Blog

Nicolas Hoberg im Podcast Videospielsucht verstehen

Videospielsucht verstehen: Welche Rolle spielt das persönliche Umfeld? (S02E03)

29 April 2026

Lesezeit 9 Minuten

Information: Das hier ist das Transkript zu einer Podcastfolge. Wenn du die Podcastfolge stattdessen lieber anhören oder ansehen möchtest, findest du die Links dazu am Ende des Textes.

Saskia Rößner: Herzlich willkommen zu „Videospielsucht verstehen“ der zweiten Staffel von „Mediensucht verstehen“, dem Podcast der Hessischen Landestelle für Suchtfragen, gefördert durch die Techniker Krankenkasse in Hessen. Mein Name ist Saskia Rößner. Mit mir hier im Studio sind heute Nicolas Hoberg und Benjamin Strobel von Behind the Scenes.

Wir haben uns letzte Woche schon gemeinsam angeguckt, welche Faktoren es bei einem persönlich geben kann, die vielleicht das Risiko erhöhen, eine Videospielsucht zu entwickeln. Heute weiten wir unseren Blick mal weg von uns selbst und aus auf unser persönliches Umfeld. Denn auch da hat die Wissenschaft herausgefunden, dass es durchaus den einen oder anderen Faktor gibt, der uns anfälliger für die Entwicklung einer Sucht machen kann. Was genau gucken wir uns denn dazu heute an?

Familiäre Probleme erhöhen Risiko für Videospielsucht

Benjamin Strobel: Wenn wir uns das Umfeld ansehen, würde ich mit dem familiären Umfeld starten. Der Risikofaktor wäre hier familiäre Probleme. Familie ist ein großes Thema. Mehr oder weniger haben wir alle eine. Als Kinder und Jugendliche sind wir sozusagen an unsere Familie gebunden. Wir können uns die auch erst mal nicht aussuchen. Als Eltern haben wir Verpflichtungen gegenüber unseren Kindern. Wir haben ein starkes Sozialgefüge von mehreren Personen, wo es viele Probleme geben kann.

Ein Kennzeichen davon ist, dass man vor diesem Problem so schlecht flüchten kann, weil man eben meistens sehr stark an seine Familie gebunden ist – meistens auch räumlich. Man lebt zusammen, hockt aufeinander und kann vor diesen Problemen nicht weg. Wenn ich im Sportverein Probleme habe, kann ich den Verein wechseln. Mit der Familie und dem Gegenüber ist es nicht ganz so leicht.

Dahingegen sind Computerspiele Orte, die ich selbst wählen kann. Die Familie darf ich nicht auswählen, da bin ich einfach dabei. Aber ein Spiel, vielleicht auch das Thema und mit wem ich spiele, kann ich mir selbst aussuchen. Da habe ich einen großen Raum für Alternativen. Das Thema Eskapismus: In eine alternative Welt, in der es weniger Probleme gibt, fliehen.

Saskia Rößner: Jetzt sind die aus der Familie nicht die einzigen Menschen, mit denen wir zu tun haben. Mir fallen zum Beispiel noch Freund*innen ein.

Freundschaftliche und romantische Beziehungen als Ressourcen gegen Videospielsucht

Nicolas Hoberg: Genau. Wenn man sich das Umfeld einer spielenden Person anschaut und von innen nach außen geht, dann ist im innersten Zirkel die Familie. Dann geht man ein bisschen weiter und schaut, in welchem sozialen Umfeld sich Spielende und auch Menschen, die potenziell von einer Videospielabhängigkeit betroffen sind, bewegen. Früher oder später wird man bei Freundschaften und auch partnerschaftlichen Beziehungen landen. Auch hier gilt wie für die familiären Beziehungen, dass diese je nach Situation in der Ausgestaltung ein Schutzfaktor, eine Ressource darstellen können, die einen davor schützen kann, eine Videospielabhängigkeit zu entwickeln. Aber es gibt auch Konstellationen, die sich negativ auf diese Wahrscheinlichkeit auswirken können.

