Blog

Ein Arm mit einer bunten Uhr und bunten Fingernägeln.

Foto: Analia Baggiano / Unsplash.com

Wie viel Zeit sind wir wirklich online? Über Selbsteinschätzungen unserer Onlinezeit…

23 Juli 2020

Lesezeit 6 Minuten

Viele Studien zum Thema Onlinezeit stützen sich auf Umfragen. Wie lange bist Du täglich online? Welche Online-Angebote nutzt Du am meisten? Hat sich Deine Nutzungszeit in den letzten Wochen verändert? Wenn ja, ist sie höher oder niedriger geworden? Solche oder so ähnliche Fragen werden zufällig ausgewählten Personen gestellt.

Doch wie steht es eigentlich um unsere Selbsteinschätzung?

Selbsteinschätzung und tatsächliche Onlinezeit

Zu der Frage, wie nah unsere Selbsteinschätzung an unserer tatsächlichen Onlinezeit liegt, gibt es eine Hand voll Studien. Auf den Geräten der Studienteilnehmenden wurden Tracking Apps installiert, die die Internetnutzung haargenau messen konnten. Diese Messergebnisse wurden mit den Antworten aus einem Fragebogen zur Selbsteinschätzung verglichen. Leider sind die wissenschaftlichen Artikel alle in englischer Sprache veröffentlicht. Wir fassen hier aber die wichtigsten Kernaussagen für Dich zusammen.

Die niederländischen Wissenschaftler*innen Theo Araujo, Anke Wonneberger, Peter Neijens und Claes de Vreese (2017) haben in einer Studie mit 690 Teilnehmenden getestet, wie weit deren Selbsteinschätzung und tatsächliche Onlinezeit auseinander lagen. Das Ergebnis: Die Selbsteinschätzung der Testpersonen war überwiegend sehr ungenau. Die Tendenz ging eher dahin, dass die Personen ihre Onlinezeit zu hoch einschätzten.

Michael Scharkow (2016) hat in Deutschland eine zweimonatige Studie mit 3.401 Testpersonen durchgeführt. Auch hier waren die Selbsteinschätzungen der Teilnehmenden von geringer Genauigkeit. Die Schätzungen zur Social Media Nutzung war dabei etwas genauer als diejenigen zur generellen Internetnutzung.

Junco (2013) hat nur die Nutzungszeit von Facebook untersucht. 45 Testpersonen schätzen ihre Nutzungszeit durchschnittlich um ein vielfaches höher ein als sie tatsächlich war.

Also von wegen den ganzen Tag online sein? Alles gar nicht so schlimm?

Uhr

Foto: Djim Loic / Unsplash.com

Tücken der Tracking Apps

Die oben vorgestellten Studien haben jedoch lediglich die Onlinenutzung über einen Computer oder Laptop und teilweise über ein Tablet untersucht. Die Smartphone-Nutzung wurde nicht erfasst.

Vermutlich würden die Forschungsergebnisse ganz anders aussehen, wenn das Smartphone mit einbezogen worden wäre. Denn viele Menschen gehen heute hauptsächlich über das Handy ins Internet. Jede Nachricht über WhatsApp, Instagram oder E-Mail, jede Online-Bestellung, jede Navi-Anfrage, jede Wettervorhersage und eigentlich fast alles am Smartphone ist Onlinezeit. Vermutlich kann also eine Studie, die das Smartphone nicht miteinbezieht, gar nicht so viel über unsere tatsächliche Onlinezeit aussagen.

Melanie Revilla et al. (2016) haben dieses Problem erkannt. In ihrer Studie haben sie versucht, den Mangel zu umgehen. Sie haben 600 Testpersonen befragt, wie viele Geräte sie nutzen, um online zu gehen. Und sie haben auch gefragt, ob die Tracking App auf allen Geräten installiert war. Die Antwort: Fast alle (96 %) nutzen mehr als ein Gerät, aber mehr als die Hälfte der Testpersonen hatten die App nicht auf allen Geräten installiert. Die Messergebnisse decken also nur einen Teil der tatsächlichen Onlinezeit ab.

