Menü

Magazin

Britta Sarbok Heyer - Selbsthilfegruppe Krefeld

Selbst-Hilfe-Gruppe – nicht mehr allein mit Deinem Problem (Webinar)

Am 25. Juni 2018 fand das erste Webinar von webcare+ zum Thema Selbsthilfegruppen statt. Zu Gast war Britta Sarbok-Heyer, die mit uns über ihre persönlichen Erfahrungen mit Computerspielsucht und über ihre Selbsthilfegruppe gesprochen hat.

Die Idee des Webinars

Im Fokus des Webinars stand die Frage, was eine Selbsthilfegruppe genau ist. Was erwartet mich dort und wie kann sie mir helfen? Es ging ebenfalls um die Grenzen einer solchen Gruppe. Ziel des Webinars war es, Menschen zu ermutigen, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen und sie darin zu unterstützen eine zu finden. Diese richten sich nicht nur an Betroffene, sondern auch an Angehörige, die von der Problemsituation mitbetroffen sind. Auch Interessierte am Thema, sowie Fachkollegen und Kolleginnen waren willkommen und mit dabei.

Britta Sarbok-Heyer

Britta ist selbst Betroffene und hat 2009/10 eine Langzeittherapie für Alkohol- und Onlinesucht in einer Klinik gemacht. Sie leitet seit fünf Jahren die Selbsthilfegruppe Onlinesucht und Medienabhängigkeit in Krefeld, nachdem sie gemerkt hat, dass sie problemlos ohne Alkohol, nicht aber so einfach ohne das “Zocken” leben kann. In der Selbsthilfekontaktstelle Krefeld (Der Paritätische) wurde sie dabei unterstützt, ihre Selbsthilfegruppe aufzubauen.

Selbsthilfegruppe

Was ist eine Selbsthilfegruppe?

Selbsthilfegruppen sind freiwillige, meist lose Zusammenschlüsse von Menschen, deren Aktivitäten sich auf die gemeinsame Bewältigung von Krankheiten, psychischen oder sozialen Problemen richten, von denen sie – entweder selber oder als Angehörige – betroffen sind. […]

((Quelle: Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAG SHG) e.V.: Selbsthilfegruppen-Unterstützung. Ein Orientierungsrahmen. S.3, Gießen 1987) via NAKOS)

Selbsthilfegruppen unterstützen dabei, das Leben selbstständig wieder in den Griff zu bekommen. Sie können auch vor, während und nach einer Therapie eine hilfreiche Begleitung sein. In den Gruppen treffen sich Betroffene, die ein ähnliches Problem haben mit dem Ziel, etwas in ihrem Leben zu verändern. Auch Angehörige schließen sich in Selbsthilfegruppen zusammen.

Selbsthilfegruppen sind autonom. Die Rahmenbedingungen werden insbesondere von Wohlfahrtsverbänden (Diakonie, Caritas, Der Paritätische, Arbeiterwohlfahrt, Deutsches Rotes Kreuz) geschaffen. Sie stellen Räumlichkeiten zur Verfügung und bieten individuelle Unterstützung an.

Darüber hinaus gibt es auch „angeleitete Selbsthilfegruppen“, die von einer Fachkraft, meist Psychotherapeuten und Therapeutinnen, begleitet und moderiert werden. Diese entsprechen nicht der zitierten Definition der DAG SHG e.V.

Was erwartet mich in einer Selbsthilfegruppe?

Der Sinn und Zweck einer Selbsthilfegruppe liegt darin,
gemeinsam über eine Brücke zu gehen,
an der Planken fehlen.

(Frei nach D. F. Macgowin, SHG Krefeld)

In einer Selbsthilfegruppe ist eine vertraute Umgebung von großer Bedeutung, es besteht Anonymität. Das Wichtigste ist Verschwiegenheit.

Wo liegen die Grenzen einer Selbsthilfegruppe?

Eine Selbsthilfegruppe kann keine Therapie ersetzen. Sie kann Betroffenen Mut machen, eine Therapie zu beginnen, die Wartezeit zu überbrücken oder eine Therapie ergänzen.

Wie finde ich meine Selbsthilfegruppe?

Ein Weg führt über die webcare+ Datenbank “Hilfe in deiner Nähe”. Dort findest Du bundesweite Hilfeangebote zum Thema „problematischer Medienkonsum und Onlineabhängigkeit“. Falls Du dort keine passende Gruppe findest, kannst Du auch bei Dir vor Ort mit Beratungsstellen in Kontakt treten, die Dich darin unterstützen, eine neue Selbsthilfegruppe aufzubauen.