Videospiele können im Bereich von Freundschaften ein verbindendes Glied sein, das Freunde zusammenhält – ein gemeinsames Hobby, das teils über Jahre gepflegt wird. Manche Freundschaften definieren sich sogar über diese geteilte Leidenschaft für dieses Medium. Ähnliches findet sich teilweise auch in partnerschaftlichen Beziehungen, die einerseits im Rahmen der Videospiele angebahnt werden – tatsächlich also Menschen, die sich in Online-Spielen das erste Mal treffen – und dann eine Beziehung eingehen, entweder romantischer oder freundschaftlicher Natur, aber auch Faktoren, die diese Freundschaften und Beziehungen aufrechterhalten können. Das ist der positive Faktor, der Optimalfall, in dem Videospiele eher eine Chance darstellen können.

Aber es gibt natürlich auch genau die andere Seite der Medaille. Es gibt Konflikte in Freundschaften und auch in Partnerschaften. Einerseits welche, die nichts mit Videospielen zu tun haben, andererseits auch konkret an dem Thema Videospiele entlang. Konflikte zum Beispiel, wenn der Partner oder die Partnerin sehr viel Zeit vor der Spielkonsole oder vor dem PC verbringt und sich der andere Partner oder die Partnerin mehr gemeinsame Zeit wünscht. Das ist so ein typischer Konfliktpunkt. Auch Freundschaften können über Videospiele belastet werden.

Konflikte in Partnerschaften und Freundschaften

In diesen Fällen – sobald ein Konflikt da ist – kommt es ganz darauf an, wie ich damit umgehe, vor allem, wenn er in so einem sozialen Nahfeld stattfindet. Es gibt dann durchaus Entwicklungen, Konstellationen, bei denen man sagt „Mit diesen Schwierigkeiten will ich mich gerade nicht beschäftigen. Ich ziehe mich zurück aus dieser Beziehung zur Partnerin, zum Partner, zu den Freund*innen“. Und wohin ziehe ich mich zurück? Ja, dann erscheinen die Videospiele auf einmal als ein attraktiver Rückzugsort, an dem ich diese Konflikte von mir fernhalten kann. Wo ich Ablenkung erfahre, wo ich zumindest für einen begrenzten Zeitraum diesen Konflikten aus dem Weg gehen kann.

Das ist häufig kein langfristig oder mittelfristig produktiver Umgang mit diesen Konflikten. Die lösen sich nicht von allein auf, dadurch dass ich sie einfach zur Seite schiebe. Kurzfristig können sie einen jedoch entlasten. Wenn ich durch diese Konflikte extrem belastet bin, kann es sein, dass ich auch keinen guten Umgang, keine gute Lösung für meine partnerschaftlichen Probleme finde. Dann kann es auch wieder eine kurzfristige Ressource sein.

Wir sehen also, hier gilt wie für viele Themen, die wir hier im Rahmen des Podcasts in dieser Staffel behandeln, Videospiele haben zwei Seiten an sich: Sie können in bestimmten Situationen tatsächlich ein positives Potenzial für einen selbst und für die eigene mentale Gesundheit entfalten, und in anderen Situationen können sie sich eher negativ auf unsere Gesundheit auswirken und sogar das Risiko für eine Sucht erhöhen.

Saskia Rößner: Alles eine Frage der Balance.

Schule, Studium, Ausbildung, Job:
Frustrationen im Reallife durch Gaming abbauen

Benjamin Strobel: Das gilt nicht nur für Familie und Freundschaften, sondern auch für Arbeit und Beruf, und vielleicht für die Schule und das Studium. Hier haben wir nämlich genau die gleiche Situation, dass wir Konfliktpotenziale haben, dass wir Probleme und Stress bei der Arbeit haben. Das kann einerseits wieder diese Form der sozialen Komponente annehmen, dass es darum geht, eine Frustration im sozialen Miteinander abzubauen, weil man nicht gut zurechtkommt, oder man findet vielleicht bei der Arbeit oder in der Schule nicht viele Freund*innen oder gute Kontakte und fühlt sich da auf der sozialen Ebene nicht gut angesprochen.

