Saskia Rößner: Also eine psychische Erkrankung.

Christian Montag: Über eine psychische Erkrankung und vielleicht sogar in dem Rahmen über eine Sucht oder was anderes.

Saskia Rößner: Und wie sehen diese „Hausaufgaben“ aus?

Passt das Suchtrahmenwerk?

Christian Montag: Ja, die erste Hausaufgabe, die gemacht werden muss, ist erstmal zu überlegen, „Passt das Suchtrahmenwerk gut?“

Saskia Rößner: Was ist das?

Christian Montag: Das heißt, dass man guckt, ob das Verhalten – also das exzessive Verhalten der Nutzenden – wenn es bei manchen beobachtet wird, wird das durch eine Sucht tatsächlich besonders gut abgedeckt oder ist es nicht doch was anderes? Vielleicht ist es ein zwanghaftes Verhalten oder ein Ausdruck einer Depression, zum Beispiel, dass Leute sehr, sehr viel Zeit auf den Plattformen verbringen.

Saskia Rößner: Also nur ein Symptom einer anderen Erkrankung?

Christian Montag: Genau. Das könnte es auch sein. Man muss sich die Frage stellen, ob das Suchtrahmenwerk gut greift. Von einer Sucht würde man sprechen, wenn man eins zu eins Symptome aus der substanzgebundenen Form der Sucht findet – also zum Beispiel beim Alkoholismus, wir sagen im Englischen „Alcohol Use Disorder“, die Alkoholnutzungsstörung, aber sagen wir mal Alkoholismus – kann man sich die Frage stellen: Kann ich die Symptome des Alkoholismus einfach eins zu eins übertragen?

Saskia Rößner: Das heißt es gibt da eine Checkliste und ich gucke, ob die auch für Social Media passt?

Kritierien Toleranzentwicklung und Entzugserscheinungen möglicherweise unpassend

Christian Montag: Genau. Dann würde ich sagen, Alkohol wird jetzt gestrichen, wir packen Social Media als Begriff rein. Dann würde man durchgehen: Toleranzentwicklung. Beim Alkoholiker ist es so, dass er immer mehr trinken muss, um das Gleiche zu spüren. Oder generell Entzugserscheinungen. Ich trinke nicht mehr und denke mir auf einmal „Ich werde irgendwie ganz nervös und ich muss jetzt unbedingt was trinken, damit es mir wieder gut geht“. Man würde sich die Frage stellen „Kann ich das eins zu eins auf die sozialen Medien übertragen?“ Und jetzt die Frage: Kann ich tatsächlich so was wie Toleranzentwicklung oder Entzugserscheinungen eins zu eins auf exzessives Social Media Verhalten übertragen? Da sagen Studien aktuell „eher nicht“.

Saskia Rößner: Die Frage gab es glaube ich auch schon bei der Computerspielstörung, und ich kann mich erinnern, dass in den US-amerikanischen Diagnosekriterien, dem DSM-5, Entzugserscheinungen und Toleranzentwicklung drinstehen und im ICD-11 – dem weltweiten Diagnosehandbuch—

Christian Montag: Von der Weltgesundheitsbehörde.

Saskia Rößner: —das wir auch hier in Deutschland nutzen, dass dort diese beiden Kriterien nicht drinstehen.

Alltagshandlungen nicht pathologisieren

Christian Montag: Und ich halte das auch für richtig. Warum? Weil – um die Brücke jetzt wieder zu sozialen Medien zu schlagen – es neue Arbeiten gibt, die geguckt haben, wie diese unterschiedlichen klassischen Suchtsymptome im Zusammenhang mit zum Beispiel anerkannten, psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen, Angsterkrankungen, somatischen Störungen oder anderen Dingen stehen. Interessanterweise hat man in neun Arbeiten gesehen, dass gerade sowas wie Toleranzentwicklung überhaupt nicht im Zusammenhang steht mit zum Beispiel starkem negativem Affekt, also mit depressiven Verstimmungen.

Saskia Rößner: Starker negativer Affekt, also einfach sehr starke negative Gefühle?

Christian Montag: Genau. Exakt. Und dann haben sich die Forschenden die Frage gestellt, „Wenn wir einen Social-Media-Suchtfragebogen haben, in dem die ganzen Kriterien des Alkoholismus oder von anderen Substanzen, von denen man abhängig sein kann, drinstehen und diese eins zu eins überträgt und die Leute beantworten dann irgendwelche Fragen und haben da einen hohen Wert, obwohl wir eigentlich wissen, dass es wahrscheinlich gar kein passendes Kriterium ist, was funktioniert, dann sieht man die Werte in so einer Skala natürlich total hoch“. Mit anderen Worten: Dann würden wir genau dahin kommen, dass wir vielleicht Alltagshandlungen pathologisieren. Und Ähnliches hat man übrigens auch bei der Computerspielstörung gesehen. Auch da gibt es ein paar Kriterien aus der klassischen Suchtforschung, die wir möglicherweise gar nicht so gut übertragen können.

