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Mann mit Handy am Ohr

Foto: Freestocks / Unsplash.com

Ist Handystrahlung krebserregend?

14 April 2022

Lesezeit 6 Minuten

Eine Frage, die noch aus der Anfangszeit der Mobiltelefone stammt, aber dennoch bis heute besteht: Ist Handystrahlung krebserregend? Webcare+ beschäftigt sich nicht nur mit Mediensucht, sondern auch mit anderen möglichen negativen Gesundheitsfolgen von Mediennutzung. Beispiele dafür kannst Du hier nachlesen:

Sich auch mit der Frage nach dem Zusammenhang von Handynutzung und Tumorbildung zu befassen, ist daher naheliegend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Menschen mit einer Mediensucht mitunter deutlich mehr Zeit mit ihrem Smartphone verbringen als durchschnittliche Nutzer*innen. Sollte Handystrahlung krebserregend sein, würden Menschen mit Onlinesucht womöglich gleichzeitig auch zu Risikopatient*innen für Krebserkrankungen. Die Frage zu stellen, ist also durchaus berechtigt, ihre Beantwortung allerdings gar nicht so einfach.

Alte Bekannte: Sucht- und Krebserkrankungen

Krebszellen entstehen nicht von heute auf morgen. Oft braucht ein Tumor monate- oder jahrelang, um zu wachsen und entdeckt zu werden. Dann Rückschlüsse auf die Ursache zu ziehen, ist manchmal schwierig. Bei Alkohol- und Tabak-Konsum ist der Zusammenhang mit Krebserkrankungen inzwischen wissenschaftlich bestätigt. Die Deutsche Krebsgesellschaft warnt daher:

„Je mehr Alkohol getrunken wird, desto höher ist das Erkrankungsrisiko. […] Regelmäßiger Alkoholkonsum erhöht das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen, wobei nachweislich eine eindeutige Dosis-Wirkungsbeziehung besteht.“

Bräuchte es für Smartphones auch so einen Warnhinweis? Bei der Handystrahlung gibt es noch keine zweifelsfreie Datenlage. Allerdings reihen sich die Studien, die sich ihrer Erforschung angenommen haben. Die wohl größte Studie unter ihnen nennt sich MOBI-KIDS.

MOBI-KIDS-Studie: Kinder, Handys und Tumore

Die MOBI-KIDS-Studie wurde in den Jahren 2010 bis 2015 in 14 Ländern durchgeführt: Australien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Indien, Israel, Italien, Japan, Kanada, Korea, Niederlande, Neuseeland, Österreich und Spanien. Untersucht und befragt wurden Menschen im Alter von zehn bis 24 Jahren. 899 der Studienteilnehmenden hatten Hirntumore. Zum Vergleich und zur Kontrolle wurden außerdem 1.910 Menschen ohne Hirntumor untersucht.

Die Wissenschaftler*innen wollten damit der Antwort auf die Spur kommen, ob Handystrahlung krebserregend sein könnte. Genauer gesagt hatten sie dabei hochfrequente und extrem niederfrequente elektromagnetische Felder im Auge. Der Einfachheit halber sprechen wir im Weiteren aber ganz allgemein von Handystrahlung.

Frau mit Handy am Ohr

Foto: StockSnap / Pixabay.com

3.156 Anrufe und 177 Stunden Gesprächszeit

Um die gesamte Strahlenbelastung zu erfassen, hat das Forschungsteam von MOBI-KIDS versucht, die gesamte lebenslange Handynutzung der Studienteilnehmenden rückblickend zusammenzurechnen. Im Durschnitt sind dabei 3.156 Anrufe mit insgesamt 177 Stunden Gesprächszeit zusammengekommen. Beeindruckende Zahlen, oder?

Dabei hatten die jüngeren Kinder natürlich noch nicht so viel auf dem Buckel (1.075 Anrufe mit 53 Stunden) wie die älteren Teilnehmenden (8.427 Anrufe mit 655 Stunden). Aber auch die meisten jungen Kinder waren schon regelmäßige Handynutzer*innen (77 %). Bei den älteren waren dies fast alle (97-99 %). Fast jede*r vierte Studienteilnehmer*in nutzte schon seit mindestens zehn Jahren ein Handy.

Bei der Frage nach der Entstehung von Tumoren durch Handystrahlung haben sich die Wissenschaftler*innen aber nicht nur für die Dauer und Menge der Telefonnutzung interessiert. Auch der Ort des Tumors im Gehirn und technische Faktoren wurden berücksichtigt. Beispielsweise ob mit 1G, 2G oder 3G gesendet wurde. 4G und 5G gab es damals noch nicht. Mit dieser breiten Aufstellung hatte MOBI-KIDS eine gute Ausgangslage, um aussagekräftige Studienergebnisse herauszuarbeiten.

Studienergebnis: Ist Handystrahlung krebserregend?

Die MOBI-KIDS-Studie konnte keine Hinweise auf einen kausalen Zusammenhang zwischen der Nutzung von Mobiltelefonen und Hirntumoren finden. Ein geringfügig erhöhtes Risiko wollen die Forscher*innen aber nicht gänzlich ausschließen. Trotz der großen Anzahl an Studienteilnehmenden könnten zum Beispiel Erinnerungsschwierigkeiten der befragten Teilnehmenden in Bezug auf ihre tatsächliche Handynutzung oder ihre technischen Daten die Studienergebnisse verzerren.

Letztlich bleibt die Krankheit Krebs und ihre Entstehung in manchen Punkten wohl immer noch ein Rätsel. Weitere Längsschnittstudien (Studien, die über viele Jahre hinweg immer wieder die gleichen Leute befragen/untersuchen) könnten uns der Antwort auf die Frage „Ist Handystrahlung krebserregend?“ vielleicht irgendwann einmal zweifelsfrei beantworten.

Fürs erste können wir aber zumindest insofern beruhigt sein, dass ein Zusammenhang zwischen Handystrahlung und Krebs durch die groß angelegte MOBI-KIDS-Studie unwahrscheinlicher geworden ist.

Quelle

Castano-Vinyals et al. (2022): Wireless phone use in childhood and adolescence and neuroepithelial brain tumours: Results from the international MOBI-Kids study

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