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Benjamin Strobel im Podcast Videospielsucht verstehen

Videospielsucht verstehen: Gaming ohne Ende (S02E07)

27 Mai 2026

Lesezeit 8 Minuten

Information: Das hier ist das Transkript zu einer Podcastfolge. Wenn du die Podcastfolge stattdessen lieber anhören oder ansehen möchtest, findest du die Links dazu am Ende des Textes.

Saskia Rößner: Herzlich willkommen zu „Videospielsucht verstehen“ der zweiten Staffel von „Mediensucht verstehen“, dem Podcast der Hessischen Landestelle für Suchtfragen, gefördert durch die Techniker Krankenkasse in Hessen. Mein Name ist Saskia Rößner und mit mir hier im Studio sind Benjamin Strobel und Jessica Kathmann-Rosenthal von Behind the Screens. Wir untersuchen heute Unendlichkeit in Spielen. Also ihr beiden: Gaming ohne Ende oder was?

Unendliche (?) Open World Games

Jessica Kathmann-Rosenthal: Ja, so ungefähr. Das Gefühl habe ich gerade auch. Ich habe mich mal wieder in ein Rollenspiel begeben, wo ich ganz stark dieses Gefühl habe. Und zwar habe ich mich mit dem „The Elder Scrolls: Oblivion“ Remake beschäftigt – ein großes Rollenspiel, sehr große Spielwelt. Es gibt natürlich Spiele mit noch viel größeren Welten, aber schon da habe ich wieder gedacht, man hat eine riesige Karte vor sich – eine Fantasywelt, die mir offensteht, in die man reinkommt und weiß, so viel ist unerforscht. Ich fange an, mich von Gebiet zu Gebiet zu bewegen. Da gibt es ganz viele Höhlen und Minen und Dinge, die ich irgendwie erforschen kann. Ich komme in irgendwelche Städte und da gibt es dann Quests. Ich kriege irgendwelche Aufgaben – irgendwelche NPCs (Non Player Character = Nebenfiguren), erzählen mir, „Hier, kannst du dich um das kümmern?“ Es gibt irgendwelche Aushänge in The Witcher oder oder…

Also ganz viele Möglichkeiten, was ich in so Spielen tun kann und die Liste wird immer länger. Es gibt in vielen Spielen Questlogs, in denen gesammelt wird, was man da alles machen kann. Das Ding wird immer länger und gefühlt nicht kürzer. Wenn ich irgendwo hingehe, gibt es da drei neue Aufgaben und so kommt man irgendwie vom Hölzchen aufs Stöckchen. Dann erzählen mir irgendwelche NPCs etwas. Ich habe ganz viel Story, ganz viel Hintergrundgeschichten, die ich irgendwie im Kopf behalte. Ich will in diese Welt eintauchen. Ich erlebe ganz viel und das ist ja total toll, weil ich die Freiheit habe, was ich darin mache. Einerseits macht es mir dieses schöne Gefühl von wegen „Boah, mir steht eine Welt offen, in der ich alles machen kann, was ich machen möchte. Es ist cool“.

Aber gleichzeitig fragt man sich, wo man denn eigentlich wieder aufhört. Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich denke „Ja gut, dann mache ich die Quests noch, die Mine gucke ich noch an, dann höre ich auf“. Dann habe ich aber in der Mine irgendeinen coolen Bogen gefunden. „Ja, den Bogen muss ich eigentlich ausprobieren“, und so komme ich dann irgendwie von einem aufs andere und es hört nicht auf. Ich würde sagen, solche Open World Spiele, wie man sie nennt, sind etwas, bei dem man ganz, ganz stark ein Unendlichkeitserleben haben kann.

Sandbox Games: Der unendliche Sandkasten

Jessica Kathmann-Rosenthal: Ich habe noch ein zweites Genre mitgebracht, das mir gleich einfiel, nämlich die Sandbox Games. Das sind Spiele, in denen ich quasi einen Sandkasten zur Verfügung habe, wo ich in irgendwelchen Simulationen zum Beispiel einen Vergnügungspark oder einen Tierpark aufbauen kann. Da gibt es zwar auch Missionen, die ich erfüllen kann, aber es gibt auch Sandbox Modi, wo ich einfach machen kann, was ich will. Ich habe keine Begrenzung, was Geld angeht, was meine Bau-Ressourcen angeht – oft auch nicht, was den Platz angeht. Ich kann das tatsächlich in die Unendlichkeit spielen, deswegen heißt es manchmal auch Endlos-Modus. Dabei ist natürlich das Ding, dass ich nicht abgegrenzte Missionen habe, von denen ich weiß, dass sie eine Stunde dauern und dann bin ich fertig, sondern ich stecke mir selbst immer neue Ziele, die ich erreichen möchte.