Es kann natürlich aber auch sein, dass der Stress mehr aus der Arbeit selbst hervorgeht. Vielleicht haben wir eine Situation, in der wir viel arbeiten müssen und kein Erfolgserlebnis haben, wo wir frustriertes Kompetenzerleben haben. Eigentlich ist die Arbeit ein Bereich, wo wir eigene Fähigkeiten irgendwie einbringen oder auch erwerben, und wenn das nicht so gut funktioniert, dann ist Arbeit auch wieder ein Ort, der zwar ein Stück weit selbst gewählt ist, aus dem ich aber nicht so leicht einfach rein und rausgehen und die Arbeit wechseln kann. Ich kann nicht einfach kündigen, weil ich vielleicht meinen Verdienst, mein Einkommen daran so stark geknüpft habe, dass ich deswegen vielleicht auch in dieser Situation verbleiben muss, obwohl ich das gerade gar nicht so gerne möchte.

Da treten Spiele wieder als Alternative auf – gerade auch, um dieses frustrierte Bedürfnis aufzufangen. Bei Spielen konzentriere ich mich auf eine Sache, wo ich was erreiche, wo was passiert, wo ich Erfolge habe. Und wie von alleine dreht sich in meinem Kopf dann alles viel, viel mehr ums Spiel. „Ja, das schaffe ich“, „ja, da passiert was.“ Meine Gedanken für das Spiel werden größer und ich beschäftige mich weniger mit den anderen Lebensbereichen, weil die eben frustrierend oder stressig sind. Aber diese gedankliche Vereinnahmung ist natürlich auch schon wieder ein Risikofaktor, eine Sucht zu entwickeln, weil man sich immer nur noch auf das Spiel konzentriert.

Saskia Rößner: Das sind ja schon mal sehr große – ich nenne es mal – Lebenswelten, in denen wir uns bewegen. Familie, Partnerschaft, Freundschaft und dann noch die Lebenswelt, wo ich mich gerade beruflich befinde: Schule, Ausbildung, Studium, Job, Weiterbildung etc. Gibt es denn auch Faktoren in unserem sozialen Umfeld, die über alle Lebenswelten hinweg greifen? Wo es uns vielleicht auch schlecht mit geht und wo uns Spiele helfen oder halt auch nicht helfen können?

Ausgrenzung erfahren und sich ins Videospiel flüchten

Nicolas Hoberg: Wenn wir die Idee verfolgen, dass es Faktoren in unserem Umfeld gibt, die sich einerseits förderlich oder eben schädlich auf uns auswirken können, dann setzt das voraus, dass wir Zugang zu diesen unterschiedlichen Bereichen, Ressourcen oder potenziell schädlichen Faktoren haben. Aber dieser Zugang kann uns auch verwehrt werden. Das kann zum Beispiel einerseits sein, dass wir eben keinen Zugang zu freundschaftlichen Beziehungen oder zu partnerschaftlichen bekommen aufgrund individueller Faktoren, wie wir in der vergangenen Folge besprochen haben. Ich bin schüchtern, oder ich kann mich nicht so leicht öffnen, nicht so leicht Freundschaften schließen. Aber vielleicht leide ich auch unter einer körperlichen oder geistigen Erkrankung, die mich davon abhält, ein Umfeld aufzusuchen, in dem ich zum Beispiel meine Bedürfnisse befriedigen und viele dieser Schutzfaktoren genießen kann.

Aber es gibt auch Fälle, wo das Umfeld einen aktiv von der Nutzung dieser Ressourcen ausschließt, im Sinne von Ausgrenzungserfahrungen, die viele Menschen machen – einerseits im familiären Bereich, andererseits in den Bereichen Partnerschaft, Freundschaft und auch im beruflichen Umfeld. Das kann einen Faktor darstellen, der sich negativ auf unsere Gesundheit auswirken kann, weil Menschen eigentlich das Bedürfnis nach sozialer Verbundenheit haben. Und wenn ihnen diese Verbundenheit versagt wird, sie sich sogar vielleicht aktiv weggestoßen fühlen, ausgegrenzt fühlen, dann ist dieses Bedürfnis frustriert. Dann ist unsere mentale Gesundheit mittelfristig gefährdet.

