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Handy am Steuer: Person hält Smartphone neben der Schaltung.

Wie gefährlich ist das Handy am Steuer?

Lesezeit 8 Minuten

Während des Autofahrens sollen wir auf die Straße gucken, das ist uns allen klar. Dennoch können wir häufig nicht die Finger von unseren Smartphones lassen und fahren mit Handy am Steuer. Nur mal kurz Benachrichtigungen prüfen, E-Mails lesen, im Messenger schreiben oder telefonieren. Merkt schon keiner. Passiert schon nichts. Oder?

64 Prozent der deutschen Bevölkerung nutzen zumindest hin und wieder ihr Handy am Steuer – ob im Stau, an der roten Ampel, im Stadtverkehr, auf der Landstraße oder auf der Autobahn.

  • Bei den 18- bis 44-Jährigen sind es sogar 81 Prozent
  • Die 45- bis 59-Jährigen liegen mit 66 Prozent nah am Durchschnitt
  • Die Generation 60+ hingegen ist vorsichtiger (38 Prozent)
Handy am Steuer: Im Stau greifen viele zum Smartphone.

Nicht nur Smartphones lenken beim Autofahren ab…

Alle Verkehrsteilnehmer*innen machen Fehler, sagt Psychologe Prof. Dr. Rüdiger Trimpop von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Warum ist das so? Eine bedeutende Rolle spricht er der Ablenkung zu.

Im Radio den Lieblingssender suchen. Mit dem Navigationssystem die schnellste Route finden. Eine Zigaretten drehen und rauchen. Etwas essen oder trinken. Im Auto lassen sich viele von uns leicht ablenken. Das Handy ist da nur ein Bespiel unter vielen. Oder ist bei dem Kommunikationsmittel irgendetwas anders?

…aber das Handy am Steuer lenkt am stärksten ab

Ja, sagt Prof. Dr. Mark Vollrath, Verkehrspsychologe an der Technischen Universität Braunschweig. Dass das Smartphone unter allen Ablenkungsfaktoren eine Sonderrolle spielt, habe zwei Gründe:

  • Das Smartphone ist in Deutschland die häufigste Ablenkung beim Autofahren.
  • Das Handy hat ein vielfach höheres Unfallrisiko als andere Ablenkungsfaktoren.

Tippen ist dabei viel gefährlicher als Telefonieren, warnt Prof. Dr. Mark Vollrath. Wir würden beim Autofahren aber häufiger auf dem Smartphone tippen als zu telefonieren. Das kann man unterhalb der Autoscheibe machen und fällt von außen nicht so schnell auf. Die gefährlichere Art der Ablenkung ist also häufiger als die ungefährlichere. Gefährlich sind und bleiben jedoch beide.

Stop-Schild: Mit dem Handy am Steuer ist man abgelenkt.

Warum glauben wir, dass das Handy am Steuer nicht schlimm ist?

Prof. Dr. Mark Vollrath erklärt, warum wir trotz Risikobewusstsein nicht die Finger von unseren Smartphones lassen können: „Das Problem liegt darin, dass der sichere Verkehr [in Deutschland] dazu führt, dass man als Fahrer*in ständig die gegenteilige Erfahrung macht. Man ist zwar visuell abgelenkt. Trotzdem passiert kein Unfall. Das liegt aber nicht daran, dass die Ablenkung ungefährlich ist, sondern daran, dass der Verkehr so sicher ist. Man muss sich als Fahrer*in immer wieder klarmachen, dass diese erlebte Sicherheit trügerisch ist.

Man fährt nicht sicher, obwohl man abgelenkt ist. Man hat nur Glück, dass meistens nichts passiert!“

Wir schätzen unsere Sicherheit also höher ein, als sie in Wirklichkeit ist. Immerhin fahren wir bei einem kurzen Blick auf das Smartphone dutzende Meter blind. In dieser Zeit kann viel passieren.