Das heißt, das ist momentan natürlich eine große Forschungsfrage: Können wir das Rahmenwerk aus der Suchtforschung einfach eins zu eins übernehmen? Und, passt was anderes besser oder müssen wir es modifizieren?

Neurowissenschaft muss forschen

Christian Montag: Das Zweite ist – was tatsächlich auch nach wie vor stark diskutiert wird: Wie diagnostiziere ich das eigentlich richtig? Also, ab wann spreche ich denn möglicherweise von einer Sucht oder von einem problematischen Social-Media-Nutzungsverhalten? Dass wir, wenn wir von einer Sucht sprechen wollen, eine ganz gute Vorstellung davon haben, was hier oben bei uns im Gehirn passiert.

Saskia Rößner: Da kommst jetzt genau du als Hirnforscher ins Spiel.

Christian Montag: Ja, und da gibt es so ein Experiment, das heißt Cue Reactivity Experiment. Übersetzt heißt das, wir arbeiten mit einem Hinweis-Reiz, den wir den Patienten und Patientinnen zeigen, oder Leuten, die betroffen sind. Diese Hinweis- Reize zeigen wir auch Kontrollpersonen, während sie im Hirnscanner liegen.

Was sind das für Hinweis-Reize? Beim Alkoholiker wäre das logischerweise ein Glas Bier oder eine Flasche Wodka und bei einem Nikotinabhängigen wäre es die Zigarette. Bei einem in Anführungszeichen „Social-Media-Abhängigen“ wäre das dann zum Beispiel ein Icon von Facebook oder Instagram oder, dass man sein eigenes Profil sieht oder einen Like-Button. Aus der Suchtforschung wissen wir, dass bei einem solchen Hinweis-Reiz, der mit der „eigenen Droge“ assoziiert wird, das Belohnungssystem des Gehirns sehr, sehr stark angesprochen wird.

Kann unser Gehirn Social Media widerstehen?

Christian Montag: Zeitgleich haben wir in unserem Gehirn den präfrontalen Kortex. Das ist das Hirnareal, was eigentlich dieses starke Verlangen, was dann ausgelöst wird, runter regulieren kann. Bei Suchterkrankungen sehen wir, dass das häufig zusammenbricht, dieses Top-Down-System. Das heißt, das Verlangen ist so stark, dass diese Top-Down-Kontrolle nicht mehr klappt – bei sozialen Medien oder dem Smartphone dieses mentale „auf die Finger klopfen“ und zu sagen „Nee, ich muss jetzt die Hausaufgaben machen. Ich check jetzt nicht mein Handy. Ich bringe das Gerät raus“. Dann kann es zum eskalierenden Verhalten kommen. Das kann ich natürlich auch neurobiologisch abbilden.

Da sind wir aber noch nicht so weit zu verstehen, ob genau diese Mechanismen genauso gut greifen. Obwohl die sozialen Medien – wenn man sagt, 2004 wurde Facebook gegründet und wir sind jetzt irgendwie 22 Jahre später – haben wir einfach sehr, sehr wenig neurobiologische Studien, die uns helfen könnten, die Frage zu beantworten „Ist das ein klarer Suchtmechanismus bei einer exzessiven Nutzung oder ist das was anderes?“

Gibt es genug Hilfesuchende?

Christian Montag: Und dann haben wir noch einen dritten Bereich, den wir abackern müssen, um zu verstehen, ob das eine Sucht oder was anderes ist, oder vielleicht gar nichts, was wir so ernst nehmen müssen.

Saskia Rößner: Und der wäre?

Christian Montag: Es gibt einen Bereich, der vor allen Dingen von meinen Kollegen und Kolleginnen beackert wird, nämlich der in die psychologische Psychotherapie reingeht und die Frage stellt, ob in der Praxis, in den Medienabhängigkeitskliniken, tatsächlich Leute auftauchen, die sagen „Hey, ich bin abhängig von Social Media, behandel mich bitte“. Auch wenn ich dafür nicht der große Experte bin, weiß ich von vielen meiner Kolleg*innen, dass bei ihnen vor allen Dingen die Gaming Disorder, also die Computerspielstörung, aufläuft.

