Information: Das hier ist das Transkript zu einer Podcastfolge. Wenn du die Podcastfolge stattdessen lieber anhören oder ansehen möchtest, findest du die Links dazu am Ende des Textes.
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Saskia Rößner: Herzlich willkommen zu „Videospielsucht verstehen“, der zweiten Staffel von „Mediensucht verstehen“, ein Podcast der Hessischen Landestelle für Suchtfragen, gefördert von der Techniker Krankenkasse in Hessen. Mein Name ist Saskia Rößner und mit mir hier im Studio sind Nicolas Hoberg und Jessica Kathmann-Rosenthal. Heute schauen wir uns den zweiten Aspekt an, der an Videospielen suchtfördernd sein könnte, und zwar, wie Spiele uns einmal miteinander verbinden, aber uns auch an sich binden. Da bin ich mal gespannt. Jessica, wie binden uns Computerspiele an sich und an einander?
Videospielsucht und Kompetitive Multiplayer
Jessica Kathmann-Rosenthal: Ein Genre, das häufig im Zusammenhang mit Abhängigkeit genannt wird und steht, sind Spiele, die wir gegeneinander spielen. Das nennt sich dann kompetitive Multiplayer – um mal ein Fachwort aus der Branche reinzuwerfen. Beim kompetitiven Multiplayer geht es darum, dass man entweder alleine gegen eine andere Person oder mehrere antritt, oder dass man auch in Gruppen gegeneinander antritt. Da habe ich immer diese Komponente, dass ich mich mit anderen vergleichen kann. Aber nicht nur das.
Ich kann schauen, ob ich im Verlauf des Spiels irgendwie besser geworden bin oder wo ich auf dem Leaderboard stehe zum Beispiel, oder was für Abzeichen ich gesammelt habe. Wo bin ich quasi im Vergleich zu den anderen, die dieses Spiel spielen? Schon alleine das bindet einen irgendwie, weil wir alle dieses Bedürfnis haben – oder zumindest die meisten Menschen – Wissen zu kriegen, wie man sich beim nächsten Mal verbessern kann, vielleicht auch besser zu sein als die Freunde, um in der Gruppe aufzusteigen, im Ansehen aufzusteigen. Vielleicht auch gegenüber Menschen, die man gar nicht kennt. Man weiß „Wow, ich bin hier Platin-Level“ oder so was und andere schauen zu mir auf.
Das ist erstmal cool und das haben wir eben vor allem bei kompetitiven Spielen. Aber eben auch, dass ich mit anderen zusammen, also dass wir als Team auftreten und als Team gegen andere Teams antreten wie bei „League of Legends“ zum Beispiel, wo man dann eben miteinander spielt versus Spiele wie Counterstrike, wo es mehr um Shooter geht.
Zusammen spielen: Ko-op Games
Saskia Rößner: Jetzt kann man Spiele ja nicht nur gegeneinander spielen, sondern auch miteinander. Wie sieht es denn beim Miteinanderspielen aus?
Nicolas Hoberg: Es gibt den großen Bereich kooperativer Spiele, das heißt Spiele, wo die einzelnen Spielenden in irgendeiner Form zusammenarbeiten müssen. Es kann sein, dass man sich als Team zusammenfindet und gegen einen gemeinsamen großen Gegner, der einem im Videospiel präsentiert wird, antritt. Es kann aber auch sein, dass sich Teams jeweils unter den Spielenden zusammenfinden und dann zwar innerhalb ihres Teams kooperativ arbeiten, aber untereinander kompetitiv, das heißt in einem Wettstreit stehen. Der
Bereich der kooperativen Spiele hat in den vergangenen Jahren einen großen Zuwachs erhalten. Der erfreut sich großer Beliebtheit. Wir haben im Videospielbereich Spiele wie „Among Us“, das vor allem in der Corona Pandemie sehr beliebt war. Es ist letztendlich so eine Art digitale Variante des Werwolf-Spiels. Und wir haben natürlich auch im Brettspielbereich entsprechende Spiele, die Angebote an die Spielenden machen, wo sie sich im Spiel koordinieren, wo sie kooperieren müssen, wo sie gemeinsame Ziele finden müssen und diese verfolgen und auch gemeinsame Erfolge feiern können.