In Hessen gibt es ein umfangreiches Suchtselbsthilfenetzwerk mit ca. 850 Suchtselbsthilfe- und Abstinenzgruppen. Über die „Einrichtungssuche“ auf der Webseite der HLS findest Du hessenweite Hilfeangebote zu unterschiedlichen Suchtproblematiken.

Bei der Suche ist es nicht nötig, sich auf Internetabhängigkeit zu beschränken. Frag einfach mal mutig bei anderen Gruppen nach, ob Du dazu kommen darfst.

Britta Sarbok-Heyer hat mehrere Alkoholgruppen besucht und ein Jahr lang an einer Gruppe für Glücksspielsucht teilgenommen. Sie empfiehlt zunächst telefonisch Kontakt aufzunehmen.

Gespräch mit Britta Sarbok-Heyer im Webinar

Das Webinar war geprägt von einem offenen und sehr interessanten Austausch zwischen Britta Sarbok-Heyer und unseren Teilnehmenden. Das Gespräch möchten wir Euch hier noch einmal wiedergeben. Bei weiteren Fragen und Anmerkungen zum Thema könnt ihr gerne die Kommentarfunktion nutzen.

Wie viele Teilnehmende habt ihr in Krefeld?

Zwischen fünf und sieben Leute treffen sich alle zwei Wochen. Mütter von Betroffenen melden sich häufig per Telefon.

Welche Altersgruppen nehmen an der Selbsthilfegruppe teil?

Als Aufnahmekriterium gilt, dass jemand 18 Jahre alt sein sollte. Das hat etwas mit Verantwortlichkeit zu tun. In Ausnahmefällen kommen in Absprache mit den Eltern auch Jüngere dazu. Wir sind alle zwischen 20 und 40 und ich bin ein bisschen älter.

Sind alle Teilnehmenden der Gruppe Zocker?

Unter Onlinesucht versteht man verschiedene Sachen, nicht nur Computerspielen. Es kommt auch Online-Sexsucht dazu, auch Onlinekaufsucht und Informationssammler. Das ist sehr unterschiedlich. Wir bemühen uns um eine Medienkompetenz und darum, in der realen Welt wieder klar zu kommen. Wir überlegen, warum wir das brauchen, was uns die virtuelle Welt gibt.

Wir machen zu Beginn eine kleine Runde und berichten, wie es uns in den letzten beiden Wochen ergangen ist.

Wie hat sich die Gruppe gefunden?

Frau Dässel von der Selbsthilfekontaktstelle Krefeld hat mich ein Jahr lang begleitet. Zudem wurde ein Artikel in der Krefelder Zeitung veröffentlicht. Die Gruppe hat auch eine Homepage. Ich habe mich einer Arbeitsgemeinschaft in Krefeld angeschlossen und bin auf viele Veranstaltungen gegangen. Das ist bei uns gut organisiert. Wir treffen uns im Rathaus und man kann viele Kontakte knüpfen.

Mein Feiertag war letzten Montag. Die Computerspielsucht ist nun endlich anerkannt. Jetzt haben wir auch eine Lobby und da arbeite ich einfach weiter. Ich bekomme Anfragen über das Selbsthilfegruppentelefon und E-Mails. Es gibt auch eine Facebook-Seite. Ich habe die Gruppe auch bei anderen Selbsthilfekontaktstellen im Umkreis vorgestellt.

Grundsätzlich ist es schwierig, die Süchtigen hinter ihrem PC hervorzulocken.

Welche Regeln gibt es in Eurer Gruppe?

  • Wir kennen uns nur mit Vornamen. Mehr brauchen wir nicht um uns auszutauschen und miteinander zu sprechen.
  • Jeder Teilnehmendeist für sich selbst verantwortlich. Jeder bestimmt, was und wieviel er oder sie beiträgt.
  • Es wird nicht gleichzeitig geredet.
  • Wenn man sich über etwas ärgert oder sich etwas komisch anfühlt, muss es möglichst bald in die Gruppe.
  • Man darf sich selbst zur Sprache bringen. Es wird nicht über richtig oder falsch diskutiert. Jeder darf seine Meinung sagen und jede Meinung ist erst einmal wahr.
  • Absolute Verschwiegenheit. Nichts darf nach außen getragen werden.
  • Gefühle dürfen und sollen angesprochen werden. Auf Körpersignale achten. Wenn man sich unwohl fühlt, ist das immer vorrangig vor allem anderen.
  • Rücksichtsvoller Umgang miteinander.

