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Auf einer Tastatur liegen ein Tennisball und viele Euro-Mümzen. Im Hintergrund zeigt der Bildschirm das Wort "Match".

Foto: top10-casinosites/pixabay

Online-Sportwetten: Wetten, Du verlierst?

26 März 2020

Lesezeit 8 Minuten

Vor einiger Zeit haben wir uns schon einmal dem Thema Online-Glücksspiel und Glücksspielsucht gewidmet. Den Blogartikel dazu kannst du hier nachlesen. Bei unseren damaligen Recherchen ist uns aufgefallen, dass Online-Sportwetten und Wettsucht nochmal eine ganz eigene Dynamik haben. Das war uns einen eigenen Blogbeitrag wert. Deshalb haben wir den Psychologen und Glücksspielsucht-Experten Dr. Tobias Hayer von der Uni Bremen interviewt.

Wie viele Menschen in Deutschland wetten auf Sportergebnisse?

Tobias Hayer: Nach einer repräsentativ angelegten Bevölkerungsumfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 2017 haben etwa 1,4 Millionen Menschen in Deutschland innerhalb der letzten zwölf Monate auf ein sportliches Ereignis gewettet. Sportwetten erweisen sich dabei vor allem unter jungen Männern als beliebt. Triebfeder für diese Aktivität ist eine allgemeine Begeisterung für den Sport und hierzulande vor allem für Fußballspiele. Der ohnehin schon vorhandene hohe Grad an Emotionalität kann mit dem Platzieren einer Sportwette noch weiter gesteigert werden.

Wie viel Geld wird dabei jährlich umgesetzt?

Tobias Hayer: In 2019 beliefen sich die Wetteinsätze hierzulande auf etwa 9,3 Milliarden Euro, Tendenz weiterhin spürbar ansteigend. Dieser Boom basiert im Wesentlichen auf den attraktiven wie mannigfaltigen Wettangeboten zahlreicher Privatunternehmen.

Interessant – und aus der Perspektive der Suchtprävention zugleich bedenklich – ist in diesem Zusammenhang auch die Explosion der Werbeausgaben für Sportwetten. Diese expansive Werbung hat eine Anreizfunktion und führt letztlich dazu, dass die soziale Akzeptanz von Sportwetten in breiten Bevölkerungsschichten deutlich erhöht wird. Zugleich rücken die mit diesen Produkten einhergehenden Suchtgefahren immer mehr in den Hintergrund.

Warum zählen Sportwetten als Glücksspiel?

Tobias Hayer: Im Allgemeinen sind Glücksspiele durch drei Merkmale definiert. Zunächst beginnt jedes Glücksspiel mit einem Geldeinsatz. Zudem werden Gewinne in Aussicht gestellt, die einen nicht unerheblichen Vermögenswert bilden. Charakteristisch ist ferner, dass die Entscheidung über den Spielausgang ausschließlich (z. B. beim Lotto oder Roulette) oder überwiegend (z. B. Poker) vom Zufall abhängt.

Der letzten Kategorie gehören auch Sportwetten an, auch wenn viele Spielteilnehmer*innen die Überzeugung hegen, aufgrund ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten quasi auf der Gewinnerseite stehen zu müssen. Tatsächlich aber gibt es bei Sportwetten auf lange Sicht nur zwei sichere Profiteure: Zum einen die Anbieter*innen (aufgrund der Umsätze) und zum anderen der Staat (aufgrund der Steuereinnahmen). Alle anderen könnten durch Sportwetten natürlich ebenfalls reich werden – wenn sie viel Glück haben!

Tischkicker in der Nahaufnahme. Man sieht eine rote SPielfigur mit einem goldenen Ball vor den Füßen. Auf dem Spielfeld liegen 50-Euro-Scheine.

Foto: besteonlinecasinos/pixabay

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen Offline- und Online-Sportwetten?