Dass unsere Einschätzung weit daneben liegen kann, zeigt auch dieses Experiment: Acht Personen sollten eine Teststrecke mit aufkommenden Hindernissen mit dem Auto abfahren und dabei eine Nachricht in ihren Messenger eintippen. Das Ergebnis: Keine*r der Testfahrer*innen hat es mit dem Handy in der Hand unfallfrei durch die Teststrecke geschafft. Die Fahrer*innen selbst waren schockiert von ihren Erlebnissen. Hier ihre Reaktionen.

Person hält Handy beim Autofahren in der Hand.

Wie wirkt sich Lesen und Schreiben von Nachrichten auf das Fahrverhalten aus?

Dieser Frage sind Monika Pilgerstorfer (Kuratorium für Verkehrssicherheit) und Sofie Boets (Belgian Road Safety Institute) nachgegangen. Ihr Ergebnis: „Insgesamt zeigten sich deutliche Auswirkungen auf das Fahrverhalten und folglich auf das Unfallrisiko. Trotz deutlicher Reduktion der Geschwindigkeit wichen die Teilnehmenden signifikant mehr von der Spurmitte ab. Sie reagierten deutlich langsamer oder nicht rechtzeitig auf kritische Ereignisse, Das führte auch zu mehr Unfällen.“

Jede*r zweite Autofahrer*in gab in einer repräsentativen Befragung des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) an, durch Ablenkung schon einmal in eine brenzlige Situation geraten zu sein. In der Schweiz werden „Unaufmerksamkeit und Ablenkung“ als eigene Unfallkategorie geführt. Sie machten im Jahr 2013 rund 30 Prozent der Unfälle aus, bei denen Personen verletzt oder getötet wurden. Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) geht von einer ähnlichen Verteilung aus. In Deutschland kann die Unfallursache „Ablenkung“ oder „Handy am Steuer“ noch nicht in die Polizei-Formulare eingetragen werden. Daher gibt es hierzulande auch keine verlässlichen Zahlen.

Handy am Steuer hat Konsequenzen – auch für Radfahrende

Selbst wenn kein Unfall passiert, kann die Handynutzung am Steuer negative Folgen haben. Denn die Bedienung eines elektrischen Geräts ist während des Fahrens verboten. Das gilt für Handys, aber auch für Tablets, Laptops und Navigationssysteme. Nicht nur Autofahrer*innen sind von diesem Verbot betroffen. Radfahrer*innen müssen sich ebenfalls vorrangig auf den Straßenverkehr konzentrieren.

Wer dagegen verstößt und erwischt wird, muss Geldstrafen zahlen, bekommt Punkte in Flensburg und unter Umständen sogar ein Fahrverbot. Wenn ein Unfall passiert, kann bei Ablenkung durch das Smartphone teilweise auch die Auto-Versicherung streiken. Die Unfallschäden müssen abgelenkte Verkehrsteilnehmer*innen in der Regel vollständig oder zumindest anteilig selbst zahlen.

Rechtliche und finanzielle Folgen oder Sachschäden sollten aber nicht die Hauptmotivation dafür sein, das Handy beim Autofahren beiseite zu lassen. Wir sollten nicht vergessen, dass wir in einer einzigen unachtsamen Sekunde Menschen verletzen können. Uns selbst und andere. Freund*innen, Familie oder Fremde. Leicht, schwer oder tödlich.

Daher: Finger weg vom Handy während der Autofahrt! Damit Du gar nicht erst in Versuchung kommst, lass Dein Smartphone am besten in der Tasche und stelle Klingeln und Vibration aus. Niemand muss immer erreichbar sein. So kannst Du Dich ganz auf die Straße konzentrieren.

PS: Falls Du Deine Smartphone-Zeit generell reduzieren möchtest, haben wir hier einige Tipps für Dich zusammnegestellt.

(Fotos: pexels/Pixabay, Nabeel Syed/Unsplash, inproperstyle/Pixabay, thedigitalway/Pixabay, rico_loeb/Pixabay)

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