Wenn wir Glück haben, gehen wir ein Stück gemeinsam. Wir schauen in die gleiche Richtung, können uns vielleicht gegenseitig ein wenig Hilfestellung geben und füreinander da sein.

Wie geht ihr mit Rückfällen um?

Rückfälle gehören zu einer Sucht dazu. Da kann ich von mir selbst ein gutes Beispiel bringen. Bei Alkohol bin ich nicht rückfällig geworden, aber bei Onlinesucht. Das habe ich zuerst in der Gruppe erzählt, bevor ich es meinem Mann erzählt habe. Das Schöne ist, wenn man einmal den Suchtkreis kennt, weiß, wie es funktionieren kann, dann geht es relativ schnell, aus dem Sog der Sucht wieder raus zukommen. Die Schuldgefühle sind die gleichen, aber wir besprechen das und dann geht es weiter, mit frohem Mut. Jeden Tag lockt der kleine Suchtteufel.

Habt ihr auch Mehrfachabhängige?

Ja, es hat sich in den letzten Jahren sehr viel verändert. Früher gab es mal den Alkoholiker, die Tablettenabhängige. Man ist heute eher multitoxisch. Ich habe eine Suchtkrankenhelferin-Ausbildung. Sucht hat, egal welches Mittel, die gleichen Symptome. Allerdings fallen die illegalen Drogen etwas raus, da es hier auch um Beschaffungskriminalität geht. Bei uns gibt es auch Alkohol- und Cannabisabhängigkeit. Was uns alle eint ist die Depression.

Was sind die Zielsetzungen bei einer Computerspielsucht? Eine Abstinenz wie beim Alkohol erscheint schwierig.

Jetzt gibt es ja die Anerkennung der Computerspielsucht als Krankheit, da können Therapeuten nun auch neue Strategien entwickeln. Was ich euch erzähle ist das, was ich in den letzten zehn Jahren gemacht habe, als es noch offiziell gar keine Onlinesucht gab. Ich lebe nicht computerfrei, das funktioniert ja nicht im realen Leben. Ich spiele nicht! Computerspiele sind ein No-Go, denn ich kann nicht aufhören. Ich habe ein Ampelsystem: Rot sind Computerspiele, ich spiele keine Spiele am PC. Gelb sind Facebook & Co, weil ich manchmal die Zeit vergesse. Grün sind alle administrativen Dinge, die ich erledige: Recherche, Online-Banking, Kommunikation usw.

Therapeuten streben heute eine Medienkompetenz an, dass man eine Lösung findet mit dem Computer zu leben. In der Selbsthilfegruppe ist es lediglich bedeutend, dass jemand eine Veränderung wünscht. Wichtig ist mir, dass wir mit den uns nicht guttuenden Süchten eine Lösung finden, unser Leben auf die Kette zu kriegen. Das ist meine persönliche Meinung. Für mich persönlich sind Alkohol und PC-Spiele tabu. Jeder findet einen eigenen Weg.

Aus meiner Erfahrung gibt es unterschiedliche Arten von Spielern. Das Spielen an sich ist nicht das Problem. Es gibt auch die “jugendliche Zockerei”, eine Phase in der viel Zeit zum Spielen verwendet wird. Man muss aufpassen, die Kinder und Jugendlichen nicht vorschnell in eine Schublade zu stecken.

Wenn jemand merkt, dass er ein Problem hat und dann eine Veränderung wünscht, dann macht es Sinn etwas zu tun. Ich diagnostiziere und überrede niemanden! Selbsthilfegruppe funktioniert, wenn man eine Veränderung möchte. Sobald man an einem Suchtkranken „zieht“, gibt er wieder seine Verantwortung ab. Der Suchtkranke muss sich auf den Weg machen. Der Angehörige sollte eine Meinung haben, indem er ihn nicht mehr schützt. Oft ist dann der Betroffene auch gezwungen sich auf irgendeine Weise zu verändern.

Wie haben Deine Angehörigen dich unterstützt? Welche Möglichkeiten haben Angehörige selbst Hilfe zu bekommen?

Meine jugendlichen Kinder hatten ein Gesprächsangebot in der Klinik. Wir haben Familien- und Paartherapie gemacht. Ich selbst habe heute meinen Ehemann als Hilfe, indem er mich stärkt und mir Zeit für die Arbeit mit der Selbsthilfegruppe lässt. Meine Familie lebt mit einer suchtkranken Ehefrau und Mutter.