Mit ko-op Spielen Resilienz stärken
Nicolas Hoberg: Tatsächlich sind das alles Dinge, die – das zeigt auch die Forschung – grundsätzlich dazu geeignet sind, einen Anteil an einer gewissen psychologischen Widerstandsfähigkeit gegenüber Risikofaktoren zu leisten. Man spricht in dem Zusammenhang manchmal auch von dem Begriff der Resilienz. Kooperative Spiele können sich positiv auf unsere psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber stressigen Ereignissen in unserer Umwelt auswirken.
Aber es ist nicht so, dass man jetzt nur ein paar kooperative Spiele in seinen Alltag einbaut und dann quasi „safe“ und immun gegenüber jeglichen psychischen Bedrohungen ist. So darf man sich das natürlich nicht vorstellen. Aber sie können ein kleiner Baustein in diesem Puzzle sein, das letztendlich unsere mentale Gesundheit darstellt. Dabei können auch ganz viele tolle Dinge eingeübt werden wie Solidarität und Vertrauen und Zusammenarbeit usw. Damit sind auch viele positive Aspekte verbunden.
Saskia Rößner: Okay, wir können gegeneinander spielen, wir können miteinander spielen. Und ich merke schon, beide Seiten haben wie immer Vor- und Nachteile. Ich glaube, ich habe inzwischen in jeder Folge das Wort „Balance“ genannt. Es geht immer um Balance. Wenn wir jetzt noch mal auf Teams oder auf Gilden gucken oder sogar ganz weg vom Bildschirm, raus zu E-Sportsvereinen – das sind ja alles Bereiche, in denen wir entweder miteinander oder gegeneinander spielen. Könnt ihr noch mal zusammenfassen, was die positiven Aspekte sind, die uns das gibt und was vielleicht auch Risikofaktoren sind, die wir da nicht außer Acht lassen sollten.
Videospiele: Sozialen Druck gibt es auch in Teams und Gilden
Jessica Kathmann-Rosenthal: Es ist ja erst mal total charmant, weil man mit anderen zusammen ein Hobby teilt. Das macht automatisch das Gefühl, wir haben was, worüber wir uns austauschen können und wir haben irgendeine Gemeinsamkeit. Wir Menschen wollen ja auch normalerweise Teil von Gruppen sein wegen unserer Identität – Darüber haben wir in einer Folge schon gesprochen – aber auch für den Austausch. Für das Miteinander haben wir gerne ein Gefühl von „Herdenwärme“ und das können Games natürlich total gut bieten, weil ich weiß, ich bin in einer Community. Ich kann mich auch außerhalb des Spiels austauschen, auf irgendwelchen Community-Servern oder früher auch auf Foren – als das noch ein Ding war.
Das alles gibt mir erstmal ein total gutes Gefühl, aber gleichzeitig bringt das natürlich Probleme mit sich. So eine Community kann, gerade wenn ich in Teams zusammenarbeite, natürlich auch mit sich bringen, dass die anderen weiterspielen wollen, ich aber eigentlich nicht. Das macht natürlich Druck, weil ich merke, die anderen leveln hoch und ich kann vielleicht irgendwann gar nicht mehr mithalten. Ich bin zurückgefallen wie das fünfte Rad am Wagen und das wollen wir nicht. Also wir haben das Bedürfnis, auch einen Beitrag dazu zu leisten, dass eine Gruppe funktioniert. Allein nur da zu sein, hilft noch nicht so viel. Ich will ja was beitragen. Und wenn ich merke, ich kann die gar nicht mehr heilen, weil ich z.B. zehn Level zurückliege, dann übt das Druck auf mich aus. Ich denke dann, ich muss jetzt mitmachen, damit ich nicht zurückfalle. Dann sind wir schnell in dieser Gruppendruck-Dynamik drinnen.
FoMO – Fear of Missing Out und Videospielsucht
Nicolas Hoberg: Viele Videospiele haben heutzutage einen Event-Charakter, das heißt es werden Veranstaltungen innerhalb des Spiels abgehalten, teilweise wirklich von den Herstellern geplant, gefördert und eingerichtet. Da kommt es so wie im offline-Leben auch zu Situationen, wo man vielleicht unbedingt Teil eines Events sein möchte und es nicht verpassen möchte, weil man das Gefühl hat, das wäre eine ganz tolle Sache für einen selbst. Diese Angst davor, etwas zu verpassen, was potenziell positiv für einen sein könnte, bezeichnet man in der Psychologie auch als „Fear Of Missing Out“ oder FOMO – wie es sich in der Populärsprache mittlerweile eingenistet hat. Diese Angst wirkt sehr mächtig auf unser Verhalten.