Dann kann es sein, dass Videospiele auf einmal wieder als attraktive Ressource erscheinen, mit diesen schwierigen Gefühlen umzugehen. Dann flüchten wir uns vielleicht in die Spiele, um uns von diesen Ausgrenzungserfahrungen zumindest für einen kurzen Moment loszusagen. Denn das sind häufig sehr schwierige Gefühle, die da eine Rolle spielen. Niemand mag es, sich ausgegrenzt zu fühlen.

Man fühlt sich oftmals auch ohnmächtig. Dann kommen Videospiele daher, die einen mit so einer gewissen Fantasie von Macht auch versorgen können. Ich habe hier einen starken Charakter, der die ganze Welt retten kann und sich die Welt zum Untertan machen kann. Und dieser Fantasie nachzuhängen, kann eine Art Ausgleich zu der Ohnmacht und der Machtlosigkeit sein, die man oftmals in solchen Ausgrenzungssituationen fühlt.

Armut als Risikofaktor für Videospielsucht

Saskia Rößner: Reichtum, Macht und Geld. Da sind wir auch direkt schon beim nächsten Punkt, oder? Ich glaube zum Thema Geld müssen wir auch noch mal was sagen.

Benjamin Strobel: Worauf du anspielst, ist das Thema Armut. Das ist ein sehr wichtiges Thema, was auch immer aktueller wird. Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer. Wir haben viele Menschen, die in Armut leben und dieser Risikofaktor funktioniert immer ein bisschen anders als die anderen, über die wir bisher gesprochen haben. Da haben wir häufig über frustrierte Bedürfnisse gesprochen. Die haben wir natürlich bei der Armut auch, weil wir uns ganz viele Bedürfnisse, die wir haben, nicht erfüllen können, weil wir uns das nicht leisten können.

Da geht es manchmal schon um einfache Dinge wie Essen, Trinken, Miete bezahlen, über die Runden kommen, und genau das ist etwas, was sich quasi wie ein Schleier über den Menschen legt, weil man davon nicht wegkann und ständig darüber nachdenken muss. Ich muss immer überlegen „Oh, kann ich das Geld jetzt noch ausgeben? Muss ich das für was anderes sparen?“, „Schaffe ich es jetzt irgendwie noch? Wie komme ich bis ans Ende des Monats mit so wenig Geld?“

Diese ständigen Gedanken, die sich hier um das Überleben und das Management dieser Ressource von Geld drehen, sind eine ständige Belastung fürs Gehirn. Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen IQ-Punkte verlieren, wenn sie in Armut leben, dass sie schlechtere Ergebnisse in Intelligenztests bekommen. Sie verlieren diese IQ-Punkte natürlich nicht wirklich; sie werden nicht dümmer. Ihre Leistung wird lediglich schlechter, weil die Kapazität ihres Gehirns schon anderweitig aufgebraucht ist. Nämlich, sich die ganze Zeit damit zu beschäftigen, wie man über die Runden kommt und dadurch bleibt weniger Kapazität, weniger Energie, um andere Sachen zu bewältigen.

Das heißt aber auch, dass wir diesen Impulsen zum Beispiel viel, viel schlechter widerstehen können. Uns fehlen diese kognitiven Kapazitäten, den Appellen des Spiels bzw. all diesen Impulsen, die sich mir aufdrängen oder vom Spiel erzeugt werden – noch eine Runde zu spielen oder Items zu kaufen, usw. – zu widerstehen. Dafür habe ich einfach viel, viel weniger Ressourcen zur Verfügung. Deswegen ist das ein übergreifender Risikofaktor, der paradoxerweise dazu führen kann, dass ich vielleicht mehr Geld in Spielen ausgebe, weil ich mich den Kaufappellen weniger erwehren kann. Darüber sprechen wir noch mal in einer anderen Folge. Aber vor allem auch, dass ich mich gegenüber den suchthaften Impulsen schlechter wehren kann.

Medienkompetenz als Schutzfaktor gegenüber Videospielsucht

Saskia Rößner: Könnte Medienkompetenz da helfen?