Abgrenzung zu Gaming- oder Pornosucht

Christian Montag: Wir haben auch zunehmend mehr Leute, die mit Pornografie ein Problem haben – exzessive Nutzung – was natürlich gerade im Beziehungsgefüge große Probleme mit sich bringen kann. Man muss sagen, dass wir bei den sozialen Medien häufig das Problem haben, dass die exzessive Nutzung eben auch mit anderen Dingen im Zusammenhang stehen kann. Denken wir mal über Twitch nach, eine Social-Media-Plattform, wo Gaming für viele sehr, sehr stark im Vordergrund steht. Da weiß man gar nicht so sehr, hat das eher was mit einer Gaming Disorder zu tun oder ist das irgendwie exzessive Social-Media-Nutzung, weil viele anderen beim Spielen zuschauen. Das ist ein ähnliches Problem, was wir aus der Gaming Disorder mit dem pathologischen Glücksspiel kennen, wo in Computersielen diese Lootboxen verbaut sind. Eine Box im Spiel, bei der man sagt, „Wenn ich jetzt 5€ ausgebe, ist eine Überraschung da drin“. Viele sagen, dass da das Glücksspiel mit dem Computerspiel zusammengeht.

Saskia Rößner: Also ist es schwer, da überhaupt noch klare Grenzen zu ziehen, weil es verwischt.

Christian Montag: Es ist überhaupt nicht leicht. Bei vielen Menschen sind bestimmte Inhalte bei den sozialen Medien im Vordergrund. Gerade bei jungen Frauen – die häufig super viele Fitnessvideos gucken, sich für einen gesunden Lebensstil interessieren, häufig dann aber natürlich auch mit geschönten Körperidealen konfrontiert werden – wissen wir, dass auf einmal ganz andere Themen bei der exzessiven Social-Media-Nutzung im Vordergrund stehen, wie Körper, Zufriedenheit und Essstörungen. Da sieht man, dass wir gerade über die sozialen Medien einen sehr schnell wachsenden, großen, bunten Strauß an Themen haben, den es zu beackern gilt. Daher ist die Suchtfrage gar nicht so einfach zu beantworten, wie man sich das vielleicht denken würde.

Social Media gibt es seit gut 20 Jahren, aber die Forschung braucht noch Zeit

Saskia Rößner: Wenn ich das mal zusammenfasse: bei der Computerspielstörung sind wir schon weiter. Ich meine, Computerspiele gibt es nun auch einfach schon viel länger, schon viele Jahrzehnte.

Christian Montag: Und viel mehr Forschung.

Saskia Rößner: Und scheinbar auch mehr Menschen, die damit ein Problem haben. Wobei man Social-Media-Sucht auch leichter verstecken kann, weil man das Smartphone immer dabei hat, die Spielekonsole vielleicht nicht unbedingt. Bei Social Media und der Frage danach, ob es eine Social-Media-Sucht gibt oder nicht, sind wir auf dem Weg, aber es muss noch vieles geklärt werden. Das Suchtrahmenwerk, die neurobiologischen Prozesse – also das, was im Gehirn passiert – und auch, wie viele Menschen überhaupt ins Hilfesystem, zu Beratungsstellen, zu Therapeutinnen kommen. Solange wir das alles noch nicht gemacht haben, können wir es noch nicht schwarz auf weiß abdrucken, weil wir sonst das Risiko eingehen, dass wir Alltagsverhalten als krankhaft abstempeln.

Christian Montag: Ja, und das hat ja auch eine gewaltige Tragweite. Wenn sowas eine offizielle medizinische Diagnose ist, erwarte ich natürlich auch, dass ich zum Arzt oder der Ärztin gehen kann und sage, ich kriege jetzt eine Therapie bezahlt. Da ist ein riesen Rattenschwanz hinter und ich glaube, wir tun gut daran, uns diese Dinge genau anzuschauen. Das heißt natürlich trotzdem nicht –genau, wie wir das hier auch nach jeder Folge machen –  nicht auch gemeinsam nachzudenken, wie man eine gesündere Form der Nutzung bewerkstelligen kann.

Woran erkennt man eine Mediensucht?

Saskia Rößner: Dann erzähl uns doch mal, wie man zu einer gesünderen Nutzung kommen kann. Hast du auch in dieser Folge wieder einen Tipp zur Selbsthilfe für uns?

Christian Montag: Ja, bevor ich auf den Tipp zu sprechen komme, vielleicht trotzdem noch etwas, was auch mit den Tipps zu tun hat. Noch mal kurz ein Gedanke darüber, woran man denn – wenn es eine wäre – eine Sucht erkennen könnte. Es wird momentan diskutiert, ob wir tatsächlich das klassische Rahmenwerk der Gaming Disorder – wo man ja nicht einfach eins zu eins die Dinge aus den substanzgebundenen Formen der Suchtbereiche übernommen hat – auf den exzessiven Konsum von sozialen Medien übertragen kann. Das wäre dann Priorisierung. Also mein ganzer Alltag dreht sich um soziale Medien und zentrale Lebensaufgaben geraten in den Hintergrund. Denen gehe ich nicht mehr nach. Ich mache weiter, obwohl es schon zu ersten Einschlägen kommt. Wir stellen uns vor, jemand bleibt bis tief in die Nacht im Feat und verschläft morgens eine wichtige Klausur.