Saskia Rößner: Das ist schon eine ganze Menge. Ben, wo begegnet dir denn Unendlichkeit in Spielen?

Multiplayer Games: Noch eine Runde…

Benjamin Strobel: Ja, ich würde gerne noch mal in diesen großen Bereich der Multiplayer-Games reinschauen. Darüber haben wir ja schon viel gesprochen – auch im Zusammenhang mit sozialen Aspekten – aber hier ist es noch mal ein bisschen was anderes, weil ein Singleplayer Spiel alleine meistens eine abgeschlossene Geschichte hat. Die Open World kann zwar sehr groß sein, aber sie ist doch am Ende irgendwann begrenzt. Irgendwann sind die Quests alle bearbeitet, irgendwann ist die Geschichte abgeschlossen.

Bei Multiplayer-Games ist das nicht so, weil man hier natürlich immer noch eine weitere Runde spielen kann. Man kann sich immer noch verbessern. Man kann immer noch weiter in den Rängen aufsteigen. Da gibt es erst mal keinen Deckel nach oben, auch keinen zeitlichen, und ähnlich wie bei Netflix oder YouTube, bietet es einem gleich an, die nächste Runde zu starten. So ist es in einem guten Multiplayer Spiel auch. Das Design hilft dabei, natürlich schnell wieder in das nächste Match rein zu kommen, möglichst nicht lange warten zu müssen, mit einem Knopfdruck schon wieder drin zu sein. Diese Mechanismen, die in diese Spiele eingebaut sind, helfen einem nicht dabei, abzubrechen, sondern, dass man möglichst weiterspielen kann.

Sozialer Druck in Multiplayer Games

Weil ich ja meistens mit anderen spiele, kommen noch soziale Aspekte hinzu wie sozialer Druck. Vielleicht habe ich eine feste Spielgruppe, mit der ich mich zu festen Zeiten treffe und wenn wir das Ziel vielleicht noch nicht erreicht haben, spielt man halt noch eine Runde. Vielleicht schaffen wir es dann. Vielleicht schaffen wir es mit dem nächsten Versuch. Und der Druck ist relativ hoch, weil es nicht nur darum geht, sich selbst zu verbessern, sondern auch in seiner Gruppe die eigene Funktion zu erfüllen und die nicht hängen zu lassen. Da kann schnell das Gefühl aufkommen, „wenn ich jetzt als erstes ins Bett gehe, dann müssen alle wegen mir aufhören, nur meinetwegen“, und dann sage ich aus Gruppendruck vielleicht „Ach nee, dann spiele ich auch noch weiter“.

All diese Mechanismen, die wir besprochen haben, wie Skins, Lootboxen und andere Belohnungsmechanismen – all das, was ich mir beim Multiplayer Spiel erspielen kann – hält mich natürlich weiter bei der Stange. Wenn ich jetzt den Skin hab, dann kann ich die nächsten Runden mit dem schöneren Skin spielen. Die sozialen Faktoren spielen da wieder ganz stark mit rein.

Service Games: Immer wieder neue Inhalte

Es gibt einen Sonderfall, den müssen wir unbedingt nennen – das sind zwar meistens auch Multiplayer-Games, aber das müssen es nicht unbedingt sein – nämlich der Bereich von Service Games, wenn ein Game zum Servicegame wird. Das ist quasi das Gegenmodell dazu, jedes Jahr ein neues Spiel rauszubringen. Das haben wir ja bei „FIFA“, oder „EA Sports FC“ heißt es jetzt, wo es jedes Jahr eine Neuauflage gibt.

Das Gegenmodell ist zu sagen, ich bringe ein Spiel raus und das wird einfach jedes Jahr und nicht nur jährlich, sondern wahrscheinlich jeden Monat über die nächsten zehn Jahre immer weiter geupdated. Das heißt, vielleicht habe ich nach dem ersten Monat oder nach den ersten zwei Monaten die Inhalte alle durchgespielt, aber dann gibt es ein Update und es gibt dieses Update regelmäßig, mit dem neue Inhalte dazukommen.

Typische Spiele sind auch „Destiny“, „Destiny 2“, das sehr lange läuft, oder Spiele wie „Genshin Impact“, die Free-to-Play sind, die immer neue Inhaltsupdates bekommen. Das ist ein Live-Service-Game. Es geht immer weiter. Diese Grenze, also das Spielende, wird da sehr stark aufgehoben. Wir haben eine Situation, wo es immer noch mal etwas Neues zu tun gibt, neue Anreize gibt.

Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter?

Saskia Rößner: Ich fasse das mal zusammen. Wir hatten bei dir, Jessica, die Open World Spiele und die Sandbox Games. Ben hatte die kompetitiven Multiplayer Games genannt und jetzt den Sonderfall der Service Games. Das sind ja schon mal vier Spiele-Bereiche, wo viele Spiele schon mit abgedeckt sind. Jetzt ist Unendlichkeit etwas, was sehr groß ist, sehr gewaltig wirkt. Was kann man denn der Unendlichkeit entgegensetzen? Haben wir überhaupt der Unendlichkeit etwas entgegenzusetzen?

Benjamin Strobel: Ja, Grenzen. Wir können Grenzen setzen. Ich würde direkt beim Multiplayer bleiben, weil es da ganz coole, umgrenzte Angebote gibt. Wenn wir von dieser Vorstellung „ich sitze allein in meinem Zimmerchen und spiele online“ noch mal weggehen und uns fragen, wie kann denn kompetitiver Multiplayer noch stattfinden, dann kommen wir zum eSport. Und eSport ist etwas, das hat sich in den letzten Jahren sehr stark entwickelt.

eSport bietet Struktur statt Unendlichkeit

Benjamin Strobel: Da geht es nicht mehr nur um Leute, die berühmt werden und damit Geld verdienen, sondern es gibt auch ganz viele kleine Vereine – mittlerweile auch in Deutschland – wo man sich anmelden kann, wo man dann einfach hingeht und gemeinsam trainiert. Man hat Trainingszeiten. Manchmal sind es Sportvereine, die dann auch noch eine eSport-Sparte haben. Manchmal sind es Jugendzentren oder eben einfach unabhängige neue Vereine, die ganz speziell eSport machen.

Da ist es wie im Sport: Man hat feste Zeiten, also man weiß, wann fängt man an, wann hört man auf. Man hat einen Trainingsplan. Man weiß, was man macht. Es kommen noch andere Sachen dazu, die positiv sind, wie Ausgleichssport. Auf all diese Dinge wird total viel geachtet, weil auch für die Leistungsfähigkeit wichtig ist, dass man nicht einfach stundenlang nur spielt, sondern dass man auch was für den Körper tut. Vor allem tut man aber was dafür, der Sache Struktur zu geben.

Es ist nicht mehr unendlich, sondern es hat feste Termine und es hat eine Struktur, auch mit Trainer*innen und anderen, die mir sozusagen helfen, dieses Spielen zu strukturieren und in Einheiten und Aufgaben aufzuteilen. Das ist natürlich was ganz anderes. Das heißt überhaupt nicht, dass Multiplayer-Spiele schlecht sind oder dass man nicht auch spielen sollte. Aber vielleicht kann es helfen, gerade wenn man Schwierigkeiten damit hat, in der Unendlichkeit aufzuhören, sich in solche Strukturen zu begeben. Und ich glaube, eSport-Vereine sind da eine ganz, ganz tolle Anlaufstelle.

Selbsthilfe-Tipp: Limits setzen und Wecker stellen

Jessica Kathmann-Rosenthal: Wenn man zu Hause ist, geht‘s schlussendlich auch um das Thema Grenzen. Wir hatten schon in einigen Folgen darüber gesprochen, dass es ganz, ganz schwierig ist, wenn man gerade in der Situation ist, zu realisieren, dass ich jetzt eigentlich aufhören sollte – dass schon so und so viel Zeit vergangen ist – weil ich gerade drin bin und mir neue Ziele gesetzt habe usw. Deswegen ist es total sinnvoll, sich im Vorfeld festzulegen, wie viel Zeit ich realistisch zur Verfügung habe. Was möchte ich da reinstecken, und wann möchte ich aufhören?

Da kann es sinnvoll sein, sich einen Wecker zu stellen, den woanders zu lagern, so dass ich ihn höre, aber dass ich tatsächlich vom Spiel weg muss, um ihn auszuschalten, um wirklich unterbrochen zu werden. Es gibt auch alle möglichen Formen von Apps zum Beispiel, die einen dabei unterstützen können. Sowohl auf dem Handy als auch auf anderen Geräten kann man sich zeitliche Begrenzungen für bestimmte Medien, für Spiele, für Plattformen usw. setzen. Das kann helfen, wenn der Wecker vielleicht auch nicht reicht, wirklich eine harte Sperre rein zu machen. Jetzt kann ich das an dem Tag nicht mehr öffnen, auch wenn ich das gerne noch mal möchte und noch mal probiere, aber dann geht es einfach nicht.

