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Leuchtschrift "Play"

Clem Onojeghuo / Unsplash.com

Im Rausch von Online-Glücksspiel: Vicky erzählt uns ihre Geschichte

25 Februar 2021

Lesezeit 8 Minuten

„Mein Name ist Vicky, ich wohne in Nordhessen und ich glaube, ich war süchtig nach Online-Glücksspiel.

Mit meinem ehemaligen Lebenspartner bin ich an den Wochenenden oft in tschechische Casinos gefahren. Da habe ich mir die Zeit an Spielautomaten vertrieben. Irgendwann hat mir eine Freundin dann erzählt, dass es solche Automatenspiele auch im Internet gibt. Ich habe mich bei einer Plattform angemeldet, Geld eingezahlt und losgespielt. Mein Partner hat mitgemacht. Das war 2010, da steckte ich mitten in einer Depression. So fing das alles an…

Mir war klar, dass Online-Glücksspiel völliger Blödsinn war

Das Absurde: Es war von vornherein klar, dass ich kein Geld ausgezahlt bekommen würde. Zu gewinnen gab es in dem Spiel nur Punkte, die ich dann immer wieder in neue Spiele investieren konnte. Mir war schon bewusst, dass das eigentlich völliger Blödsinn ist, weil das eingezahlte Geld weg war. Aber ich habe mich damit beruhigt, dass ich ja sonst keine Hobbys hatte oder für irgendetwas anderes viel Geld ausgab. Dann konnte ich mir den Spaß doch gönnen, habe ich mir gesagt.

Ein paar Mal habe ich auch um Geld gespielt und sogar 300 Euro gewonnen. Das wollte ich mir auszahlen lassen und musste dafür eine Kopie meines Personalausweises an die Betreiber schicken. Rückblickend habe ich hoch sensible Daten an mir völlig unbekannte Leute geschickt. In dem Moment war mir das total egal, da habe ich nicht weiter drüber nachgedacht. Irgendwann wurde diese Plattform geschlossen, weil sie in Deutschland illegal betrieben wurde. Da war ich eigentlich auch richtig froh drüber. Wer weiß, wo das sonst hingeführt hätte.

Online-Glücksspiel war mein Rückzugsort

Ich bin dann leider tiefer in die Depression geraten. Nicht wegen des Online-Glücksspiels, über die Umstände möchte ich hier aber nicht reden. In dieser Zeit war das Online-Glücksspiel mein Rückzugsort, meine kleine heile Welt. Wenn ich gespielt habe, musste ich nicht nachdenken, war abgelenkt. Beim Spielen habe ich mich gut gefühlt (oder zumindest besser als sonst) und hatte kleine Erfolgserlebnisse.

An manchen Tagen habe ich zwölf bis 15 Stunden im Online-Casino verbracht. Vor allem dann, wenn mein Partner beruflich mehrere Tage unterwegs war. Ich wollte so viel wie möglich spielen und so wenig wie möglich schlafen. Bevor er wieder heim kam, habe ich auf den letzten Drücker schnell den Haushalt erledigt, damit er nicht mitbekommt, was da vor sich geht.

Sanduhr

Foto: moritz320 / Pixabay.com

Zuhause fehlte die soziale Kontrolle

Er hat zwar selbst gespielt, allerdings sehr verhalten, nur hier und da mal ein Stündchen. Mit dem Aufhören hatte er nie ein Problem, auch nicht in den Casinos. Wobei: Dort fiel es mir auch viel leichter. In den Casinos hatte ich mich gut unter Kontrolle. Da haben die anderen Menschen ja auch mitbekommen, wie viel ich gespielt habe. Diese soziale Kontrolle fehlte natürlich, wenn ich alleine zuhause am Computer spiele.

Allerdings glaube ich, dass von den Freund*innen aus dem Casino viele spielsüchtig waren. Die haben am ersten Tag des Monats ihr Gehalt abgehoben und wenige Tage später war es komplett verzockt. Das hat mich abgeschreckt, da wollte ich nie dazu gehören und ich habe mich auch nicht dazu gezählt. Ich habe sogar mal eine Zeitlang in einer Spielhalle gearbeitet. Das war überhaupt kein Problem für mich. Ich hab zwar nach meiner Schicht mal fünf der zehn Euro in einen Automaten geworfen. Aber das Aufhören war da für mich nie ein Problem.

Durch Online-Bezahlung habe ich die Kontrolle verloren

In den zehn Jahren habe ich bestimmt fünf- bis zehntausend Euro in Online-Glücksspiel gesteckt. Auf die Jahre gerechnet klingt das vielleicht nicht so viel. Aber wenn ich überlege, was ich damit jetzt alles machen könnte, wenn ich es angespart hätte. Online zu bezahlen, hat mich ein Stück weit die Kontrolle über meine Ausgaben verlieren lassen. Ich habe mich immer wieder damit beruhigt, dass ich mich finanziell nie in Schwierigkeiten gebracht habe. Ich konnte Miete und Lebensmittel bezahlen, auch wenn ich mir zum Spielen manchmal Geld von Familie oder Freund*innen leihen musste.