Nicolas Hoberg: Ich glaube, Medienkompetenz ist ein wichtiger Schlüsselbegriff im Zusammenhang mit dem Thema der Mediensucht, weil dahinter der Gedanke steht: Kompetent im Umgang mit Medien ist letztendlich auch diejenige Person, die weiß, welche Medien in welcher Situation ihr guttun und welche ihr schaden. Das heißt, die Auswahl und die Art des Konsums, spielen alle eine große Rolle.

Medienkompetenz ist gewissermaßen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Thema dieses Umfelds hat auch eine gesellschaftliche Ebene. Wenn wir den Blick vom nahen Umfeld, Familie, Freundschaften und so weiter loslösen und schauen, welchen Einfluss die Gesellschaft auf unseren Umgang mit Spielen hat, dann stellen wir fest, dass sich oftmals schon in unserer Sprache ein gewisser problematischer Gebrauch verschiedener Wörter eingenistet hat.

Saskia Rößner: „Dieses Spiel macht süchtig!“

Nicolas Hoberg: Genau! Das wird auf einmal in Werbung als positiver Marketingpunkt verwendet. Oder ein Spiel oder eine Serie übers Wochenende „weg gesuchtet“ zu haben, wird nicht zwangsläufig als etwas Negatives betrachtet, sondern hat in vielen Kontexten eine positive Konnotation. Das kann problematisch sein, weil es ein Verhalten normalisiert, das eigentlich unserer Gesundheit – je nachdem, mit wie vielen Risikofaktoren ich so ausgestattet bin – eher nicht zuträglich ist. Da muss man auch als Gesellschaft schauen, wie wir mit diesem Thema umgehen wollen. Zum Beispiel gegebenenfalls auf unseren Sprachgebrauch achten.

Das ganze Thema hat noch viele Facetten, z.B. Vorbilder in der Gesellschaft. Wir haben Influencer*innen, die mit Videospielen ihr Geld verdienen, die sich spielend im Internet präsentieren und dabei oftmals wirklich hochproblematisches Verhalten normalisieren, wie zum Beispiel in sogenannten Casino-Streams, wo Menschen Glücksspiel betreiben, sich dabei filmen und das ins Internet ausstrahlen. Viele Personen konsumieren das unkritisch und deren Verhalten und deren Verhältnis zu potenziell gefährdenden Aspekten von Videospielen verändert sich negativ.

Selbsthilfetipp Nr. 1:
Bedürfnisse ansprechen und Grenzen ziehen

Saskia Rößner: Ich würde den Blick gerne wieder von der gesellschaftlichen Ebene runter zu uns holen. Ich habe als Einzelperson ja nur sehr begrenzte Möglichkeiten, die Gesellschaft zu verändern. Ich habe auch nur begrenzte Möglichkeiten, mein Umfeld zu verändern. Ich kann mich nicht einfach von jemand anderem adoptieren lassen, wenn meine Eltern schlechte Vorbilder sind, was Mediennutzung angeht. Aber was kann ich denn als Einzelperson für mich tun, wenn ich merke, ich habe irgendwo Probleme im Umfeld und neige dazu, das mit Zocken wegzuschieben? Was kann ich machen? Was habt ihr für Tipps zur Selbsthilfe, damit ich mich schützen kann?

Benjamin Strobel: Wie du schon sagst, wir können jetzt nicht beliebig unser Umfeld verändern und umgestalten. Wir können es versuchen, aber wir haben nur begrenzten Einfluss darauf, was da passiert. Wir haben aber immer einen Einfluss darauf, wie wir damit umgehen, wie wir darauf reagieren wollen. Wir haben schon in den anderen Folgen darüber gesprochen, sich über die eigenen Bedürfnisse Gedanken zu machen.