Selbsthilfe-Tipp: Grenzen vorab klären und kommunizieren

Was auch sinnvoll sein kann, gerade wenn man mit anderen zusammenspielt, das schon im Vorfeld zu kommunizieren. Heute habe ich so und so viel Zeit, das am besten auch schriftlich festzuhalten – vielleicht auch, wenn man eine Gilde hat. Oder einen Verhaltenskodex festlegen, irgendwie schon mal klar machen, dass es in Ordnung ist, wenn ich jetzt eigentlich ins Bett muss, aber die anderen weiterspielen wollen. Auch zu sagen „Pass auf, ich muss morgen früh aufstehen, jetzt ist Schluss“, und dass das quasi auch für die gesamte Gruppe festgelegt wird. Das ist Typ eins und ich habe noch einen Zweiten im Gepäck.

Gerade bei Spielen, die durch ihr Design gefühlt unendlich wirken, kann es dazu führen, dass man noch weiter macht, dass man sich noch neue Ziele setzt usw. Wenn ich merke, dass es ein Genre gibt, das mich irgendwie total abholt und catched, von dem ich schlecht wegkomme, obwohl es bei anderen Genres besser funktioniert, dann kann es sein, dass es wirklich sinnvoll ist zu sagen, dieses Genre ist vielleicht nicht gut für. Da dann zu sagen, ich wähle mir andere Spiele aus, die kürzer sind, die nicht dieses Unendlichkeitsgefühl machen. Das ist schön, aber es ist für mich vielleicht grade nicht geeignet und das ist auch okay.

Gaming mit Ende: Selbsthilfetipps auf einen Blick

Saskia Rößner: Dann fasse ich eure Tipps noch mal kurz zusammen. Ben, du hast gesagt, sich in feste Strukturen begeben, zum Beispiel in einen eSport-Verein mit festen Trainingszeiten, festen Trainingsplänen. Deine Selbsthilfe-Tipps, Jessica, waren, sich diese festen Zeiten auch im privaten Umfeld, im häuslichen Umfeld, zu setzen – über eine App oder über einen Wecker – und die auch mit den Menschen zu kommunizieren, mit denen man zusammenspielt.

Und falls es gar nicht klappt und man merkt, dass diese Games nichts für einen sind, weil man sich zu sehr in der Unendlichkeit verliert, dann vielleicht lieber andere Genres suchen. Das sind doch drei super Tipps. Da kann sich jeder raussuchen, was für ihn oder für sie am besten funktioniert.

Videospielsucht verstehen: Weitere Infos

Weitere Tipps zur Selbsthilfe findet ihr auf www.webcare.plus. Da findet ihr nicht nur jede Menge Selbsthilfetipps, manchmal auch Selbstversuche von mir, tatsächlich aber vor allem professionelle Hilfe-Angebote. Wenn ihr mal merkt, dass ihr mit den Selbsthilfetipps alleine nicht weiterkommt, dann könnt ihr euch gerne da ein bisschen umschauen.

Wenn ihr Fragen an Profis habt, dann findet ihr nicht nur auf unserer Webseite die entsprechenden Adressen dazu, sondern dann gibt es die Möglichkeit, mit unseren Profis hier im Studio in Kontakt zu treten, nämlich am 26.06.2026. Da wird‘s eine Onlineveranstaltung mit dem Team von Behind the Screen geben, in der wir noch mal über Videospiele und Videospielsucht sprechen und in der ihr da draußen all eure Fragen an unsere Profis stellen könnt und auch Antworten darauf bekommt.

Und für diejenigen, die jetzt gesagt haben „Mensch, tolle Folge, ich habe was gelernt“, drückt gerne aufs Liken. Wenn ihr gemerkt habt, dass das, worüber wir heute gesprochen haben, bei Menschen aus eurer Umgebung, eurem Umfeld ein Thema ist, dann teilt doch gerne diese Folge mit den Leuten, damit vielleicht auch denen geholfen wird. Und vergesst auf keinen Fall, den Podcast hier zu abonnieren, damit ihr die nächste Folge nicht verpasst und damit wir uns nächste Woche hier im Studio zusammen wiedersehen.

Bis dahin, ciao!


Seminar mit Behind the Screens

Link zur Online-Veranstaltung am 26. Juni 2026

Podcast anhören oder ansehen:

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