Tobias Hayer: Auf der reinen Produktebene sind die Angebote kaum zu unterscheiden. Typisch für Offline-Sportwetten ist primär, dass mit den Wettbüros Aufenthalts- bzw. Verweilorte geschaffen werden. Das Wetten stellt dabei nur einen Teil der Aktivitäten dar. Hinzu kommen das Verfolgen von Sportereignissen live via TV oder das Fachsimpeln unter sportinteressieren Bekannten.

Ob diese Treffpunkte das Spielverhalten fördern (z. B. über das Leihen von Geld) oder eher hemmen (z. B. über die soziale Kontrollmöglichkeiten), lässt sich bislang aufgrund des Fehlens von validen Forschungsdaten nicht beantworten. Typisch für Online-Sportwetten sind indessen ihre ständige Verfügbarkeit und eben das weitgehende Fehlen dieser sozialen Elemente.

Online-Glücksspiel ist in Deutschland noch illegal, Online-Sportwetten jedoch nicht. Warum?

Tobias Hayer: Bereits 2012 hatte der Staat versucht, im Rahmen einer sogenannten Experimentierklausel den Sportwettmarkt für private Anbieter unabhängig vom Vertriebsweg zu öffnen. Allerdings ist er an einer Obergrenze, die eine Vergabe von bis zu 20 Konzessionen vorsah, gescheitert. Erst 8 Jahre später, zum 1. Januar 2020, trat eine Neuregelung ohne entsprechende Mengenbegrenzung für Sportwettanbieter in Kraft. Diese Zeitspanne und der damit einhergehende “Duldungsstatus” wurde von zahlreichen Unternehmen genutzt, um Fakten zu schaffen und ihre Wettangebote auch hierzulande bereitzustellen.

Ab Juli 2021 soll dann jegliche Form des Online-Glücksspiels legalisiert werden, also auch Online-Kasinospiele, Online-Automatenspiele oder Online-Poker.

Aus dem Blickwinkel eines Suchtforschers halte ich diese Entwicklung [Legalisierung des Online-Glücksspiels] für fatal, da eine derart weitreichende Liberalisierung mit einer deutlichen Zunahme an Spielanreizen und damit in letzter Konsequenz auch der Suchtgefahren verbunden sein dürfte.

Wie hoch ist das Suchtpotential von Sportwetten gegenüber anderen Arten von Glücksspiel?

Tobias Hayer: Das Suchtpotential einzelner Glücksspielformen hängt von ihren Veranstaltungsmerkmalen ab. Dabei sind insbesondere zwei Eigenschaften hervorzuheben: Trifft eine hohe Verfügbarkeit auf eine schnelle Spielgeschwindigkeit, gehen wir von gefährlichen Spielvarianten aus. So steht zum Beispiel das klassische Lotto “6aus49” mit seinem langgestreckten Spielablauf trotz der hohen Verfügbarkeit auf der Seite der eher harmlosen Spielvarianten.

Hingegen sind Geldspielautomaten, die sich in den rund 10.000 Spielhallen sowie knapp 50.000 Gaststätten befinden und Entscheidungen um Gewinn und Verlust im Sekundentakt anbieten, mit einem hohen Suchtpotential assoziiert.

Gemäß ihrer konkreten Ausgestaltung liegen Sportwetten zum Teil eher in der Nähe von Lotto (z.B. Toto, das Sportwettangebot von Lotto), zum Teil eher am anderen Ende dieses Spektrums (z.B. Live-Wetten).

Sind Online-Sportwetten riskanter als Offline-Sportwetten?

Tobias Hayer: Grundsätzlich zeichnen sich Online-Glücksspiele, und hierzu zählen die Online-Sportwetten, dadurch aus, dass sie jederzeit – also 24 Stunden 7 Tage die Woche – mit einem mobilen Endgerät an jedem Ort nachgefragt werden können.

Diese hohe Verfügbarkeit bzw. leichte Griffnähe, gepaart mit der Option einer anonymen Spielteilnahme, dem bargeldlosen Zahlungsverkehr und den zumeist schnellen Spielabfolgen sprechen dafür, dass zumindest bestimmte Formen von Online-Sportwetten riskanter als Offline-Sportwetten sind.