Natürlich habe ich denen nicht ehrlich gesagt, wofür ich das Geld nutzen wollte. Ich habe es mir mit Lügen erschlichen. Wenn ich gerade so schön im Spielrausch war und auf einmal waren die Punkte weg, ohje! Dann habe ich zum Beispiel meine erwachsenen Kinder angerufen und gefragt, ob sie mir am nächsten Kiosk einen Code kaufen können, mit dem ich online bezahlen konnte. Zur Begründung habe ich mir dann irgendwelche Ausreden einfallen lassen. Heute weiß ich, dass meine Kinder da nach ein paar Mal schon geahnt haben, dass etwas faul ist. Sie haben mir ab dann nur noch geantwortet, dass sie selbst gerade knapp bei Kasse seien und mir nichts leihen könnten.

Ich habe trotz schlechtem Gewissen weitergespielt

Das schlimme ist, dass ich ein wahnsinnig schlechtes Gewissen hatte, es aber trotzdem nicht lassen konnte. Da ging mir dann irgendwann ein Licht auf. Da stimmt doch irgendwas nicht! Das ist doch nicht normal! Aber zu der Zeit war ans Aufhören überhaupt noch nicht zu denken. Irgendwie habe ich es immer wieder geschafft, mich selbst zu beruhigen.

Die Plattformen locken einen natürlich auch mit Angeboten und Geschenken. Fürs tägliche Einloggen gibt es extra Punkte, bei jedem Log In gibt’s ein Punkte-Glücksrad, bei langen Abwesenheiten gibt’s eine E-Mail mit reizvollen Extras, in den regelmäßigen Newslettern sowieso. Da habe ich mir dann gedacht, ich könnte ja nur noch mit den geschenkten Punkten spielen, dann brauche ich gar kein Geld mehr einzahlen. Außerdem wollte ich mir die geschenkten Punkte nicht entgehen lassen. Das war wie im Rausch, wie ein Teufelskreis.

Fragezeichen am Ende eines Flurs

Foto: Emily Morter / Unsplash.com

Ich habe sogar nachts im Traum gespielt

In den schlimmen Phasen musste ich immerzu ans Online-Glücksspiel denken: Bei Treffen mit Freund*innen, bei Geburtstagspartys mit der Familie, an der Arbeit. Das Zusammensein konnte ich überhaupt nicht genießen. Es hat mich die ganze Zeit in den Fingern gejuckt. Wann kann ich endlich nach Hause? Wann kann ich endlich wieder spielen? Sogar nachts im Schlaf habe ich die Walzen der Spielautomaten drehen lassen. Ich war gedanklich komplett gefangen.

Durch diesen Spiel-Zwang habe ich auch viel zu wenig Schlaf bekommen. Wenn ich abends am Computer saß und am Gewinnen war, habe ich immer weiter und weiter gespielt. Ich kann doch jetzt nicht abbrechen, habe ich mir gedacht. Dann habe ich vielleicht nur zwei bis drei Stunden geschlafen, obwohl ich am nächsten Morgen zur Arbeit musste. Wenn ich mal ein paar Tage frei hatte, habe ich mich darüber gefreut, dass ich mehrere Tage am Stück durchspielen konnte. Wenn dann direkt am ersten Abend die Punkte schon alle verspielt waren, kam Panik auf. Was soll ich denn jetzt die restlichen Tage machen?

Mich hat fast nur noch das Online-Glücksspiel interessiert

Ich war überhaupt nicht in der Lage, mich mit etwas anderem so lange zu beschäftigen. Ich habe zwar oft darüber nachgedacht, womit ich mir sonst die Zeit vertreiben könnte. Aber ich habe nichts gefunden, was ich lieber gemacht hätte. Über Sport oder Zeichnen habe ich zum Beispiel nachgedacht. Beides erschien mir aber so aufwendig in der Organisation. Mitgliedschaft abschließen und bezahlen, Zubehör kaufen… Ich glaube, ich habe mir das alles selbst schlecht geredet. Das Online-Glücksspiel erschien mir so viel bequemer. Ich musste nicht raus. Es bekam keiner mit – dachte ich zumindest.

Manchmal gab es Probleme mit der Internetverbindung, das hat mich dann richtig geärgert. Vor allem dann, wenn ich gerade so einen guten Lauf hatte.

