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Handy mit Pflaster, daneben Stetoskop und anderes medizinisches Zubehör.

Foto: Bru-nO / pixabay.com

Mediensucht erkennen – Safer Internet Day #OnlineAmLimit

07 Februar 2023

Lesezeit 7 Minuten

Am 7. Februar 2023 ist der Safer Internet Day. „Together for a better Internet – unter diesem Motto machen sich alljährlich im Februar viele Menschen und Institutionen auf der ganzen Welt dafür stark, die Sicherheit im Internet zu verbessern“, schreibt Klicksafe. Das Projekt ist seit 2004 für die Koordination des Safer Internet Day in Deutschland zuständig. Jedes Jahr beleuchtet der Safer Internet Day ein spezielles Thema, das zum übergeordneten Motto passt. Im Jahr 2023 dreht sich unter dem Hashtag #OnlineAmLimit alles um gesunde Mediennutzung, Medienstress und Mediensucht. Doch wie lässt sich Mediensucht erkennen? Was unterscheidet einen unbedenklichen Medienkonsum von einem riskanten Medienkonsum? Wo verläuft die Grenze zwischen riskant und abhängig?

Mediensucht erkennen mit dem ICD-11

Eine allgemeine Internetsucht oder Handysucht gibt es wahrscheinlich gar nicht. Bei Menschen, die digitale Medien suchtartig nutzen, ist das krankhafte Verhalten in der Regel auf ein bestimmtes Medium gerichtet. Beispielsweise Videospiele oder soziale Netzwerke.

Erst seit 2022 ist im internationalen Diagnosekatalog (ICD) suchtartiges Computerspielen aufgelistet. Das heißt, erst seit kurzem können Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen ihre Patient*innen offiziell als computerspielsüchtig diagnostizieren und behandeln.

Zeichnung: EIne Person klappt einen Schädel auf und tauscht das darin befindliche Handy egegen ein Gehirn aus.

Grafik: mohamed_hassan / pixabay.com

Auch Online-Pornografie und Online-Glücksspiel werden im neuen ICD als potentielle Suchtmittel berücksichtigt. Soziale Netzwerke oder Messenger finden hingegen noch keine Berücksichtigung, da es hierzu noch an Forschung fehlt. Vorerst können die Kriterien der Computerspielsucht aber auch für andere digitale Suchterkrankungen herangezogen werden. Diese Kriterien sind:

Suchtkriterien nach ICD-11

  1. „Eingeschränkte Kontrolle über das Spielen (z. B. Beginn, Häufigkeit, Intensität, Dauer, Beendigung, Kontext);
  2. Zunehmende Priorität des Spielens in dem Maße, dass das Spielen Vorrang vor anderen Lebensinteressen und täglichen Aktivitäten hat; und
  3. Fortsetzung oder Eskalation des Spielens trotz negativer Konsequenzen.“

Um Alltagshandlungen und Hobbies nicht vorschnell zu pathologisieren, hebt das ICD zwei Aspekte noch einmal besonders hervor: Den Leidensdruck und das Andauern der Symptome.

„Das Spielverhalten führt zu einem ausgeprägten Leidensdruck oder einer erheblichen Beeinträchtigung in persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen. Das Spielverhalten und andere Merkmale sind normalerweise über einen Zeitraum von mindestens zwölf Monaten zu beobachten, damit eine Diagnose gestellt werden kann, obwohl die erforderliche Dauer verkürzt werden kann, wenn alle diagnostischen Anforderungen erfüllt sind und die Symptome schwerwiegend sind.“

Mediensucht erkennen mit dem DSM-5

Ein paar Jahre früher als das ICD hat bereits das US-amerikanische Diagnosehandbuch DSM die Computerspielsucht aufgenommen. Während das ICD nur drei Kriterien auflistet, führt das DSM neun Kriterien an. Die Übersetzungen und Beispielfragen stammen von webcare+.

Suchtkriterien nach DSM-5

  1. Gedankliche Vereinnahmung (preoccupation): Beschäftigst Du Dich oft so intensiv mit dem Medium, dass Du Dich darin gedanklich verlierst?
  2. Entzugserscheinungen (withdrawal): Fühlst Du Dich reizbar, ängstlich oder traurig, wenn Dir das Medium weggenommen wird?
  3. Toleranzentwicklung (tolerance): Steigt Deine Nutzungszeit immer weiter oder hast Du das Gefühl, immer mehr Zeit mit dem Medium verbringen zu müssen, um zufrieden zu sein?
  4. Kontrollverlust (unsuccessful attempts to stop or reduce): Hast Du schon mehrfach versucht, weniger Zeit mit dem Medium zu verbringen, bist aber gescheitert?
  5. Interessensverlust (loss of interest in other hobbies): Verbringst Du Deine Freizeit am liebsten mit Medien statt anderen Hobbies oder Interessen nachzugehen?
  6. Fortführung trotz Negativfolgen (excessive use despite problems): Bemerkst Du negative Folgen deiner Mediennutzung (z.B. Kopfschmerzen, Konzentrations- und Schlafstörungen), nutzt sie aber weiterhin wie gewohnt?
  7. Unehrlichkeit (deception): Hast Du Familienmitglieder, Lehrkräfte oder andere Mitmenschen bezüglich Deiner Mediennutzung belogen oder sie vor ihnen verheimlicht?
  8. Gefühlsregulierung (escape from negative mood): Beschäftigst Du Dich mit dem Medium, um Dich von Problemen oder negativen Gefühlen (z.B. Druck, Streit, Ängste) abzulenken?
  9. Konflikte (jeopardized relationships or job opportunities): Führt Deine Mediennutzung häufig zu Streit und Konflikten in der Familie, in der Schule oder am Arbeitsplatz?