Insbesondere lassen sich hier Live-Wetten nennen, die sich auf bestimmte Ereignisse gerade stattfindender Sportevents beziehen (z.B. Wer macht den nächsten Punkt bei einem Tennisspiel?). Gewinne können sofort wieder eingesetzt und Verluste durch erneute Spielteilnahmen ohne Probleme ausgeblendet werden. Somit besteht die Gefahr, dass sich schrittweise eine gewisse Eigendynamik mit den entsprechenden Negativfolgen einstellt.

Wie viele Menschen in Deutschland sind süchtig nach Sportwetten?

Tobias Hayer: Aktuellen Repräsentativerhebungen zufolge gibt es in Deutschland etwa eine halbe Millionen Bundesbürger*innen, die ein problematisches („missbräuchliches“) oder sogar pathologisches („süchtiges”) Glücksspielverhalten zeigen. Die genaue Anzahl sportwettsüchtiger Personen ist jedoch unbekannt. Aus dem klinischen Setting wissen wir allerdings seit Jahren, dass der Anteil an Sportwettenden unter den hilfesuchenden Spielenden mitunter deutlich zunimmt.

Ebenfalls scheint es gewisse Risikogruppen zu geben: Hierzu zählen in erster Linie Männer, jüngere Menschen und Personen mit Migrationshintergrund. Zudem sind Mitglieder von Sportvereinen überzufällig häufig von glücksspiel- und speziell auch sportwettbezogenen Problemen betroffen.

Kann man unterscheiden zwischen einer Sucht nach Offline- oder Online-Sportwetten? Oder fließt beides zusammen?

Tobias Hayer: Grundsätzlich äußern sich die Suchtsymptome über alle Glücksspielformen hinweg in nahezu identischer Weise. Bei Sportwetten – sowohl online als auch offline – kommen noch ein paar Besonderheiten hinzu. Erstens hält sich bei den Betroffenen hartnäckig der Irrglaube, durch die eigene Expertise in Sachen Fußball und Co. in einfacher Weise zu Geld kommen zu können.

Zweitens beschränkt sich die Beschäftigung mit Sportwetten nicht auf das bloße Platzieren von Wetten: Vielmehr werden ständig Wettquoten verglichen, Sportstatistiken analysiert oder andere vermeintlich relevante Informationsquellen herangezogen.

Drittens erhöht die Konfrontation mit der omnipräsenten Werbung die Rückfallgefährdung erheblich. Dabei gibt es unter dem Strich sicherlich sowohl Betroffene, die nur offline oder aber nur online “zocken” bzw. beide Vertriebswege nutzen. In Zukunft dürfte es aber eine zunehmende Verlagerung in Richtung internetgestützte Sportwetten geben.

An wen können sich Betroffene oder Angehörige wenden, wenn sie sich zur Suchtgefahr von Sportwetten beraten lassen wollen oder Hilfe brauchen?

Tobias Hayer: Mittlerweile haben wir in Deutschland ein recht ausdifferenziertes Hilfeangebot für glücksspiel- und damit auch sportwettsüchtige Personen und ihre Angehörigen. Hierzu zählen in erster Linie die ambulanten Suchtberatungen und stationären Behandlungsangebote genauso wie die bundesweit knapp 200 Selbsthilfegruppen für Glücksspielende.

Zunehmend an Bedeutung gewinnen niedrigschwellige Kontaktmöglichkeiten in Form von Telefon-Hotlines, onlinegestützten Beratungen bzw. Chats oder Internetforen.

Für Betroffene gilt dabei folgende Daumenregel: Je früher derartige Hilfen in Anspruch genommen werden, desto besser sind die Grundlagen für eine nachhaltige Verhaltensänderung.

Hilfeangebote bei Glücksspielsucht und Wettsucht

Nahaufnahme einer Tastatur. Eine Taste ist blau eingefärbt. Auf ihr steht "Hilfe!". Ist Online-Beratung für Online-Süchtige geeignet?
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