Menschen tun alle möglichen Dinge, nur damit sie eben Teil von einem als begehrenswert empfundenen Spiel oder einer Spielsession oder einem sogenannten In-Game Event (eine Veranstaltung, die in einem Spiel organisiert und veranstaltet wird) sein können. Dahinter steht einerseits die Angst davor, vielleicht den Anschluss zu verlieren und von dieser Erfahrung ausgegrenzt zu werden, aber eben auch potenziell etwas Tolles zu verpassen. Das wird in Spielen häufig kombiniert. Dann kann man bestimmte Belohnungen nur in einem bestimmten engen zeitlichen Rahmen erwerben, die durch dieses Event vorgegeben werden – häufig auch entlang der Jahreszeiten im Kalenderjahr orientiert wie beispielsweise ein großes Halloween-Event oder ähnliches.
Das kann dazu führen, dass man sich unter Druck gesetzt fühlt, im Rahmen eines solchen Events unbedingt auch zu spielen, viel und häufiger zu spielen. Einfach nur aus der Angst, dass man es sonst vielleicht verpassen könnte. Angst ist niemals eine gute Triebfeder, wenn es darum geht, das eigene Spielverhalten, die eigene Freizeitgestaltung und auch Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Das kann in dem Zusammenhang auch wirklich schädlich sein.
Communities von Streamer*innen
Saskia Rößner: Sowas wie Gemeinschaft und Community haben wir nicht nur im Game. Wir hatten die Teams und die Gilden, und ich habe als Ort außerhalb von digitalen Räumen auch schon e-Sportsvereine genannt, wo man auch eine Gemeinschaft haben kann und trotzdem noch irgendwas mit Spielen zu tun hat. Gibt es noch andere Räume, in denen es Communities gibt, in denen wir uns zugehörig fühlen können, in denen wir Gemeinschaft und soziale Verbundenheit erleben?
Jessica Kathmann-Rosenthal: Ein ganz großer Bereich sind da natürlich die Streamer:innen. Dieser Bereich ist insbesondere in den letzten Jahren sehr stark gewachsen. Da haben wir dieses Phänomen: jemand spielt und die anderen schauen zu. Aber die schauen nicht nur zu, sondern interagieren auch miteinander. Es gibt einen Chat. Es gibt Möglichkeiten, auf den Stream zu reagieren. Ich kann Geld spenden. Auch da haben wir schon wieder diesen finanziellen Aspekt mit drin. Ich kriege Aufmerksamkeit, weil der Streamer oder die Streamerin mich vielleicht erwähnt „Oh, vielen Dank, dass du Geld gespendet hast, subscribed hast“, und so weiter und so fort. Also einmal der finanzielle Aspekt, aber eben auch sich mit anderen im Chat austauschen können.
Oft veranstalten Streamer z.B. auf der Gamescom Events, wo man als Community zusammenkommt und den Streamer, die Streamerin live treffen kann. Das ist auch erst mal wieder was total Gutes, weil ich da Gleichgesinnte treffe, die den gleichen Geschmack haben. Das ist erstmal alles total gut, kann aber eben gerade unter dem finanziellen Aspekt kritisch werden, oder wenn ich das Gefühl habe, ich muss jetzt diesen Stream schauen, weil ich sonst nicht mehr mitkomme und mit den anderen nicht mehr mitreden kann.
Selbsthilfe-Tipp: Bedürfnisse und Grenzen kommunizieren
Saskia Rößner: Nicolas, Du hast eben schon erwähnt, dass es halt auch mal schief gehen oder sich zumindest in eine nicht so gesunde Richtung entwickeln kann. Wenn ich zum Beispiel schon seit vielen Jahren in einer Gilde spiele und dieses enge Zugehörigkeitsgefühl, dieses enge Verbundenheitsgefühl vielleicht auch nicht nur an die Gilde, sondern auch ans Game habe, was kann ich machen, wenn ich merke, dass mir das zu viel wird? Dass das eigentlich nicht mehr mein eigener Wunsch ist, sondern dass ich nur noch vom Spiel oder von den anderen Mitgliedern meiner Gilde reingezogen werde. Wenn es mir im Moment eher schlecht tut als guttut?