Ich hatte Schulden bei Freund*innen und Familie

So richtig ins Grübeln bin ich erst geraten, nachdem ich mich von meinem damaligen Partner getrennt hatte und wieder alleine wohnte. Ich habe dann nach und nach alle Schulden an meine Familie und Freund*innen zurückgezahlt. Und dann bin ich vorsichtiger geworden. Ich wollte keine neuen Schulden machen. Auch psychisch ging es mir in der Zeit schon langsam besser, Stück für Stück raus aus der Depression. Und dass mein Spielverhalten nicht mehr gesund, sondern gefährlich war, dessen war ich mir ja schon länger bewusst.

Irgendwann habe ich auch angefangen, darüber zu reden. Ich habe meinen Vertrauten erzählt, dass ich spiele, wenn auch nicht wie viel. Das war wohl eine Art Hilferuf oder Anker. Wenn die Menschen um mich herum Bescheid wissen, dann fragen sie vielleicht auch mal nach. Wenn ich nach Geld frage, dann fragen sie mich hoffentlich warum. Schritt für Schritt bin ich so in die richtige Richtung gegangen.

Herz, Stern und Smiley mit Leuchtstäben

Foto: Bambi Corro / Unsplash.com

Ein harter Schlussstrich war wichtig für mich

Letztes Jahr kurz vor Weihnachten kam dann ein Punkt, da hat es Klick gemacht. Ich hatte nochmal Geld eingezahlt, das was aber ganz schnell weg und ich war sauer. Dann habe ich den Computer ausgestellt und zu mir selbst gesagt: Das war’s! Ich spiele nicht mehr! Der Reiz des Spieles hört sonst nie auf. Da hilft nur eines: Aufhören und zwar komplett! Den Gedanken hatte ich zwar schon häufiger, aber die Kurve zu kriegen, war immer das Problem.

Seitdem habe ich kein einziges Mal gespielt. Ich merke, dass der Computer an sich für mich ein ganz großer Reizfaktor ist. Ich will ihn am liebsten gar nicht mehr anmachen, um nicht in Versuchung zu geraten. Auch wenn ich eigentlich das Gefühl habe, mich recht gut unter Kontrolle zu haben. Wenn ich jetzt nach der Arbeit heim komme, beschäftige ich mich lieber mit Kochen, TV oder dem Handy. Bei Handyspielen habe ich dieses zwanghafte Gefühl zum Glück überhaupt nicht. Da bin ich nach einer Weile genervt und habe keine Lust mehr. Ich spreche auch viel mit meiner Familie und treffe mich häufig mit meiner Schwester.

Online-Glücksspiel-Konto ließ sich nicht einfach löschen

Letztens musste ich etwas vom Computer auf mein Handy übertragen, da musste ich den PC kurz anmachen. Dafür habe ich mir bewusst einen Moment ausgesucht, in dem es mir gut ging und ich mich stark gefühlt habe. Außerdem musste ich kurze Zeit später an die Arbeit, hätte also gar keine Zeit zum Spielen gehabt. Aber neugierig war ich schon. Welches Angebot machen sie mir wohl, weil ich jetzt vier Wochen nicht drin war? Aber ich habe mir gesagt: Nein, wenn du jetzt auch nur kurz spielst, waren die vier Wochen umsonst. Das hat mich davon abgehalten.

Ich habe auch schon oft darüber nachgedacht, meine Konten – ich hatte drei – auf der Online-Glücksspiel-Plattform zu löschen. Aber das ist gar nicht so einfach. In den Einstellungen geht das wohl gar nicht. Ich konnte mir ein Einzahlungs- oder Tageslimit einstellen. Ob oder wie die Löschung eines Kontos überhaupt möglich ist, konnte ich nicht herausfinden. Aber die Newsletter habe ich deaktiviert, damit ich nicht ständig Werbung von der Plattform bekomme. Inzwischen hat meine Tochter mir geholfen. Sie hat irgendwas am Computer eingestellt, sodass ich weder die Plattform aufrufen, noch mich anmelden, noch Mails von ihr empfangen kann. Keine Ahnung, wie sie das gemacht hat, aber das ist vermutlich auch besser so.

Game Over in Leuchtbuchstaben

Foto: Saskia Rößner / webcare+

Vertraut euch euren Mitmenschen an! Nehmt Hilfe an!

Ich möchte den Leuten, denen es ähnlich geht wie mir noch etwas sagen. Es hilft wirklich nur eines: Aufhören! Sucht euch Menschen, denen gegenüber ihr euch öffnen und anvertrauen könnt. Es hilft, zu reden und zu beichten, falls ihr Dummheiten gemacht habt. Richtige Freund*innen und Familie haben Verständnis. Mit Unterstützung könnt ihr da wieder rauskommen. Lasst euch helfen!“

Eure Vicky


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