Für die Diagnose einer Suchterkrankung müssen nicht alle neun Kriterien erfüllt sein. Es reichen bereits fünf, um eine Diagnose in Erwägung zu ziehen. Wie beim ICD auch, sollten die Symptome allerdings über einen längeren Zeitraum (etwa 12 Monate) andauern.

Wichtig: Sowohl die der ICD als auch der DMS sind nicht dafür gedacht, sich selbst oder anderen laienhaft eine Suchterkrankung zu bescheinigen. Eine solche Erkrankung ist eine ernstzunehmende Angelegenheit und sollte daher nur von Expert*innen diagnostiziert und behandelt werden.

Zeichnung: Arzt steht neben einem überdimensonal großen Gehirn und macht sich Notizen.

Grafik: mohamed_hassan / pixabay.com

Smart@net: Selbsttest und professionelle Erste Hilfe bei exzessiver Mediennutzung

Die Kriterien aus ICD und DSM sowie ein paar weitere Aspekte hat ein wissenschaftliches Team in einen Selbsttest gepackt.  Dieser ist in einer kostenfreien App verfügbar. Der große Vorteil: Solltest Deine Mediennutzung tatsächlich bedenklich sein, bietet Dir die App direkt professionelle Hilfe an. Studienleiter Prof. Dr. Hans-Jürgen Rumpf erklärt:

„Wer an SCAVIS teilnehmen möchte, lädt sich als erstes die App smart@net herunter. In der App gibt es einen ersten Fragebogen, der das Nutzungsverhalten checkt. Für Personen, die Hinweise auf einen problematischen Medienkonsum zeigen, folgt ein vierwöchiges Programm mit weiteren Fragebögen und sehr individueller Rückmeldung. Hier geht es um Erwartungen und Ängste in Bezug auf die Onlinenutzung. Zum Beispiel inwieweit Fear of Missing Out (FoMO), also die Angst, etwas zu verpassen, eine Rolle spielt. Wir stellen Tipps und Anregungen für einen gesünderen Medienkonsum bereit. Das passiert alles in der App. Idealerweise reichen diese vier Wochen schon aus, um das Nutzungsverhalten auf ein unbedenkliches Niveau zu bringen. Falls das nicht der Fall ist, bieten wir zwei telefonische Kurzinterventionen von je 50 Minuten mit Psychotherapeut*innen an. Hier geht es vor allem um den Aufbau von Motivation und Tipps zur tatsächlichen Umsetzung. Solche Gespräche wirken in der Regel stärker, weil sie einen persönlichen zwischenmenschlichen Kontakt beinhalten. Teilnehmende, bei denen das auch noch nicht den gewünschten Erfolg bringt, können eine Online- Gruppentherapie über die Dauer von 15 Wochen nutzen. Personen, die gleich beim Anfangs-Fragebogen eine sehr ausgeprägte Internetnutzungsstörung zeigen, bieten wir direkt diesen dritten Schritt an.“

Link zum Blogartikel über SCAVIS und smart@net (webcare+ Website)

Link zur App smart@net für Android (Google Play Store)

Link zur App smart@net für iOs (Apple App Store)

Hilfe vor Ort bei Mediensucht

In der interaktiven Hilfe-Karte von webcare+ findest du Anlaufstellen in Deiner Nähe: Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen, Wohngruppen oder Suchtkliniken.

Link zum Hilfe-Finder (webcare+ Website)

Quellen

Bettina Besser, Lotta Loerbroks, Gallus Bischof, Anja Bischof und Hans-Jürgen Rumpf (2019): Performance of the DSM-5-based criteria for Internet addiction: A factor analytical examination of three samples, Journal of Behavioral Addictions 8(2): 288–294, doi: 10.1556/2006.8.2019.19.

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) (2022): ICD-11 in Deutsch, Entwurfsfassung, Stand 01.02.2023, Link zur Computerspielstörung im ICD-11 (BfArM-Website).

Link zu Hintergrundinfos zum Safer Internet Day (Klicksafe-Website)

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