Nicolas Hoberg: Wie in allen Beziehungen – und in dem Zusammenhang steht man ja in der Beziehung zu einer Gruppe, zu dieser Gilde – ist Kommunikation das A und O. In dem Fall geht es darum, die eigenen Bedürfnisse und auch die eigenen Grenzen klar zu kommunizieren. Manchmal ist es so, wenn man Teil einer Gilde ist und alle eine große Herausforderung im Spiel gemeinsam bestreiten wollen und alle enthusiastisch sind, man aber selbst gerade gar nicht die Ressourcen besitzt, um daran richtig teilzunehmen, zieht man sich daraus zurück, sagt „Nein, ich bin nicht dabei, ich kann nicht. Ich möchte nicht“. Dann hilft es natürlich auch den anderen Mitgliedern der Gruppe zu verstehen, warum dieser Rückzug erfolgt. Wenn man einfach sagt „Leute, hört mir zu. Ich kann das gerade nicht aus diesen oder jenen Gründen. Das ist mir zu viel. Ich merke, es tut mir nicht gut. Ich brauche für mich grade mal etwas anderes“. Dann kann man auch eher mit Verständnis rechnen – je nachdem, ob es eben eine wohlwollende Community ist oder nicht. Auch das darf man nicht aussparen.
Vorsicht vor Toxischen Communities!
Nicolas Hoberg: Es gibt natürlich auch im Rahmen der Gaming-Kultur Communities, die keinen guten Umgangston miteinander pflegen. Wir reden in dem Zusammenhang häufig sogar in der Zuspitzung auch von „toxischen“ Communities. Toxisch heißt giftig – die sich gegenseitig verbal und anderweitig angiften. Auch da ist es wichtig zu erkennen, ist das eine Community, ist das ein Teil der Gaming-Kultur, von dem ich Teil sein möchte, oder sage ich „das ist eine Community oder eine Gilde oder ein Team, bei dem mir die Umgangsformen nicht passen“.
Dann suche ich mir Alternativen und die gibt es immer. Es gibt immer Gruppen von Menschen in der Videospielkultur, die einen guten Umgangston pflegen, der nicht mit psychischem Druck einhergeht. Klar braucht man manchmal vielleicht eine Weile, um die Alternativen zu finden. Aber im Zweifelsfall lohnt sich die Investition ins eigene Wohlbefinden, sich von toxischen, von schädlichen Communities loszusagen und sich lieber Communities zu suchen, die einen akzeptieren und sich wohlwollend gegenüber allen verhalten.
Jessica Kathmann-Rosenthal: Wenn ich z.B. in eine Gilde oder irgendeine Form von Community eintrete, am besten davor schon kommunizieren, was für ein Zeitlimit man hat und schon mal abchecken, „Passt das irgendwie zusammen oder sind das Leute, die 16 Stunden am Tag zocken? Dann ist es vielleicht nicht die richtige Gilde für mich.
Saskia Rößner: Das sind doch zwei super Tipps. Danke euch!
Videospielsucht verstehen: Weitere Infos
Saskia Rößner: Wenn ihr da draußen noch mehr Tipps zur Selbsthilfe braucht, dann guckt euch doch auf unserer Website um: www.webcare.plus. Dort findet ihr außer den Selbsthilfe-Tipps auch noch professionelle Hilfe-Angebote, falls ihr alleine nicht weiterkommt. Wenn ihr euch heute wiedergesehen habt, hier in dieser Folge, und euch die weitergeholfen habt, dann lasst gerne ein Like da. Wenn ihr andere Leute kennt, denen diese Folge helfen könnte, teilt die Folge gerne mit dieser Person. Und nicht vergessen, diese Folge zu abonnieren, damit ihr die nächste Folge nicht verpasst. Wenn ihr Fragen an unsere beiden Profis von Behind the Screens habt, dann wird es am 26. Juni 2026 die Möglichkeit für euch geben, eure Fragen in einer Online-Veranstaltung von uns an diese beiden zu stellen.
Und bis dahin bleibt dran, verpasst keine Folge und wir sehen uns nächste Woche wieder!
Seminar mit Behind the Screens:
Link zur Online-Veranstaltung am 26. Juni 2026
Videospielsucht verstehen: Avatar statt Alltag (S02E04)