Was lernt er/sie daraus? Nichts. Macht einfach weiter mit dem Verhalten. Ein weiterer wichtiger Bereich ist der Kontrollverlust. Ich will eigentlich reduzieren, aber mir gelingt es persönlich vielleicht nicht mehr. Das wäre auch ein Indiz. Eines dieser Symptome reicht nicht aus. Die müssten alle erfüllt werden. Und dann ist glaube ich das Wichtigste – das hat auch ein bisschen mit dieser Unbelehrbarkeit zu tun, die ich eben genannt habe – dass das Verhalten so exzessiv sein muss, dass es echt was macht. Also da zerbricht was im Alltag. Wir wollen ja keine Alltagshandlungen pathologisieren.

Tipps zur Selbsthilfe gegen hohe Bildschirmzeit: Analoge Armbanduhr und Wecker

Christian Montag: Wenn wir über eine gesündere Form der Nutzung sprechen, geht es glaube ich darum, dass wir – um auch diesem Kontrollverlust zum Beispiel was entgegenzusetzen – unseren Alltag besser strukturieren müssen. Wie gelingt das? Die Industrie versucht, uns in jeder freien Minute auf die Plattform zu bringen. Wie kann ich das ändern? Ich kann natürlich Änderungen in Apps vornehmen, aber ich kann auch was anderes machen, um meinen Alltag besser zu strukturieren. Ich kann eine Armbanduhr tragen oder einen klassischen Wecker haben. Warum ist das möglicherweise gut? Viele kennen das vielleicht: Ich habe keine Armbanduhr, will aber die Uhrzeit wissen, also hole ich das Smartphone raus. Der Klassiker. Ich will nur die Uhrzeit checken, habe das Gerät aber schon in der Hand und denke mir jetzt „Nur mal kurz bei den sozialen Medien vorbeischauen“. Das ist ein automatisches Verhalten; ich mache was, was ich eigentlich gar nicht machen wollte.

Saskia Rößner: Ich fühle mich ertappt.

Christian Montag: 20 Minuten später stecke ich das Gerät weg und weiß die Uhrzeit immer noch nicht genau.

Saskia Rößner: Das passiert mir so häufig.

Christian Montag: Man darf nicht vergessen, dass ich eine klassische Armbanduhr meine, keine Smartwatch. Wir haben das auch in einer neuen Studie von uns gesehen. Wir reden nicht über die Smartwatch.

Saskia Rößner: Weil die auch die Notifications macht.

Christian Montag: Die klassische Armbanduhr, wo jetzt keine Botschaften durchgesteckt werden können, strukturiert den Alltag. Dann lasse ich das Gerät eher mal stecken. Das hilft auch passend zu dem Gedanken, den wir schon mal in einer der letzten Folgen hatten, das Gerät nicht im Schlafzimmer zu haben, sondern zum Beispiel auf einen klassischen Wecker zu bauen. Dann schaffe ich mir tatsächlich einen Raum, wo ich nicht so einfach auf das Gerät zugreifen kann und wieder etwas mache, was ich nicht machen wollte.

Saskia Rößner: Das sind doch zwei super einfache Tipps, leicht umzusetzen. Ich glaube, das mit der Armbanduhr sollte ich mal ausprobieren. Danke dafür!

Mehr zum Thema Social-Media-Sucht

Saskia Rößner: Wenn ihr da draußen noch mehr Tipps zur Selbsthilfe braucht, dann schaut doch mal auf unserer Website vorbei: www.webcare.plus. Dort findet ihr außer Selbsthilfetipps auch noch professionelle Hilfe-Angebote, wenn ihr alleine nicht weiterkommt. Wenn ihr noch Fragen habt, die ihr zum Beispiel an Christian stellen wollt, dann kommt in unser Webinar am 05.11.2026 um 15:00 Uhr. Die Anmeldung funktioniert auch über die obenstehende Website. Wenn euch die Folge gefallen hat, zum Beispiel weil ihr hier jemanden erkannt habt, der sich das mal anhören sollte, dann teilt die Folge doch gerne mit der Person. Lasst eine gute Bewertung da und vergesst nicht den Podcast zu abonnieren, damit ihr die nächste Folge nicht verpasst.

Wir haben uns heute die Frage gestellt, ob es Social-Media-Sucht überhaupt schon gibt. Aber wir alle haben zumindest vielleicht so ein bisschen die Vermutung, dass es außerhalb der Sucht vielleicht noch den einen oder anderen Faktor gibt, der nicht ganz so gesund an Social Media ist. Deswegen stellen wir uns nächste Woche die Frage, ob Social Media uns krank macht und wenn ja, wie?
Bis dahin, ciao.


Online-Veranstaltung mit Prof. Dr. Christian Montag

Link zur Online-Veranstaltung am 5. November 2026

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