Das Forschungsteam hat die Studienteilnehmenden daraufhin gefragt, wie viel Zeit sie an einem durchschnittlichen Wochentag online verbracht haben – auf den Geräten mit der Tracking App und insgesamt auf allen Geräten. Das Ergebnis: Laut Selbsteinschätzung der Teilnehmenden liegt die Onlinezeit aller Geräte (257 Minuten) etwa doppelt so hoch wie die Zeit, die mit den getrackten Geräten (122 Minuten) verbracht wurde.

Neben dem Problem von mehreren Geräten konnte das Forschungsteam noch andere mögliche Fehlerquellen bei der Messung der Onlinezeit ausmachen: Technische Fehler, Pausieren der Tracking App, spezielle Websites als Tracking-Ausnahme (konnten vorher eingestellt werden), die Nutzung der Geräte durch mehrere Personen, usw.

Liegen wir am Ende mit unserer Selbsteinschätzung also vielleicht doch näher an der Wahrheit als die Messergebnisse?

Wecker

Foto: Malvestida Magazine / Unsplash.com

Onlinezeit und Onlinesucht

Unabhängig davon, wie genau unsere Selbsteinschätzung ist: Zum einen sagt die Onlinezeit allein in der Regel nicht viel darüber aus, ob eine Person süchtig nach einem Online-Angebot ist oder nicht. Internetsucht als medizinische Diagnose fußt auf einer Reihe von Kriterien, bei denen die Nutzungszeit nur eine Nebenrolle spielt:

  1. Musst Du immerzu ans Onlinesein denken?
  2. Hast Du das Bedürfnis, immer mehr Zeit im Internet zu verbringen?
  3. Hast Du bereits erfolglos versucht, deine Internetnutzung zu reduzieren?
  4. Fühlst Du Dich nervös, launisch, traurig oder gereizt, wenn Du nicht im Internet sein kannst?
  5. Verbringst Du mehr Zeit im Internet als vorgesehen?
  6. Gefährdet deine Internetnutzung Freundschaften, Beziehungen, Arbeit oder Ausbildung?
  7. Hast Du schon einmal Familie oder Therapeut*innen über deine Internetnutzung belogen?
  8. Nutzt Du das Internet, um Dich von Problemen oder schlechten Gefühlen abzulenken?

Diese Kriterien wurden von der Psychologin Kimberly Young schon im Jahr 1998 für Internetsucht vorgeschlagen, finden aber heute noch Verwendung. Die Diagnosekriterien für andere Suchterkrankungen sind übrigens ähnlich.

Bildschirminhalte statt Bildschirmzeit!

Zum anderen sagt die reine Bildschirmzeit nichts darüber aus, welche Medien konsumiert werden. Das Internet ist so groß und digitale Medien so vielfältig, dass wir die Fülle an Angeboten kaum überblicken können. Vermutlich macht es für unser Gehirn, unsere Entwicklung und unser Wohlbefinden einen Unterschied, welche Online-Angebote wir nutzen und wie wir sie nutzen:

  • Aktiv oder passiv?
  • Beruflich oder privat?
  • Text- oder medienbasiert?
  • Unterhaltung, Information oder Kommunikation?
  • usw.

Diese Fragen finden wir so spannend, dass wir uns damit in einem zukünftigen Blogartikel noch einmal genauer beschäftigen wollen. Falls Du dazu schon interessante Studien oder wissenschaftliche Artikel kennst, freuen wir uns über Deine Literaturempfehlung per E-Mail oder Nachricht auf Facebook, Instagram oder Twitter.

Literatur

Vater und Sohn am Strand. Vater hält ein Handy in der Hand. Medienerziehung: Wie beeinflussen Eltern die Handynutzung ihrer Kinder? Minecraft-Figur in der analogen Welt nachgebaut Creative Gaming: Medienkritik, die Spaß macht
Diesen Artikel Teilen auf:
Interessante Beiträge

Du hast Fragen oder Anregungen?

Schreib uns gerne eine Nachricht, wir helfen Dir weiter.