Hier würde ich für das Umfeld noch einen Schritt weitergehen. Nicht nur sich selbst darüber klar werden, sondern auch mit dem Umfeld darüber kommunizieren, die Sachen ansprechen, die einem Probleme machen. Das kann dabei helfen, diese Probleme in der Familie, Partnerschaft und anderen Bereichen anzugehen, indem man sie überhaupt erst mal anspricht, sagt „ich fühle mich unwohl damit“ oder auch mal Grenzen zu ziehen, zu sagen „das tut mir gerade nicht gut. Es wird mir gerade zu viel. Wir treffen uns ein anderes Mal oder wir setzen das ein anderes Mal fort. Ich brauch eine Pause“. Also zu schauen, was ich brauche und das auch mit dem Umfeld zu kommunizieren.

Das kann zumindest den Stein ins Rollen bringen, die Probleme tatsächlich anzugehen, zu verändern. Denn wenn ich mich nur zurückziehe, ändert sich an den Problemen mit dem Umfeld leider erst mal nichts. Da kann eine Möglichkeit sein, sich damit auseinanderzusetzen, in Interaktion mit den anderen zu gehen.

Selbsthilfetipp Nr. 2:
Soziales Umfeld wechseln

Nicolas Hoberg: Du sagst ganz richtig, dass man viele der Umweltfaktoren nicht verändern kann, dass man wenig Einfluss darauf hat. Trotzdem lohnt es sich, in dem Zusammenhang auf die Aspekte der eigenen Umwelt zu blicken, auf die man den Einfluss hat. Und das ist manchmal nicht zu unterschätzen, mündet aber manchmal auch in recht radikalen Handlungsempfehlungen.

Wenn ich einen Freundeskreis habe, der sich durch einen problematischen Umgang mit Videospielen auszeichnet, kann ich überlegen, ob ich mir andere Freund*innen suche. Das ist erst mal leicht gesagt und das klingt ziemlich radikal, aber dort gibt es manchmal Spielräume, die man nutzen kann. Vielleicht hat man mehrere Freundeskreise und der eine hat einen weniger problematischen Umgang als der andere. Hier gibt es kleine Spielräume, die ich nutzen kann.

Die Idee ist, dass ich mir die Umwelt, so gut ich es kann, in dem Rahmen, der mir zur Verfügung steht, versuche, aktiv zu gestalten und mich mit Dingen zu umgeben – auch mit Freundschaften, mit Beziehungen – die mir guttun und die mir nicht noch zusätzlich schaden und vielleicht mein Problem mit einer Videospielabhängigkeit noch verstärken. Das ist ein schwieriger Schritt und dafür gibt es – das werden wir in einer späteren Folge noch mal intensiv besprechen – auch Hilfsangebote, die man wahrnehmen kann, die einen bei solchen schwierigen Entscheidungen unterstützen. Die Spielräume, die es gibt, zu erkennen und zu nutzen, kann ein Weg sein, wie man etwas für das eigene Wohlbefinden tun kann.

Videospielsucht verstehen: Weitere Infos

Saskia Rößner: Verschiedene Hilfsangebote und auch verschiedene Wege durch das Hilfesystem gucken wir uns in der zehnten Folge dieser Staffel an. Wenn ihr euch erst mal weitere Tipps zur Selbsthilfe wünscht, dann guckt doch auf www.webcare.plus vorbei. Dort findet ihr Selbsthilfe-Tipps, aber auch professionelle Hilfe Angebote.

Wenn ihr Fragen an unsere beiden Experten hier habt, dann kommt doch am 26.06.2026 zu unserer Online Veranstaltung. Da könnt ihr alle eure Fragen an die beiden hier stellen und kompetente Antworten erhalten. Falls ihr jemanden oder jemandes Umfeld in dieser Folge wiedererkannt habt, dann teilt die Folge gerne mit dieser Person. Lasst gern ein Abo da oder ein Link und wir sehen uns nächste Woche wieder. Bis dann!


Seminar mit Behind the Screens

Link zur Online-Veranstaltung am 26. Juni 2026

Podcast anhören oder ansehen:

Benjamin Strobel im Podcast Videospielsucht verstehen Videospielsucht verstehen: Wer ist besonders anfällig? (S02E02)
Diesen Artikel Teilen auf:
Interessante Beiträge

Du hast Fragen oder Anregungen?

Schreib uns gerne eine Nachricht, wir helfen Dir weiter.