Mein Mann steht zu mir. Ich rede darüber, bemühe mich, dass Sucht als Krankheit überhaupt anerkannt wird, dass wir nicht mehr so stigmatisiert werden. Sucht ist und bleibt noch immer ein Makel, und ich bemühe mich, dem entgegen zu wirken. Ich bemühe mich zu sagen: Ich habe es geschafft, ihr schafft das auch. Einfach ist es nicht, da lüge ich auch nicht. Ich kann behilflich sein, aber tun muss es der Betroffene selbst.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Suchthilfe aus?

Ich arbeite eng mit einem Sozialarbeiter der Beratungsstelle von der Caritas zusammen, der sich mit Onlinesucht auskennt. An ihn verweise ich häufig Eltern, die sich bei mir melden. Als Sozialarbeiter hat er nochmal einen anderen Zugang zum Thema und kann helfen. Das Jugendamt ist hier zuständig, aber bisher hat sich noch keine Zusammenarbeit ergeben. Eigentlich möchte ich ja vor allem die erwachsenen „Zocker“ erreichen.

Ich gehe auch in Schulen und nehme dann jemand Jüngeres aus der Gruppe mit, wenn wir dort Prävention machen.

Hast du ein Netzwerk zu anderen Selbsthilfegruppen?

Nein, mit anderen Mediensucht-Selbsthilfegruppen bin ich nicht vernetzt. Ich bin im Fachverband für Medienabhängigkeit und nutze beispielsweise Informationen der HLS für meine Arbeit.

Therapie und Selbsthilfegruppe als Anker

In der Gruppe den eigenen Weg finden

Meine Selbsthilfegruppe hilft mir dabei, achtsam zu bleiben mit mir selbst. Ich möchte ein Vorbild für meine Gruppe sein, das hilft mir dabei, glücklich abstinent zu leben. Zufrieden abstinent leben – das ist mir wichtig.

Ich habe Glück gehabt, Hilfe dabei gehabt, dass es mir heute so geht, wie es mir geht.

(Britta Sarbok-Heyer)

Britta ist eine wunderbare Inspiration, ein ermutigendes Vorbild. Eigentlich wollte sie mit ihrem Engagement aufhören, wenn Computerspielsucht anerkannt ist. Sie hatte nicht erwartet, dass es so schnell geht. Sie macht weiter, ist noch motiviert und die Arbeit mit der Gruppe tut ihr auch selbst gut.

Dort kann ich mich manchmal auch einfach mal auskotzen.

(Britta Sarbok-Heyer)

Sie leistet “großartige Pionierarbeit” (Zitat eines Teilnehmers aus dem Webinar). Interesse an einer Vernetzung mit Britta Sarbok-Heyer wurde von einem anderen Teilnehmer bekundet, der ebenfalls eine Selbsthilfegruppe leitet.

Ich bin und bleibe ja nur eine betroffene Kinderkrankenschwester. Die Erfahrung aus fünf Jahre Selbsthilfegruppe habe ich und teile ich gerne.

(Britta Sarbok-Heyer)

Eine Selbsthilfegruppe oder ein Therapeut bzw. eine Therapeutin kann Dein Anker sein, die Veränderung liegt bei jedem selbst. Du bist das Schiff, steuern musst Du Dich alleine. Wichtig ist, dass Du Dich auf den Weg machst, wenn Du das Bedürfnis nach Veränderungen in Deinem Leben spürst. Dabei unterstützende Hilfe anzunehmen ist keine Schwäche, sondern eine Stärke!

Im Nachgang zu unserem Webinar hat die dpa mit unserer Referentin Britta Sarbok-Heyer ein Interview geführt, welches in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht wurde.

Hogwarts Mystery "Hogwarts Mystery" - Das Mysterium Zeit und Kosten bei "Mobile Games" Bison Smartphone-Nacken Selfies, die gesündeste Nutzung des Smartphones?
Diesen Artikel Teilen auf:
Interessante Beiträge

Diskussion

Du hast Fragen oder Anregungen?

Schreib uns gerne eine Nachricht, wir helfen Dir weiter.

webcare+ ist in der Sommerpause! Ab dem 20. August 2018 gibt es wieder neue Informationen und Artikel rund um virtuelle Welten und digitale Medien.